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Debatte um psychische Gesundheit
Stress im Beruf wird zunehmend zum Problem
Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen hat Arbeitgeber und Gewerkschaften aufgerufen, gemeinsam gegen Stress am Arbeitsplatz zu kämpfen. "Es besteht Handlungsbedarf in unseren Betrieben", sagte sie bei einer Tagung mit Vertretern beider Seiten zu Psychostress im Job. Viel zu wenig Betriebe machten sich Gedanken darüber, wie sie ihre Belegschaft vor Stress und Burnout schützen könnten.
Die Zahlen sprächen eine deutliche Sprache, betonte die CDU-Politikerin. Die Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen seien in den vergangenen 15 Jahren um mehr als 80 Prozent gestiegen. Das bedeute für die Betriebe Produktionsausfälle von sechs Milliarden Euro. Von der Leyen hob hervor, schon heute seien die Arbeitgeber zur Prävention gesetzlich verpflichtet. Der psychische Arbeitsschutz gehöre inzwischen ebenfalls dazu.
Gemeinsame Erklärung gescheitert
Die geplante Unterzeichnung einer gemeinsamen "Erklärung zur psychischen Gesundheit bei der Arbeit" von Bundesarbeitsministerium, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) scheiterte vorerst. DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach machte die Arbeitgeberseite dafür verantwortlich und sprach von einer Blockade-Haltung. Sie forderte "klare Regeln durch eine Anti-Stress-Verordnung, mehr Mitbestimmung und Sanktionen gegen diejenigen Unternehmen, die das Arbeitsschutzgesetz nicht einhalten".
Immer mehr Menschen leiden unter Stress und Leistungsdruck
tagesschau 16:00 Uhr, 29.01.2013, Axel Finkenwirth, ARD Berlin
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt signalisierte weitere Gesprächsbereitschaft, betonte allerdings, es sei falsch, psychische Erkrankungen vorrangig auf Arbeit zurückzuführen. Grund für den Anstieg sei vor allem, dass Ärzte psychische Erkrankungen häufiger diagnostizierten. Es schade der Sache, wenn die Debatte mit falschen Zahlen, verzerrenden Darstellungen und unberechtigten Vorwürfen geführt werde.
Auch die Betriebe seien an der psychischen Gesundheit ihrer Mitarbeiter interessiert. Es offenbarten sich jedoch nur 16 Prozent derer, die Hilfe benötigen, ihren Vorgesetzten. Das Thema müsse aus der Tabuzone heraus. "Nach allen Untersuchungen haben psychische Störungen nicht zugenommen, sie werden nur häufiger diagnostiziert", so Hundt.
Fast 18.000 Arbeitnehmer wurden befragt
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hatte zuvor den "Stressreport Deutschland 2012" veröffentlicht. Knapp die Hälfte der Erwerbstätigen in Deutschland ist demnach überzeugt, dass der Stress im Arbeitsalltag in den vergangenen zwei Jahren zugenommen hat. Rund jeder zweite Arbeitnehmer arbeitet nach eigenen Angaben unter starkem Termin- und Leistungsdruck.
Für die Studie wurden 17.562 Arbeitnehmer zu psychischen Anforderungen, Belastungen und Stressfolgen ihres Arbeitsalltags befragt. Knapp 60 Prozent der Befragten gaben demnach an, verschiedene Aufgaben gleichzeitig betreuen zu müssen, fast jeder Zweite (44 Prozent) wird bei der Arbeit durch Störungen wie Telefonate und Emails unterbrochen. Weil für 47 Prozent der Beschäftigten Ruhepausen nicht in den Arbeitsablauf passen oder sie nach eigenem Bekunden zu viel Arbeit haben, lässt jeder Vierte (26 Prozent) die Pause ausfallen.
Immer öfter krank
Weitere Ergebnisse sind dem Report zufolge, dass insgesamt 64 Prozent der Beschäftigten auch am Samstag, 38 Prozent an Sonn- und Feiertagen arbeiten. Fast die Hälfte der Vollzeitbeschäftigten sei mehr als 40 Stunden pro Woche beschäftigt, rund ein Sechstel sogar mehr als 48 Stunden. Dies führe dazu, dass 40 Prozent der Befragten arbeitsbedingt nur selten oder nie Rücksicht auf familiäre oder private Interessen nehmen könnten.
Die Arbeitsbelastung sorge außerdem auch immer öfter für Krankheiten, heißt es weiter. Klagten 2006 noch 43 Prozent über Rückenschmerzen, waren es im vergangenen Jahr bereits 47 Prozent. Während 2006 nur 30 Prozent unter stressbedingten Kopfschmerzen litten, seien es 2012 35 Prozent gewesen. Die Anzahl der von nächtlichen Schlafstörungen geplagten Arbeitnehmern sei von 20 auf 27 Prozent gestiegen.
DAK kam zu einem ähnlichen Ergebnis
Bereits gestern hatte die Krankenkasse DAK-Gesundheit eine Analyse präsentiert, die auf ähnliche Entwicklungen hinweist. Demnach nahmen die psychischen Erkrankungen um vier Prozent zu und rückten erstmals auf Platz zwei aller Krankschreibungen. Mehr Ausfalltage hätten nur Muskel- und Skeletterkrankungen verursacht. Für ihre Untersuchung wertete die DAK-Gesundheit die Daten von 2,7 Millionen Beschäftigten aus. Die Entwicklung werde für die Arbeitswelt "zunehmend zum Problem", warnte die Kasse.
Aus deren Erhebungen geht allerdings auch hervor, dass der Krankenstand 2012 insgesamt gegenüber dem Vorjahr um 0,1 Prozentpunkte auf 3,8 Prozent gesunken ist. Zudem meldete sich mehr als die Hälfte aller erwerbstätigen DAK-Versicherten (52,1 Prozent) im gesamten Jahr nicht ein einziges Mal krank.
Stand: 29.01.2013 14:42 Uhr
