Neuregelung zu totgeborenen "Sternenkindern" in Kraft

Neuregelung zu Totgeborenen in Kraft

Ein "Sternenkind" hat jetzt einen Namen

Vor der Geburt verstorbene Kinder konnten bisher vielerorts nicht bestattet werden, weil sie unter der vom Gesetzgeber festgelegten Gewichtsgrenze von 500 Gramm lagen. Dies ändert sich nun - andere umstrittene Regelungen bleiben aber.

Von Rebecca Lüer, SWR, ARD-Hauptstadtstudio

"Sternenkinder" werden die Kinder genannt, die mit weniger als 500 Gramm tot geboren werden. Auch, wenn es für die Trauer der Eltern keinen Unterschied macht, ob ihr "Sternenkind" weniger als ein Pfund wog - im juristischen Sinne waren diese Kinder bislang nicht existent, sie galten als Fehlgeburt.

Grab eines "Sternenkindes" in Dresden (Bildquelle: picture alliance / dpa)
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Grab eines "Sternenkindes" in Dresden

Ab heute dürfen sie dank einer Gesetzesänderung mit einem Namen beim Standesamt registriert und anschließend richtig bestattet werden, sofern die Eltern das wünschen. Es ist aber keine Pflicht. Manche Länder wie Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz erlaubten zwar bislang schon die Beisetzung solcher Föten, zum Beispiel im Familiengrab. Offiziell aber galten Vater und Mutter nicht als Eltern, es gab keine Geburtsurkunde.

Auch bereits verstorbene Kinder bekommen nun ein Namensrecht

Auch "Sternenkinder", die schon vor Jahren tot zur Welt kamen, können nun rückwirkend offiziell einen Namen bekommen. Der Bundestag hatte die Neuregelung Ende Januar einstimmig beschlossen, der Bundesrat stimmte Anfang März zu. Für Bundesfamilienministerin Kristina Schröder ist die Änderung eine Frage der Menschlichkeit.

"Sternenkinder" dürfen Namen bekommen
R. Lüer, ARD Berlin
15.05.2013 09:04 Uhr

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Paar aus Hessen sammelt 40.000 Unterschriften

Zu verdanken haben Eltern von "Sternenkindern" das der Initiative eines Ehepaars aus Hessen. Das Paar hatte drei Kinder vor, beziehungsweise kurz nach der Geburt verloren. Zwei davon hatte es aufgrund der geltenden Gesetzeslage juristisch nie gegeben. Das Paar sammelte daraufhin im Internet rund 40.000 Unterschriften für eine Petition an den Bundestag, fand Unterstützung bei der Familienministerin, selbst die Kanzlerin empfing das Paar.

Laut Schätzungen werden in Deutschland pro Jahr mindestens 1500 Kinder unter 500 Gramm totgeboren. Wenn die Eltern den Fötus nicht selbst bestatten lassen wollen, wird er je nach Klinik anonym bestattet, eingeäschert oder als organischer Müll entsorgt - oder mit Einverständnis der Eltern auch zu Forschungszwecken verwendet.

Mutterschutz nach Totgeburt ändert sich nicht

Geändert wurde nur das Personenstandsrecht, das die Berechtigung zur Namensnennung von in der Schwangerschaft verstorbenen Kindern regelt, also die Eintragung in das Personenstandsregister - und damit auch Beerdigungen der kleinsten Totgeborenen erleichtert.
Die Bundesregierung hat jedoch nicht vor, das geltende Mutterschaftsgesetz in ähnlicher Weise zu ändern und auch dort die ebenfalls vorhandene "500-Gramm-Grenze" aufzuweichen - dies erfuhr tagesschau.de aus dem Bundesfamilienministerium. So haben Mütter nach einer Totgeburt oder Kaiserschnitt weiterhin nur einen Anspruch auf Mutterschutz, wenn das verstorbene Kind 500 Gramm oder mehr wiegt, was auch für das dazugehörige Mutterschaftsgeld gilt.
Diese Themen wurden nach Informationen von tagesschau.de auf der Expertenanhörung zur aktuellen Gesetzesänderung im Frühjahr "als heiße Eisen" diskutiert und abgetan. Elterniniativen, Hebammen und Mediziner in der Pränataldiagnostik kritisieren jedoch die Gewichtsgrenze als insgesamt zu willkürlich und sehen hier grundsätzlichen Änderungsbedarf.
Ursula Rieke, eine der geladenen Teilnehmerinnen der damaligen Expertenanhörung, sagt im Gespräch mit tagesschau.de: "Aus meiner Beratungserfahrung mit von Totgeburten betroffenen Eltern ergibt sich, dass das dazu geltende Recht ganz neu und umfassend geregelt werden muss." Rieke ist Medizinprofessorin und Leiterin der Katharina-Kasper-Stiftung, einer psychosozialen Beratungsstelle zu Pränataldiagnostik, Behinderung und frühem Kindesverlust. Immer wieder stelle sie in der Praxis fest, so Rieke, dass Eltern nach Totgeburten mit unzumutbaren Regelungen seitens des Gesetzgebers, aber auch von Kliniken und Krankenkassen konfrontiert sind – die nur den "Normalfall" eines Lebendgeborenen oder mindestens 500 Gramm wiegenden verstorbenen Kindern kennen.

Stand: 15.05.2013 14:28 Uhr

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