Frank-Walter Steinmeier | Bildquelle: AFP

Steinmeier wird Präsident Vom "Kirchenasyl" ins Schloss Bellevue

Stand: 18.03.2017 07:00 Uhr

Frank-Walter Steinmeier hat in den vergangenen Wochen die klösterliche Abgeschiedenheit gesucht, um sich auf sein neues Amt vorzubereiten. Als Außenminister war er im Dauerkrisenmodus. Seine Handschrift als Bundespräsident muss er noch finden.

Von Arnd Henze, ARD-Hauptstadtstudio

Kein Türschild, kein Name an der Klingel - nichts deutet darauf hin, dass der zukünftige Bundespräsident gerade "Kirchenasyl" in der Katholischen Akademie Berlin bekommt. Noch bis morgen hat sich Frank-Walter Steinmeier dort mit seinen engsten Vertrauten als provisorische Wohngemeinschaft eingerichtet. Kaum etwas symbolisiert wohl besser, dass Steinmeier im Moment zum ersten Mal in seinem politischen Leben ohne aktives Amt ist: Seinen Amtssitz im Auswärtigen Amt hatte er schon im Januar für Sigmar Gabriel frei machen müssen, die Räume im Bundestag hat seine Nachfolgerin als brandenburgische Abgeordnete bezogen. Und selbst beim Evangelischen Kirchentag musste er den Schreibtisch räumen. Dort hatte man ihn zwar schon vor Jahren zum Präsidenten gewählt - aber nur für den Kirchentag 2019 in Dortmund.

Als ökumenisches Signal hat der reformierte Protestant nun bei der Katholischen Kirche eine vorübergehende Bleibe gefunden. Der Münchener Kardinal Marx ließ es sich nicht nehmen, das Provisorium in aller Form zu segnen.

Mal keine Konferenzen und Reden

In der klösterlichen Abgeschiedenheit mitten in Berlin findet der frühere Außenminister nun die perfekte Umgebung, sich im wahrsten Sinne des Wortes zu erden. Nach den Millionen Flugmeilen im Dauerkrisenmodus, den langen Tagen in fernen Zeitzonen und den kurzen Nächten im Flieger oder in Hotels schüttelt er sich nun nicht nur den permanenten Jetlag aus den Knochen.

Der Totalverzicht auf Reden, Konferenzen und Interviews ist wie ein Fasten. Es soll den Kopf frei machen für den Wechsel vom Krisenmanager zum ersten Bürger in Deutschland. Dafür braucht es neue Gedanken, vor allem aber eine andere Tonalität - aus der eine neue Erzählung für das Präsidentenamt entstehen soll.

Erste große Rede am Mittwoch

Daran feilt Steinmeier nun mit langjährigen Weggefährten wie seinem Staatssekretär Stephan Steinlein, seiner Büroleiterin Dörte Dinge und Redenschreiber Wolfgang Silbermann. Neu im Team ist als Pressesprecherin die frühere NDR-Korrespondentin Anna Engelke. An diesem Wochenende wird sein WG- und Küchenkabinett nun offiziell ins Schloss Bellevue umziehen. Am Mittwoch endet dann auch die öffentliche Abstinenz für Steinmeier. Dann wird er im Bundestag vereidigt und anschließend seine erste große Rede als Präsident halten.

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Steinmeiers Weg in Bildern

Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Frank-Walter Steinmeier, 1999

Frank-Walter Steinmeier gilt als enger Vertrauter des damaligen Bundeskanzler Schröders (l.). Er folgt Schröder nach seiner Wahl zum Bundeskanzler 1998 nach Bonn. Dort wird er zunächst Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Im Sommer 1999 wird er Chef der Behörde. Hier zieht er die Strippen im Hintergrund, ist maßgeblich an den Hartz-Reformen und der Agenda 2010 beteiligt. | Bildquelle: picture alliance /

Mut ist sein Leitbegriff

Den Leitbegriff für seine Amtszeit hat er schon unmittelbar nach seiner Wahl geprägt: Elf Mal verwendete Steinmeier in seiner kurzen Dankesrede das Wort "Mut". Es klang wie ein Gegenbegriff zu den oft deprimierenden Bildern der Krise, die viele seiner Reden als Außenminister prägten. Hunderte Male hatte er über die "Welt aus den Fugen" gesprochen - zuletzt schon mit einem selbstironischen Unterton.

Längst ahnte er wohl, dass sich solche Bilder auch abnutzen können und die Sehnsucht nach Abgrenzung und einfachen Antworten verstärken können. Genau dieser Flucht aus der Komplexität der Probleme in einfaches Schwarz-Weiß-Denken will er als Bundespräsident entgegenwirken. Das hatte er schon im November bei seiner Nominierung deutlich gemacht. Und auch unmittelbar nach seiner Wahl zeigte sich Steinmeier sicher, die Gesellschaft werde "den Lockruf derer, die mit Fremdenfeindlichkeit und Ressentiments zündelten", überwinden.

Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender | Bildquelle: dpa
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Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender. Für ihre neue Aufgabe als First Lady legt sie ihren Richterjob auf Eis.

Man kann also vermuten, dass Steinmeier schon in seiner Antrittsrede versuchen wird, den Begriff "Mut" mit Leben zu füllen und die Vision einer Gesellschaft zu beschreiben, die sich die Werte einer offenen und liberalen Gesellschaft von den populistischen Vereinfachern zurückerobert.

Ermutigende Beispiele wird man in diesen Tagen auch in seiner WG aufmerksam wahrnehmen: das Wahlergebnis in Holland, aber auch eine neue Bürgerbewegung wie "Pulse of Europe", die seit einigen Wochen mit stetig wachsendem Zulauf für den europäischen Zusammenhalt auf die Straße geht.

Glücksgefühle in Kirchmöser

Dass Steinmeier viele Mitarbeiter aus dem Auswärtigen Amt mit ins Schloss Bellevue nimmt, hat den Verdacht ausgelöst, er wolle auch weiter vor allem Außenpolitik betreiben. Gerade deshalb wird er in den kommenden Monaten wohl mit der gleichen Rastlosigkeit durch die 16 Bundesländer reisen, mit der er früher in der Welt unterwegs war.

Dass er sich nicht nur Washington und Moskau bewegen kann, hat er in den letzten Jahren in Orten wie Niedergörsdorf und Wusterwitz intensiv trainieren können. In seinem Wahlkreis im brandenburgischen Havelland wird es wohl kaum noch einen Asphaltweg geben, auf dem er nicht von Dorf zu Dorf geradelt ist. Er hat dabei erlebt, dass es mehr als warme Worte braucht, wenn man den Populisten nicht das Feld überlassen will.

Atomabkommen und Erbsensuppe

Es braucht vor allem sichtbare Erfolgserlebnisse - so wie am 14. Juli 2015. An jenem Dienstagmorgen konnte Steinmeier gerade noch rechtzeitig das Atomabkommen mit dem Iran unterzeichnete, um abends ein Herzensprojekt in seinem Wahlkreis zu feiern: die Sanierung einer heruntergekommen Eisenbahnersiedlung in Kirchmöser. Wer Steinmeier an diesem Abend mit einem Plastikteller Erbsensuppe auf dem matschigen Boden des Dorfplatzes erlebt hat, konnte ahnen: Es wird nicht viele Tage in seinem Politikerleben gegeben haben, in dem er gleich zwei so unterschiedliche Glücksmomente auskosten konnte.

Demokratie als Wagnis

Joachim Gauck und Frank-Walter Steinmeier | Bildquelle: dpa
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Der alte und der neue Bundespräsident: Gauck und Steinmeier

Dennoch wird Steinmeier seine unverwechselbare Handschrift als Bundespräsident erst finden müssen. Er hat sich dafür intensiv mit seinen Vorgängern beschäftigt. In seiner Dankesrede erwähnt er Theodor Heuss, Roman Herzog und Johannes Rau, an erster Stelle aber den inzwischen fast schon in Vergessenheit geratenen Gustav Heinemann, Jurist und bekennender Protestant wie Steinmeier. Es war Heinemann, der dem Amt eine neue Deutung gab: nicht mehr als "Staatspräsident", sondern als "Bürgerpräsident". Und es war Heinemann, der schon in seiner Antrittsrede dazu aufrief, "mehr Demokratie zu wagen."

Gut möglich, dass Steinmeier genau daran anknüpfen wird: Demokratie als Wagnis, das gerade in Krisenzeiten eine mutige und couragierte Zivilgesellschaft braucht. Da wäre er dann auch ganz nah an seinem großen Vorbild Willy Brandt. Eine Statue des ersten sozialdemokratischen Kanzlers hatte Steinmeier immer in seinem Büro stehen. Sie durfte nicht mit ins Schloss Bellevue umziehen. Als Bundespräsident muss er streng auf seine Überparteilichkeit achten.

Über dieses Thema berichtete die Tagesschau am 19. März 2017 um 20:00 Uhr.

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