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Designierter Kanzlerkandidat
Der Problem-Peer
Seine Nominierung zum SPD-Kanzlerkandidaten nannte Steinbrück selbst eine "Sturzgeburt". Auch danach scheint er mehr der Getriebene als der Macher zu sein. Seit Wochen steht er wegen seiner Nebeneinkünfte in der Kritik. Auf dem Sonderparteitag wird er die Genossen überzeugen müssen.
Von Ute Welty, tagesschau.de
Eine Stunde lang wird Peer Steinbrück Zeit haben. Eine Stunde lang soll seine Rede auf dem SPD-Sonderparteitag in Hannover dauern. Und in dieser einen Stunde wird er die Delegierten überzeugen müssen, ihm ihre Stimme zu geben. Schließlich verfolgt der Parteitag kein anderes Ziel, als den Kandidaten mit den demokratischen Insignien der Macht auszustatten: mit einem mindestens respektablen Wahlergebnis.
Für den 65-jährigen ist das eine Herausforderung. Die Parteilinken in Gestalt von Vorstandsmitglied Ralf Stegner geben offen zu, ihr Wunschkandidat sei Steinbrück nicht gewesen. Schließlich war er es, der jene als "Heulsusen" bezeichnete, die über die Agenda 2010 "gejammert" hätten - Parteilinke eben. Von daher gerät die Stunde Redezeit zum Lackmustest. Sollte er die 600 Delegierten nicht für sich gewinnen können, dürfte er es bei den 62 Millionen Wählern auch nicht leicht haben.
SPD-Vorstand bereitet Steinbrücks Wahl zum Kanzlerkandidaten vor
tagesschau 20:00 Uhr, 08.12.2012, Ulla Fiebig, ARD Berlin
Geburtshelfer der "Sturzgeburt"
Überhaupt: Die letzten Wochen waren alles andere als leicht. So wurde die "alte Tante SPD" mehr gezogen, als dass sie dahin sank, um den Kanzlerkandidaten das Licht der Welt erblicken zu lassen. Steinbrück selbst spricht in den ersten Fernsehinterviews von einer "Sturzgeburt".
Maßgebliche Geburtshelfer: SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und SPD-Parteichef Sigmar Gabriel. Der eine macht deutlich, nicht als Kandidat zur Verfügung zu stehen, der andere muss einsehen, chancenlos zu sein. Steinbrück will, und Steinbrück ist am Ende auch der Einzige, der übrig bleibt. Alle drei machen gute Miene zum schnellen Spiel.
Die Spende als Reinwaschung?
Kaum führt Steinbrück den inoffiziellen Titel "designierter Kanzlerkandidat", lässt sich erahnen, was auf ihn und die SPD zukommt. Kein Stein bleibt auf dem anderen, keine Kontobewegung ununtersucht. Es sind die Nebeneinkünfte des Bundestagsabgeordneten, die Anstoß erregen und eine Debatte entfachen, die ihresgleichen sucht. An die Transparenzregeln des Bundestags hält sich Steinbrück. Nach massivem öffentlichen Druck erklärt er sich auch bereit, die Honorare komplett offen zu legen.
Dabei wird bekannt: Unter anderem hat Steinbrück 25.000 Euro von den Stadtwerken Bochum für einen Vortrag erhalten. Das ist auch für den gefragten Redner eine überdurchschnittlich hohe Summe. Als dann ein Sprecher der Stadtwerke sagt, die Gäste seien gehalten, ihre Honorare zu spenden, kommt Steinbrück in gewaltige Erklärungsnot. Er kann aber nachweisen, dass eine solche Vereinbarung nicht existiert. Gespendet hat er am Ende trotzdem. Eine Art Reinwaschung?
Gute Figur in stürmischen Zeiten
Dabei schien einer wie Steinbrück das gar nicht nötig zu haben, machte er doch in stürmischen Zeiten eine recht gute Figur als Fels in der Brandung. Als die Lehman-Pleite den ersten Finanz-Tsunami in Richtung Europa schickte, trauten viele dem damaligen Finanzminister zu, die "Fahrt auf Sicht" im sicheren Hafen enden zu lassen.
Allerdings war nicht jedes Manöver erfolgreich. Als Steinbrück und Bundeskanzlerin Angela Merkel im Oktober 2008 gemeinsam die Sicherheit der Sparguthaben betonten, wurde die Sogwirkung des Strudels erst richtig deutlich. Steinbrück räumte später ein: "Ich habe in den Abgrund geblickt".
Ein schlechter Schüler
Hanseat, Schachspieler, Rotweintrinker. Steinbrück wird im Januar 1947 in Hamburg geboren. Sein Urgroßonkel Adelbert Delbrück ist einer der Mitbegründer der Deutschen Bank. Steinbrück selbst schließt das Studium der Volkswirtschaft 1974 ab. Seine schulische Laufbahn dauert etwas länger: Mehrfach muss der kleine Peer wegen schlechter Noten die Schule wechseln, zweimal eine Klasse wiederholen.
Das hindert ihn aber nicht daran, 1975 eine Lehrerin zu heiraten. Gertrud Steinbrück unterrichtet in Bonn Biologie und Politik. Sie gilt als mindestens so schlagfertig wie ihr Mann. Das Paar hat einen Sohn und zwei Töchter. Die älteste sah sich gezwungen, nach der Nominierung des Vaters zum Kandidaten den Familienrat einzuberufen. Es soll lautstark zugegangen sein.
1969 tritt Steinbrück in die SPD ein, arbeitet für Hans Matthöfer, Helmut Schmidt, Johannes Rau. Erst in Schleswig-Holstein, dann in Nordrhein-Westfalen übernimmt Steinbrück das Amt des Wirtschaftsministers. 2002 wählt ihn der Düsseldorfer Landtag in der Nachfolge Wolfgang Clements zum Ministerpräsidenten. Drei Jahre später das Desaster: Seine bisher einzige Wahl verliert Steinbrück krachend. Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen endet mit dem schlechtesten SPD-Ergebnis seit 1954. Steinbrück muss die Staatskanzlei dem CDU-Politiker Jürgen Rüttgers übergeben.
Kein einfacher Minister
Doch die nächste Chance lässt nicht lange auf sich warten: Im November 2005 beruft ihn Merkel als Bundesfinanzminister in ihr Kabinett. Der macht ihr das Leben zunächst nicht leicht. Mit der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen streitet Steinbrück leidenschaftlich über Elterngeld und Kindergartenausbau.
Im Ausland macht er sich mit Äußerungen über Steuerflucht und Bankgeheimnis unbeliebt. Vor allem die Steueroase Schweiz ist ihm ein Dorn im Auge. Er droht damit, das Land auf die schwarze Liste der OECD setzen zu lassen, und er tut das in vollem Wissen über die Wirkung: "Die Kavallerie in Fort Yuma muss nicht immer ausreiten. Manchmal reicht es, wenn die Indianer wissen, dass sie da ist". Seine Aussage "Wir müssen nicht nur das Zuckerbrot benutzen, sondern auch die Peitsche" wird in der deutschsprachigen Schweiz zum Satz des Jahres gewählt.
Gute Zusammenarbeit mit Merkel in der Großen Koalition
So unterschiedlich Steinbrück und Merkel zu Zeiten der Großen Koalition auftreten - er der Vorlaute, sie die Zurückhaltende -, so sehr wissen wohl beide, was sie aneinander haben. Beide können Nächte durcharbeiten, präzise analysieren, und beide pfeifen im Zweifel auf die Außenwirkung. Im Zusammenwirken mit Merkel etablieren sich Steinbrück und sein Ruf als Manager der Finanzkrise.
Der aber ist keiner mit ganz weißer Weste. Zu Beginn der Krise gibt er sich nämlich völlig unbeeindruckt. Die amerikanische Immobilienblase hält er für ein amerikanisches Problem. Lange wehrt er sich gegen ein Konjunkturprogramm, was mancher Fachmann als "absurd" bezeichnet. Bis September 2008 vertritt er die Meinung, das deutsche Bankensystem sei sicher und habe keine Rettung nötig. Die Realität und ein Milliardenbetrag für den Immobilienfinanzierer HRE lassen ihn diese Ansicht revidieren.
Die Kanzlerkandidaten der SPD
Zehn Kanzlerkandidaten hatte die SPD - nur drei schafften es.
Fragliches und Fragwürdiges
Auch nach seinem Ausscheiden aus der Regierungsverantwortung 2009 bleibt der einfache Abgeordnete Steinbrück im Fokus. Seine Vorschläge zum Umbau des Bankensektors sorgen für Furore. Unter anderem plädiert Steinbrück für die Trennung von klassischem Kundengeschäft und riskantem Investmentbanking. Das würde vor allem die Deutsche Bank treffen und damit das Erbe seines Urgroßonkels. Ob dieser Umbau allerdings jemals in Angriff genommen wird, scheint fraglich.
Fragwürdig erscheint in diesem Zusammenhang, dass Steinbrück kurz vor dem Sonderparteitag erst dann einen Vortrag bei der Schweizer Privatbank Sarasin absagt, als dieser durch SWR-Recherchen öffentlich wird. Gegen das Institut wird wegen Steuerhinterziehung ermittelt. Und auch bei der Wahl seines Personals beweist Steinbrück bislang keine glückliche Hand. Bereits nach wenigen Tagen wirft sein Online-Berater das Handtuch, so zumindest die offizielle Version. Roman Maria Koidl verdient sein Geld nämlich nicht nur mit Büchern, Kaffee und Schokolade, sondern hatte auch für zwei Hedgefonds gearbeitet - seit Franz Müntefering nicht nur in der SPD besser bekannt als "Heuschrecken".
Stand: 07.12.2012 15:24 Uhr
