Stasi-Unterlagenbehörde: Birthler geht, Jahn übernimmt

Wechsel an der Spitze der Stasi-Unterlagenbehörde

Ein neuer Chef für die "Apotheke gegen das Vergessen"

Nach zehn Jahren an der Spitze der Stasi-Unterlagenbehörde hat Marianne Birthler ihr Amt an den ARD-Journalisten Roland Jahn übergeben. Der Ex-Bürgerrechtler war selbst ein Stasi-Opfer - 1983 verfrachtete sie ihn gefesselt in den Westen. Für Jahn ist die Behörde eine "Apotheke gegen das Vergessen".

Von Birgit Wentzien, SWR, ARD-Hauptstadtstudio

Marianne Birthler geht - nach zehn Jahren an der Spitze der Stasi-Unterlagenbehörde. Sie übergebe, sagt sie, ihrem Nachfolger Roland Jahn ein stark verkleinertes, aber gut aufgestelltes Haus. Und Roland Jahn kommt - der Mann, der von sich selber sagt: "Für mich ist das eine persönliche Genugtuung, dass ich das erleben kann."

Marianne Birthler (Bildquelle: REUTERS)
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Marianne Birthler bei der Vorstellung ihres letzten Tätigkeitsberichts.

1983 kam Jahn das erste Mal in die Bundesrepublik, gefesselt und geknebelt, in einem Eisenbahn-Zug mit Handschellen an eine Waggontür gekettet. So entsorgte die Stasi ihren unliebsamen Bürger damals. "Die Staatssicherheit hat mich von der Uni geschmissen, die Staatssicherheit hat mich ins Gefängnis gesperrt, die Staatssicherheit hat mich mit Gewalt außer Landes, aus der Heimat gebracht. Jetzt soll ich die Akten der Staatsicherheit verwalten - das ist ein Signal gegen das Vergessen", so Jahn.

Was wird Jahn anpacken, was anders machen und was nimmt er sich vor? Und was wird aus den Akten der Stasi-Unterlagen-Behörde? Das Bundesarchiv in Koblenz lässt immer wieder wissen: Wir können es besser und wir können es billiger. Marianne Birthler lässt das nicht gelten. Da sei das Stasi-Unterlagen-Gesetz vor. Das allgemeine Archivrecht dürfe nicht auf die Stasi-Unterlagen angewandt werden. Und für Birthler sei klar: "Ich halte das Jahr 2019 immer noch nicht für das letzte Wort. Bis jetzt sind jedenfalls alle Prognosen von der Lebenswirklichkeit überholt worden."

Jahn, der Teamplayer

Roland Jahn (Bildquelle: dpa)
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Aufarbeiten, aber ohne moralischen Zeigefinger: Roland Jahn

Kenner der Materie empfehlen Jahn für die Aufgabe, die er übernimmt, Organisationsgeschick und einen klaren Kompass. Die Hälfte der Akten ist erschlossen, die personenbezogenen Akten sind es sogar zu 90 Prozent. Jahn will seine Erfahrung als RBB-Fernsehjournalist in der ARD nutzen - auch einem relativ großen Apparat, sagt er. Und der Neue will bleiben, was er immer war: ein Mannschafts-Spieler. "Ich weiß, die Mannschaft muss es richten, gemeinsam muss man stark sein. Ich bin Teamplayer - als Journalist habe ich beim Fernsehen gearbeitet: Kamera, Schnitt, Archiv, Recherche. Alles ist wichtig. Und so sehe ich auch meine Arbeit in der Behörde: gemeinsam mit vielen anderen an der Aufklärung der Diktatur in der DDR arbeiten."

Jahn ist als Anwalt der Opfer ein Vertreter der Menschen, die beispielsweise über Jahre in Bautzen in Haft einsaßen. Als Teamplayer an der Spitze seines Hauses wird er aus dem historischen Archiv heraus die Generation für das Thema interessieren müssen, die bisher noch viel zu wenig mit dem Thema Stasi-Aufarbeitung anfangen kann: Die junge Generation, die sich nicht mit dem moralischen Zeigefinger gewinnen lässt. Für die aber Aufklärung über die DDR-Diktatur Lebenshilfe sein kann. "Ich habe immer Respekt vor neuen Aufgaben. Aber ich habe auch Lust auf neue Herausforderungen. Es ist jetzt schon ein Verlust für mich, nicht mehr als Journalist zu arbeiten. Aber ich denke, dass ich viele Beiträge gemacht habe: über das Funktionieren der Diktatur, die auch Genugtuung waren für die Opfer. Deswegen bin ich jetzt an einem Punkt, wo ich an einer anderen Stelle diese Arbeit weitermache."

Gegen die DDR-Nostalgiker

Joachim Gauck (Bildquelle: REUTERS)
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Prägend für die Arbeit der Stasi-Unterlagen-Behörde - Joachim Gauck

Die Skeptiker der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen nennen das Haus ein "Aufarbeitungs-Kombinat". Roland Jahn wird das nicht gelten lassen. Er weiß, dieses Haus mit seinen Unterlagen und der Aufarbeitungs-Aufgaben ist so etwas wie eine "Apotheke gegen das Vergessen". Also: Akten und Augen auf gegen die Milieus der stillen DDR-Nostalgiker. Das war übrigens auch das Motto des ersten Behörden-Chefs, Joachim Gauck: "Es gibt keine Charaktermauer zwischen den Deutschen. Und der Verrat war auch hier nicht Nationaltugend, sondern ein Prozent der aktuellen DDR-Menschen hat vielleicht als IM der Stasi gedient. Im Westen gibt es auch genug Verräter - und das gehört ins Bewusstsein der Nation."

Stand: 14.03.2011 16:55 Uhr

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