Letzter Bericht der Stasi-Akten-Beauftragten Das Erbe der Marianne Birthler

Stand: 10.03.2011 14:54 Uhr

Nach zehn Jahren als Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde hat Marianne Birthler ihren letzten Tätigkeitsbericht vorgelegt. Von den Unterlagen des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit seien derzeit rund 84 Prozent erschlossen, heißt es darin. Das Interesse sei ungebrochen: Knapp 88.000 Bürger stellten im vergangenen Jahr Anträge auf Einsicht in Akten, die die Stasi über sie anlegte. Birthlers Nachfolge tritt der frühere DDR-Bürgerrechtler Roland Jahn an. Aber was bedeutet der Wechsel an der Spitze, welches Erbe hinterlässt Birthler? Wie lange wird diese Behörde zum Umgang mit DDR-Unrecht überhaupt noch gebraucht - mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung?

Von Silke Engel, RBB, ARD-Hauptstadtstudio

Zu puzzeln gibt es noch genug, sagt Joachim Häußler, der Herr über Millionen von Papierschnipseln. Er will aus den zerrissenen Stasi-Akten wieder lesbare Dokumente machen: "Das ist die einzige überlieferte Hinterlassenschaft eines Geheimdienstes - das gibt es sonst auf der Welt nicht mehr." Und darum haben die Papiersäcke einen besonderen Wert. Ein Computer kann die Schnipsel ordnen, identifizieren und wieder zusammensetzen. Dieses Pilotprojekt wurde einmalig vom Fraunhofer Institut entwickelt. Erfinder Bertram Nicolay hofft auf neue Erkenntnisse: "Wenn solche Unterlagen so klein zerrissen worden sind, dann sollte man sich mit ihnen beschäftigen."

Marianne Birthler | Bildquelle: REUTERS
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Marianne Birthler kommt in der Bundespressekonferenz an,

Marianne Birthler | Bildquelle: REUTERS
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um den letzten Tätigkeitsbericht ihrer Amtszeit vorzustellen.

Das hat Marianne Birthler in den vergangenen zehn Jahr getan, als Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde. Aber gerade mal die Hälfte der 111 Aktenkilometer sind sachthematisch erschlossen, personenbezogen sind es immerhin 90 Prozent. "Jedes Archiv auf dieser Welt birgt noch Geheimnisse, die keiner kennt", sagt Birthler. So auch die Stasi-Unterlagenbehörde. Das Interesse an den Akten ist nach wie vor ungebrochen. Sensationelle Enthüllungen mit Promi-Faktor erwartet Birthler aber nicht mehr, dafür Hintergründe: Wie hat der Apparat Stasi-SED funktioniert?

Roland Jahn | Bildquelle: dpa
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Roland Jahn wird neuer Beauftragter für die Stasi-Akten.

An der Stelle will auch ihr Nachfolger Roland Jahn dran bleiben - er will sich für die weitere Aufklärung der SED-Diktatur einsetzen. Um die Versöhnung voranzutreiben und das Schweigen zu durchbrechen. Offene Gespräche zwischen Tätern und Opfern - hat es in der Vergangenheit zu wenig gegeben. Roland Jahn will mehr davon: "Wie hat dieses System der Angst funktioniert? Wie ist es möglich, dass hochintelligente Menschen sich so anpassen? Dass wir die Akten und die Menschen zueinander bringen, dass die Menschen ein Bekenntnis zu ihrer Biografie ablegen - das ist mir ganz persönlich wichtig", betont Jahn.

Kampf gegen die schnelle Abwicklung der Behörde

Regale mit Akten des einstigen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR im Archiv der "Birthler-Behörde" | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Seit 1991 sind mehr als 6,5 Millionen Anträge auf Akteneinsicht gestellt worden.

Alltagsgeschichten einer vergangenen Diktatur könnten dazu dienen, um Lebenshilfe abzuleiten für die heutige Zeit. Das wäre eine Neuausrichtung. Vorgängerin Birthler kämpfte vor allem gegen die schnelle Abwicklung der Behörde. Die kommt auf Jahn möglicherweise tatsächlich zu, wenn die Stasi-Akten ins Bundesarchiv integriert werden sollen. Aber zunächst steht das Bewahrende im Zentrum. "Unsere Behörde gilt für viele Menschen, insbesondere auch für die Opfer der SED-Diktatur, als eine Vertrauensinstanz, als etwas Wertvolles, was wir erreicht haben, damit sie ihr Schicksal rekonstruieren können. Aber es gibt auch eine Verantwortung gegenüber der Wissenschaft, gegenüber der nächsten Generation, die wissen will, was war. Es gibt eine Verantwortung gegenüber den Debatten in der Öffentlichkeit", so Birthler.

Und es arbeiten noch knapp 50 ehemalige Stasi-Angestellte in der Behörde. Ein Thema, dem Birthler oft ausgewichen ist. Vor seiner Amtseinführung wollte Jahn keine Ratschläge geben und auch Vorgängerin Birthler nicht kritisieren. Aber er hat bereits angedeutet, mit dem Eigenleben der Behörde aufzuräumen. Ob ihm das gelingt, dem einstigen Bürgerrechtler und hartnäckigen Rechercheur? Entschlossenheit und Mut bringt Jahn jedenfalls ausreichend mit.

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