SPD-Chef Schulz und sein Vorgänger Gabriel | Bildquelle: dpa

SPD in der Opposition Der Katzenjammer des Sigmar Gabriel

Stand: 08.10.2017 16:51 Uhr

Ex-SPD-Chef, Noch-Außenminister - und bald vermutlich ohne wichtige politische Rolle. Mit der Entscheidung der SPD für die Opposition sind Sigmar Gabriels Tage im Rampenlicht gezählt. "Katzenjammer" prophezeit er seinen Genossen auf der Oppositionsbank - und wohl auch sich selbst.

Von Wenke Börnsen, tagesschau.de

Der SPD geht es gerade eigentlich ganz gut, vielleicht sogar ein bisschen besser als der Union. Dabei haben CDU/CSU die Wahl gewonnen, die SPD schrumpfte auf eine 20-Prozent-Partei. Und trotzdem: Mit der klaren Entscheidung für die Opposition gleich um kurz nach 18 Uhr am Wahlabend ersparte sich die Partei endlose innerparteiliche Diskussionen ums Regieren oder nicht. Die SPD ist raus - Punkt. Neuanfang in der Opposition. Mit Andrea Nahles und Carsten Schneider sind die wichtigsten Posten in der Fraktion neu besetzt - die SPD ist zumindest personell bereit für die kommenden vier Jahre. Nur die Regierung fehlt noch - und das dürfte auch noch ein bisschen so bleiben.

Der gescheiterte Kandidat Martin Schulz will SPD-Chef bleiben - und bleibt es mangels Alternativen auch erstmal, die Umfragewerte eine Woche vor der Niedersachsenwahl sind ganz vielversprechend - wie gesagt, der SPD geht es gerade den Umständen entsprechend ganz gut.

Gabriel - vom Alphatier zum Abgeordneten?

Ungewohnt still ist es dagegen um Sigmar Gabriel geworden. Der Ex-SPD-Chef und Noch-Außenminister und Noch-Vizekanzler, begann einst seine politische Karriere in Niedersachsen. Mit der Entscheidung seiner Partei für die Opposition dürften seine Tage im Rampenlicht nun gezählt sein. In der SPD sind sie nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen, viele geben ihm eine Mitschuld am schlechten Abschneiden der SPD. Seine ewigen Alleingänge sowie das lange Hinauszögern der Kanzlerkandidatur werden ihm angelastet. Auch von Schulz, wenn auch nur indirekt: "Wie schon 2009 und 2013 haben wir auch dieses Mal beim Verfahren zur Bestimmung des Kanzlerkandidaten einen Weg gewählt, der uns zu wenig Zeit für die Vorbereitung der Kampagne gelassen hat."

Auch mit seinem Ministerjob ist es vorbei, sobald die neue Regierung steht. Gabriel wird einfacher Abgeordneter, seinen niedersächsischen Wahlkreis gewann er bei der Bundestagswahl zum vierten Mal.

Alphatier Gabriel wäre gern Minister geblieben, den Job als oberster Chefdiplomat hat er gern gemacht - und nach Meinung vieler Beobachter auch überraschend gut. Opposition ist da wenig attraktiv - zumal als Mittelbänkler. "Der Katzenjammer kommt noch", prophezeite er nun seinen Genossen und vermutlich auch sich selbst. In einem halben Jahr sei die Ernüchterung da. Denn Opposition sei natürlich "keine schöne Veranstaltung", sagte Gabriel am Rande einer SPD-Veranstaltung im niedersächsischen Helmstedt.

Außenminister Gabriel vor der UN-Vollversammlung | Bildquelle: AP
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Der Außenministerjob hat Gabriel sichtlich Spaß gemacht - hier bei seiner Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen.

Opposition ist schon irgendwie ok

Die Weigerung seiner Partei, wieder Juniorpartner in einer Großen Koalition zu werden, sei aber dennoch verständlich, schob Gabriel hinterher. In der Lage, in der die SPD sei, hätte es niemand verstanden, wenn die Partei das Wahlergebnis als Aufforderung zum Weiterregieren interpretiert hätte.

Vor vier Jahren hatte Gabriel die Situation anders bewertet. Gabriel gilt als Architekt der GroKo 2013 - er war es, der trotz Wahlschlappe, seine Partei in die Große Koalition führte - per Mitgliedervotum auch abgesegnet von der Basis.

Zaungast Gabriel - schwer vorstellbar

Doch Gabriel ist nicht mehr SPD-Chef - das ist nun Martin Schulz. Die beiden sollen ja eng befreundet sein. Schulz, sagt Gabriel nun, sei der richtige Mann an der Spitze. "Dieser Meinung bin ich in der Tat", sagte Gabriel der dpa. Er habe alle Entscheidungen von Schulz nach der Wahl unterstützt.

Schulz und Gabriel beim SPD-Parteitag | Bildquelle: AP
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Ein Bild aus Wahlkampftagen: Schulz und Gabriel beim SPD-Parteitag im Sommer.

Es ist das erste Mal nach der Wahl vor zwei Wochen, dass sich Gabriel öffentlich zum Wahlausgang und möglichen Folgen äußerte. Dauerhaft ist Gabriel in der Rolle des Zaungastes jedoch schwer vorstellbar. Wie Gabriel frühere Aufrufe interpretiert, er habe eine "dienende Rolle" zu erfüllen, zeigte er zuletzt als Parallelwahlkämpfer neben Schulz - sehr zum Ärger von Schulz und seinen Strategen. Es wird erwartet, dass Gabriel seine Rollenverschiebung dauerhaft kaum stillschweigend ertragen kann. Über Interviews oder andere Interventionen dürfte er versuchen, Einfluss auf den Kurs der SPD zu nehmen. Fraktionschefin Nahles wird auf der Hut sein. Und Parteichef Schulz auch.

Sigmar Gabriel war Thema in der ARD-Sendung "Beckmann" am 29. November 2016 um 22:45 Uhr. Ebenso am 25. Januar 2017 um 10:00 Uhr auf radioBerlin (RBB). Über das Thema generell berichtete u.a. die tagesschau um 20:00 Uhr am 25. September 2017

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