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Als Präsidentschaftskandidat der kleinen Linkspartei hat Peter Sodann naturgemäß kaum Aussicht auf Erfolg. Vielmehr sollte der Ex-"Tatort"-Kommissar das Partei-Image aufpolieren. Aber das gelingt ihm nicht, im Gegenteil: Mittlerweile scheint sogar die Partei von ihm abzurücken.
Von Nicole Diekmann, tagesschau.de
Essen, Ende Februar, Europaparteitag der Linkspartei. In der ersten Reihe in der Grugahalle die Parteiprominenz: die Parteichefs Oskar Lafontaine und Lothar Bisky, der Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi - und Peter Sodann. Obwohl kein Parteimitglied, steht ihm der Platz zu, schließlich ist der 72-Jährige der Bundespräsidentschaftskandidat der Linkspartei.
[Bildunterschrift: Verfolgte die Debatte beim Parteitag weitgehend reglos: Präsidentschaftskandidat Sodann. ]
Eine Rede hätte Sodann deshalb eigentlich halten müssen, zumindest ein Grußwort sprechen. Doch er trat an dem Essener Wochenende nicht in Erscheinung, geschweige denn ans Rednerpult auf der Bühne. Weder Lafontaine noch Gysi noch Bisky erwähnten ihn mit auch nur einem Wort in ihren Reden. Am Samstag noch verfolgte Sodann die Veranstaltung weitestgehend reglos von seinem Platz aus, mit verschränkten Armen. Am Sonntag blieb der Stuhl in der ersten Reihe die meiste Zeit über leer.
Sodann habe nicht reden wollen, steckte die Parteiführung später der Presse. Er habe nicht reden dürfen, behaupteten andere Parteimitglieder. Welche Erklärung nun auch wahr ist - das Signal war unmissverständlich: Die Linkspartei hält die Personalie Sodann mittlerweile für einen Fehler. Selbst ein Genosse, der sich als Freund Sodanns bezeichnet, kann zu dessen Verteidigung hinter vorgehaltener Hand nur noch sagen: "Dafür, dass wir noch viel absurdere Namen auf der Liste hatten, geht das alles noch."
Erste Wahl war Sodann nicht. Und es ging niemals um seine Person - sondern um Gesine Schwan und um die demonstrative Abkehr von ihr. Schwan, die für die SPD im Rennen um Schloss Bellevue antritt, hatte Lafontaine vergangenen Mai im "Spiegel" einen "Demagogen" genannt. Daraufhin kündigte die Linkspartei einen noch zu bestimmenden Protestkandidaten an. Namen machten die Runde, Absagen wurden kolportiert, etwa von der Schriftstellerin Christa Wolf. Mitte Oktober präsentierte die Linkspartei Sodann.
Der hatte 2005 schon als Spitzenkandidat bei den Bundestagswahlen für die PDS kandidieren sollen, sich dann aber nach Protest des MDR lieber für die Fortsetzung seiner "Tatort"-Karriere als Kommissar Bruno Ehrlicher entschieden. Bruno Ehrlicher gibt es inzwischen nicht mehr, und so sagte Sodann "Ja" zur Linkspartei, dem Zusammenschluss von PDS und WASG.
Doch schon Sodanns erster Auftritt als deren Präsidentschaftskandidat dürfte bei Lafontaine und den Seinen die Frage aufgeworfen haben, ob der eigene Kandidat der Partei womöglich mehr schaden dürfte, als Gesine Schwan es jemals könnte.
Den erstaunten Journalisten gab Sodann, ehemaliges Mitglied des "Berliner Ensembles" von Bertolt Brecht, schon mal einen Vorgeschmack auf weitere peinliche Auftritte: Er löse jeden Morgen auf dem Klo ein Kreuzworträtsel, erzählte er den anwesenden Journalisten - so habe er morgens "zwei Erfolgserlebnisse". Wenig später sagte er in einem Interview, er würde Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann gern mal verhaften. Dafür erntete er offene Kritik aus der Linkspartei.
[Bildunterschrift: Sodann bei seiner Präsentation als Präsidentschaftskandidat der Linkspartei - der Zeitpunkt seines ersten verbalen Ausfalls. ]
Das Problem ist: Sodann ist in der Lage, zu provozieren und griffig zu formulieren. Zum Beispiel wenn er sagt, Deutschland sei keine echte Demokratie, solang die soziale Ungleichheit wohltätige Einrichtungen wie die sogenannten Tafeln erforderlich mache. Doch damit hat es sich dann auch schon. Hakt man nach, will man weg von den griffigen Formulierungen, in die Tiefe gehen, ringt Sodann zunächst um Worte und rettet sich dann in Zitate, mal mehr, mal weniger lyrisch. Im tagesschau-Chat vergangenen Dezember von einem User nach seiner Definition von Demokratie gefragt, antwortete er mit "Égalité, fraternité, Pfefferminztee".
Nur von einer Seite erhielt Sodann Beifall für seine Demokratie-These - von rechts: "Danke für den Tabubruch, Herr Sodann!", jubelte die NPD-Fraktion im sächsischen Landtag in einer Pressemitteilung.
Das Argumentationsmuster des Kandidaten Sodann: Verse, Witze, Klischees, naive Ausflüchte. Wer auf klare Standpunkte wartet, tut dies vergebens. Sodanns Aussagen gleichen dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln: Die DDR sei nicht nur schlecht gewesen, sagt er, der in den 60er-Jahren wegen seines Kabaretts "Rat der Spötter" neun Monate im DDR-Gefängnis saß, wegen "konterrevolutionärer Umtriebe" und auf den später laut eigenen Angaben zeitweise 95 Stasi-Spitzel angesetzt waren. Zurückhaben wolle er die DDR aber auch nicht.

Was aber will er? "Das Wort Sozialismus klingt stark verunsichernd. Vielleicht ist es im Moment besser zu sagen, ein besseres, anderes Zusammenleben der Menschheit, was mit dem Kapitalismus nicht geht. Sozialismus in anderen Händen könnte eine Variante sein", sagte Sodann im Chat. Wie aber dieser Sozialismus aussehen soll, was die Hände besser machen würde - dazu sagt Sodann nichts. Er legt sich nicht fest. Ob er das nicht kann oder ob er das nicht will, das weiß wohl nur Peter Sodann.
Die Folge ist eine mittlerweile durchweg schlechte Presse. Die (konservative) FAZ meint: "Sodann ist eine selten so kompakt anzutreffende Verdichtung von Talentlosigkeit, Einfältigkeit, Arroganz, Selbstgerechtigkeit, Besserwisserei, Neid, Ressentiments, Borniertheit, Taktlosigkeit und Larmoyanz." Die (linke) "taz" schreibt, Sodanns "Art, das Amt des Bundespräsidenten mit seiner kalauernden Weltsicht, einem schlichten Reicher-Mann-und-armer-Mann-Schema" in Verbindung zu bringen, verleite zu der Annahme, "dass er sich nicht allzu viel bei seinem 'Ja' gedacht hat, als Gregor Gysi ihn fragte, ob er für die Linkspartei den Buprä-Kandidaten machen wolle".
[Bildunterschrift: Im Oktober zeigte man noch Unterstützung: Die Linkspartei-Chefs Lafontaine und Bisky präsentieren ihren Präsidentschaftskandidaten Peter Sodann. ]
Mit seinen Erklärungen für solche Texte, die ihn spürbar treffen, bestätigt Sodann seine Gegner: Die Journalisten verstünden seine Position nicht, sagte Sodann im tagesschau-Chat: "weil sie sie nicht verstehen wollen". Es gäbe "kluge und dumme Journalisten" - und "solche, die auf der Haut des anderen ihre eigene Existenz aufbauen wollen". Der Bewerber um das höchste politische Amt in der Bundesrepublik wehrt sich mit dem Argument, ein Opfer zu sein.
Die meisten Medienberichte über Sodann gleichen mittlerweile Psychogrammen, die alle einer Frage nachgehen: Warum macht er das? Als erster ostdeutscher "Tatort"-Kommissar war er dem breiten Publikum bekannt. In mühsamer Eigeninitiative hat er in Halle an der Saale, dessen Ehrenbürger er ist, ein Theater gegründet und jahrelang geleitet. Seit Jahren sammelt er alle jemals in der DDR erschienenen Bücher und baut eine Bibliothek auf. Warum tut sich jemand das an, der schon so viel erreicht hat und der von Anfang an wusste, dass ein Sieg am 23. Mai so gut wie ausgeschlossen ist?
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