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Debatte ums Sitzenbleiben

Bundesländer streiten um die Ehrenrunde

In Hamburg ist das Sitzenbleiben schon abgeschafft, in Rheinland-Pfalz steht ein Modellversuch bevor, und nun peilt auch die neue rot-grüne Koalition in Niedersachsen neue Lösungen für lernschwache Kinder an. Mittelfristig wolle man die Ehrenrunde für Schüler abschaffen, sagte die designierte niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). Sie stellt aber klar: "Wir haben ein perspektivisches Ziel formuliert, das nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann."

Im Koalitionsvertrag haben SPD und Grüne als Ziel festgeschrieben, Sitzenbleiben "durch individuelle Förderung überflüssig" zu machen. Wie das konkret aussehen soll, bleibt offen. Heiligenstadt verwies auf die guten Erfahrungen, die man mit dem Verzicht aufs Durchfallen an integrierten Gesamtschulen gemacht habe: "Wir haben an den Schulen die niedrigste Schulabbrecher-Quote überhaupt."

"Pädagogischer Populismus"

Blanker Unsinn - heißt es dagegen aus Bayern zu den Überlegungen. "Das ist bildungspolitischer und pädagogischer Populismus", sagte Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle der "Süddeutschen Zeitung".

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Was tun mit leistungsschwachen Schülern? Die Bundesländer streiten um das Sitzenbleiben.

In Bayern drehten im vergangenen Schuljahr 2,3 Prozent der Gymnasiasten, 2,6 Prozent der Realschüler und 1,1 Prozent der Mittelschüler eine Ehrenrunde. Kultusminister Spaenle warnte vor Änderungen: "Man entkleidet sich ohne Not eines pädagogischen Instruments, das den Schülern die Möglichkeit bietet, Versäumtes nachzuarbeiten. Das hat nichts mit Strafe zu tun."

"Abitur-Vollkasko-Garantie"

Unterstützung bekam der CSU-Minister vom Deutschen Lehrerverband. "Es gibt keine pädagogische Begründung für die Abschaffung, außer man ist ein naiver Utopist", sagte dessen Chef, Josef Kraus. Schulabschlüsse würden damit zu ungedeckten Schecks. "Da kann man gleich eine Abitur-Vollkasko-Garantie anbieten."

Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh wies diese Ansicht strikt zurück: Die Wissenschaft sei zum größten Teil der Auffassung, dass das Sitzenbleiben nichts bringe, sagte Dorgerloh, der zur Zeit auch Präsident der Kultusministerkonferenz ist. "Wir brauchen mehr individuelle Förderung." Dies sähen zunehmend auch Lehrer und Eltern so.

"Verschwendete Lern- und Lebenszeit"

Bundesweit wiederholen pro Jahr etwa zwei Prozent aller Schüler eine Klasse. In den vergangenen Jahren entschieden eine ganze Reihe von Ländern, das Durchfallen ganz oder zumindest teilweise zu streichen. In Hamburg zum Beispiel ist Sitzenbleiben seit dem Schuljahr 2010 abgeschafft. "Wir haben eine Ersatzregelung eingeführt, die lautet: Wer in einem Kernfach eine 5 in einem Zeugnis hat, muss in eine kostenlose schulische Nachhilfemaßnahme", sagte Schulsenator Ties Rabe (SPD) der Nachrichtenagentur dpa. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte er: "Sitzenbleiben verschwendet Lern- und Lebenszeit - es ist längst nicht mehr zeitgemäß."

Das rot-grün regierte Rheinland-Pfalz will in einem Modellversuch den Verzicht aufs Sitzenbleiben testen. "Das ist im Koalitionsvertrag festgeschrieben", sagte der Sprecher des Bildungsministeriums, Wolf-Jürgen Karle. Geplant sei, dass einige Schulen auf die Wiederholung von Klassen und auf das Herunterstufen einer Schulart verzichten.

In Berlin ist das Sitzenbleiben an den Sekundarschulen (früher Haupt- und Realschulen) nicht mehr vorgesehen. Es sei denn, die Eltern wollen es unbedingt, sagte eine Sprecherin des Bildungssenats. Grundschüler wiederholen nur in Ausnahmefällen zwischen der 3. und 6. Jahrgangsstufe eine Klasse, an den Gymnasien entscheiden die Klassenkonferenzen darüber.

Stand: 16.02.2013 16:59 Uhr

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