Vorurteile gegen Roma und Sinti "Kinderräuber und Kriminelle"

Stand: 03.09.2014 11:00 Uhr

Vorurteile und offene Ablehnung gegen Roma und Sinti sind in Deutschland weit verbreitet. Aktuelle Studien zeigen, wie tief die Ressentiments sitzen. Auch medial wird das Bild vom kinderraubenden "Zigeuner" gezeichnet.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Unwissenheit und offene Ablehnung prägen die Meinungen und Einstellung der Bevölkerung in Deutschland gegenüber Sinti und Roma. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

In einer repräsentativen Umfrage wurden mehr als 2000 Personen beispielsweise befragt, wie ein gutes Zusammenleben mit Sinti und Roma erreicht werden könnte. 80 Prozent der Befragten schlugen vor, den Missbrauch von Sozialleistungen zu bekämpfen, 78 Prozent forderten, Kriminalität zu bekämpfen und 50 Prozent meinten, die Einreise für Roma und Sinti sollte beschränkt werden. Jeder Fünfte schlug eine Abschiebung aus Deutschland vor, 14 Prozent waren für eine "gesonderte Unterbringung".

Jeder dritte Befragte gab zudem an, er fände Sinti und Roma als Nachbarn sehr oder eher unangenehm. Darüber hinaus wird der Bevölkerungsgruppe im Vergleich zu anderen Minderheiten mit Abstand die geringste Sympathie entgegengebracht. Die Hälfte der Bevölkerung denkt, dass Sinti und Roma durch ihr Verhalten selbst Feindseligkeit in der Bevölkerung hervorrufen.

"Diskriminierung sichtbar machen"

"Gleichgültigkeit, Unwissenheit und Ablehnung bilden zusammen eine fatale Mischung, die Diskriminierungen den Boden bereiten", warnte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders. Sinti und Roma würden von einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung nicht als gleichberechtigte Mitbürgerinnen und Mitbürger wahrgenommen.

Romani Rose | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Rose sieht tief sitzende Vorurteile gegenüber Sinti und Roma.

Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, zeigte sich gegenüber tagesschau.de besorgt über die Ergebnisse. Tief sitzende Vorurteile könnten immer wieder reaktiviert werden. Das Feindbild "Zigeuner" sei in Deutschland noch immer weit verbreitet.

Für den Zentralrat sind aber auch die positiven Ergebnisse der Studie wichtig. Hierzu gehöre, dass 81 Prozent der Befragten die Verfolgung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus kannten. Dies führe teilweise zu einer positiveren Einstellung gegenüber dieser Minderheit. Dies zeige, dass sowohl das Vorbild von staatlichen Repräsentanten als auch die Berichterstattung in Medien sich langfristig positiv auf die Akzeptanz von Minderheiten auswirken könne.

Die Macht der Bilder

Medien können aber auch Klischees und Vorurteile bestätigen. Die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) in Wien stellte bereits 2002 in ihrer Untersuchung über Rassismus in Massenmedien fest, dass die Darstellung von Sinti und Roma durch negative Bilder bestimmt sei.

Das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma legte im Juli eine Studie vor, in der die Wirkung von antiziganistischen Ressentiments, also Vorurteilen gegen Sinti und Roma, in Medien untersucht wurde. Als herausragendes Beispiel für tief verwurzelte Vorurteile von den "kinderraubenden Zigeunern" wurde der "Fall Maria" aufgeführt, der vor einem knappen Jahr in ganz Europa große Aufmerksamkeit erfuhr. Bei Maria handelt es sich um ein blondes Mädchen, das angeblich von Roma in Griechenland geraubt worden sei, was sich später als falsch erwies.

Fall Maria
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Dieses Foto der kleinen Maria veröffentlichte die Polizei in Griechenland - ohne Verpixelung. Das Foto schaffte es in große internationale Zeitungen.

Obwohl es nie gesicherte Erkenntnisse für einen Raub gegeben hatte, trieben Spekulationen in Zeitungen und Internetforen wilde Blüten. "Es wurde der Eindruck vermittelt, dass der Kindesraub gewissermaßen in der Kultur der Roma begründet liege", heißt es in der Studie. In der Folge sei eine regelrechte mediale Hysterie entstanden. Bald darauf wurden auch in Irland hellhäutige blonde Kinder in einer Roma-Familie entdeckt. Die dortigen Behörden entzogen der Familie sogar umgehend die Kinder. Weltweit erschienen Berichte über bandenmäßigen Kindesraub im angeblichen "Roma-Milieu", über Kinder, die auf dem illegalen Adoptionsmarkt verkauft oder für den Organhandel missbraucht würden. Eine Trendwende sei erst eingetreten, als die irischen Behörden durch einen Gentest feststellten, dass es sich bei den Kindern um die leiblichen Nachkommen der Roma-Familie handelte.

An diesem Beispiel werde deutlich, schreiben die Wissenschaftler, wie einfach althergebrachte Feindbilder zu beleben seien. Und auch im Kontext mit der "Armutsmigration" würden sämtliche Ressentiments gegenüber Roma immer wieder aufgerufen. Der Zentralratsvorsitzende Rose kritisierte ebenfalls, die "von maßgeblichen Politikern wider besseres Wissen betriebene unsägliche Debatte über eine angebliche Armutszuwanderung" benutze das Feindbild Roma und instrumentalisiere den massiven bestehenden Antiziganismus.

Vorurteile mit Tradition

Unter Antiziganismus verstehen Experten - vereinfacht gesagt - ein Phänomen, bei dem eine soziale Gruppe oder Einzelpersonen unter dem Stigma "Zigeuner" oder verwandten Bezeichnungen wahrgenommen oder dargestellt werden. Zudem werden diesen Menschen besondere Eigenschaften zugeschrieben. Aus solchen Zuschreibungen ergeben sich dann reale Benachteiligungen. Beispiele sind Bilder vom bettelnden "Roma-Sippen" oder der "verführerischen Zigeunerin". Sie stehe mit ihrer "Abenteuerlust" dem Ideal der liebenden Ehefrau, Mutter und Hausfrau gegenüber, heißt es in der Untersuchung über mediale Ressentiments.

NPD-Kundgebung in Gera | Bildquelle: dpa
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Auch die NPD setzt auf Parolen gegen Roma.

Solche Ressentiments sind langlebig und werden über Generationen weitergegeben. Sei es ausschweifende Sexualität, Kindesraub oder "parasitäres" Verhalten wie Betteln und Stehlen: Teile der Mehrheitsgesellschaft schreiben Sinti und Roma pauschal und generell Eigenschaften zu. Dadurch wird nicht nur eine fremde Gruppe mit bestimmten Eigenschaften konstruiert, sondern solche Ressentiments sind auch elementar wichtig, um die eigene "Wir"-Gruppe als "normal" zu bestätigen.

Bundestag debattiert im Herbst

Dass der Antiziganismus genau wie der Antisemitismus seit Jahrhunderten zur europäischen Geschichte gehört, ist bei Experten unumstritten. Um mit dieser Tradition endlich zu brechen, sei es notwendig, die Benachteiligung von Sinti und Roma regelmäßig zu erheben, urteilt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Auch der Zentralratsvorsitzende Rose fordert die Politik auf, "deutlichere Signale zu setzen".

Zudem soll der Bundestag eine Expertenkommission einsetzen, ähnlich dem Expertenkreis Antisemitismus. Das Gremium soll Benachteiligungen von Sinti und Roma bei Bildung, im Arbeitsmarkt oder bei der Wohnungssuche untersuchen und dem Parlament regelmäßig darüber berichten. Die Grünen brachten im Juli einen entsprechenden Antrag im Bundestag ein. Nach Informationen von tagesschau.de soll das Parlament im Herbst darüber debattieren. Eine Mehrheit für einen Expertenkreis erscheint aber fraglich.

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