Polizisten vor dem Kölner Dom | Bildquelle: dpa

BKA-Bericht zu Silvester In zwölf Bundesländern Übergriffe wie in Köln

Stand: 23.01.2016 10:02 Uhr

Sexual- und Diebstahlsdelikte wie in Köln hat es in der Silvesternacht in zwölf Bundesländern gegeben. Das geht aus einem BKA-Bericht hervor, der WDR, NDR und SZ vorliegt. Verabredungen unter Tätern gab es demnach in den meisten Fällen nicht.

Von Lena Kampf, NDR/WDR

Das Phänomen der sexuellen Gewalt gepaart mit Trickdiebstahl war an Silvester in Deutschland weiter verbreitet als bisher bekannt. In zwölf Bundesländern kam es in der Nacht auf den 1. Januar zu Sexual- und/oder Diebstahlsdelikten, die aus Gruppen heraus begangen wurden. In einigen Ländern handelte es sich allerdings nur um Einzelfälle. Das geht nach Informationen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" aus einem vertraulichen Lagebericht des Bundeskriminalamts hervor, den die Innenministerkonferenz nach den massiven Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof in Auftrag gegeben hatte.

Heiko Maas | Bildquelle: AP
galerie

Justizminister Maas hatte sich überzeugt gezeigt, dass es sich um abgestimmte und vorbereitete Taten handelt.

Darin heißt es auch: Erkenntnisse zu Verabredungen unter den Tätern lägen in den meisten Fällen nicht vor, in keinem Fall gebe es Erkenntnisse zu organisierter Kriminalität.

In den Bericht einbezogen wurden aus Gruppen heraus begangene Sexualstraftaten oder Eigentumsdelikte im öffentlichen Raum, bei denen die Opfer auch beraubt oder bestohlen wurden und die dem sogenannten "Antanzdiebstahl" ähneln. So wurden aus Bayern 27 Übergriffe mit Schwerpunkten in Nürnberg und München gemeldet, aus Berlin sechs und aus Baden-Württemberg 25. Aus Bremen werden elf "Antanzdiebstähle" - allerdings ohne sexuelle Belästigung - gemeldet.

In Hessen wurden 31 Fälle von sexueller Nötigung, sexueller Beleidigung, Diebstahl und versuchtem Diebstahl festgestellt, Tatverdächtige konnten dort jedoch nicht ermittelt werden.

Acht Tatverdächtige in Hamburg

Die höchsten Fallzahlen und weitreichendsten Erkenntnisse weisen Hamburg und Nordrhein-Westfalen nach. In Hamburg wurden 195 Fälle angezeigt, der Großteil davon reine Sexualdelikte. Acht Tatverdächtige konnten ermittelt werden.

Mit den Schwerpunkten in Köln, Düsseldorf und Bielefeld meldeten die nordrhein-westfälischen Ermittler insgesamt 1076 Straftaten. Dabei handelt es sich um 692 Körperverletzungs- und Eigentumsdelikte sowie 384 Sexualdelikte. Darunter wurden 116 Taten in "Kombination mit Eigentumsdelikten begangen".

Unter den ermittelten Tatverdächtigen befinden sich zwölf Personen mit deutscher und 60 Personen anderer Nationalität, darunter Algerier, Iraker, Afghanen und Syrer.

Auch die Bundespolizei wurde um Erkenntnisse gebeten. Sie ist für acht Hauptbahnhöfe zuständig und meldete 43 Anzeigen. Die mutmaßlichen Täter sind weitgehend unbekannt, unter den ermittelten Tatverdächtigen sind Männer marokkanischer, algerischer und tunesischer Nationalität.

Keine bundesweite Verabredungen

In Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen, Rheinland-Pfalz und Saarland wurde das Phänomen in teilweise sehr abgeschwächter Form festgestellt. Teilweise handelte es sich nur um Einzelfälle. Keine derartigen Delikte meldeten hingegen Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen.

Das Fazit der Ermittler: Beim massenhaften sogenannten "Antanzdiebstahl" handelt es sich um eine neue Form der Kriminalität, die jedoch nach bisherigen Erkenntnissen bundesweit nicht verabredet oder abgesprochen war. Stichtag der Auswertung war der 13. Januar. Das Bundeskriminalamt betont, dass es sich um eine Momentaufnahme handelt. Da die Ermittlungen noch laufen, sei die Lage "weiterhin dynamisch".

Herkunft der Täter schwer zu ermitteln

In allen Bundesländern sind die Opfer bis auf wenige Ausnahmen weiblich und die Tatverdächtige junge Männer im Alter von etwa 17 bis 30 Jahren. Da in der angeforderten "Sachverhaltsdarstellung" explizit nach Erkenntnissen zu den Tätern oder Tätergruppen gefragt wurde, bemühten sich die zuliefernden Länder offenbar um eine Eingrenzung der Herkunft von Tatverdächtigen.

Dabei wird deutlich, wie schwierig es für Ermittlungsbehörden ist, die Anfang der Woche bekannt gewordene Forderung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière in die Praxis umzusetzen, einen "Migrations- oder Flüchtlingshintergrund" bei Straftaten zu nennen. So berichtet Baden-Württemberg sowohl über einen US-amerikanischen und einen algerischen Tatverdächtigen, bei einer anderen Gruppe wiederum über "Tatverdächtige mit arabischem Erscheinungsbild".

Hamburg nennt Kleingruppen von "Männern mit südländischer Erscheinung", Hessen gar das Konstrukt: Männer mit "nordafrikanischem/arabischem/südeuropäischem/osteuropäischem Aussehen". Nordrhein-Westfalen spricht von einem "augenscheinlichem Migrationshintergrund" und einem "ausländischem Erscheinungsbild", ohne zu erläutern, worin dieser Augenschein besteht oder wodurch vom Aussehen der Person auf seine Nationalität zu schließen war. Eine einheitliche Definition liegt dem Lagebild offenbar nicht zugrunde.

Und in anderen Ländern?

Das Bundeskriminalamt ergänzte das Lagebild um eine internationale Perspektive. Unter anderem in Frankreich, Griechenland, Schweden und der Türkei wurden ähnliche, jedenfalls aber nicht so massive Übergriffe vermeldet, jedoch stützt sich die Auswertung vornehmlich auf öffentlich zugängliche Medienquellen. So wurde zum Beispiel in Kroatien zwar über ähnliche Vorkommnisse berichtet, der Generalpolizeidirektion liegen jedoch keine Erkenntnisse vor.

Auch in Ägypten und Algerien sind laut den BKA-Verbindungsbeamten in den jeweiligen deutschen Botschaften sexuelle Belästigungen weit verbreitet, in Marokko und Tunesien jedoch weitgehend unbekannt. Bei einem Treffen mit Europol Ende Januar soll ein Austausch auf europäischer Ebene angeregt werden. Das nordrhein-westfälische Innenministerium hatte am Donnerstag im Landtag einen ausführlichen Sachstand zum Ablauf der Silvesternacht vorgelegt.

Recherchekooperation

Die investigativen Ressorts von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" kooperieren unter Leitung von Georg Mascolo themen- und projektbezogen. Die Rechercheergebnisse, auch zu komplexen internationalen Themen, werden für Fernsehen, Hörfunk, Online und Print aufbereitet.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Januar 2016 um 20:00 Uhr.

Darstellung: