Silvester auf dem Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs

ARD-Doku "Silvester-Schock" Viele Anzeigen, kaum Urteile

Stand: 19.12.2016 05:00 Uhr

Die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht haben Bestürzung und Wut ausgelöst. Die juristische Aufarbeitung ist schwierig, wie die vergangenen Monate zeigten. Die ARD-Doku "Der Silvester-Schock" zieht Bilanz.

Von Marc Steinhäuser und Florian Bauer, WDR

Er wartet auf seine Abschiebung. Hassan Tabaa, so nannte er sich vor Gericht, sitzt in der Unterbringungseinrichtung für Ausreisepflichtige in Büren bei Paderborn. Mit ernstem Blick beteuert er seine Unschuld. In der ARD-Dokumentation "Die Story - Der Silvester-Schock" gibt er als erster verurteilter Sexualstraftäter der Kölner Silvesternacht ein ausführliches Interview. "Ich habe das nicht gemacht. Ich bin kein Schwein", sagte er.

"Abgeleckt und geküsst"

Hassan Tabaa | Bildquelle: WDR
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Hassan Tabaa sieht sich zu Unrecht beschuldigt.

Doch das Kölner Amtsgericht sieht den Fall anders. Zu eindeutig sind die Zeugenaussagen, zu klar sind die Beweise. Denn es gibt mehrere Fotos von Hassan mit den Opfern. Darauf zu sehen: Er Arm in Arm mit der 20-jährigen Lena. Sie, ihre Freundin und deren Verlobter werden an Silvester bedrängt. Am Anfang ging es nur um ein Selfie. "Mit ihrer Erlaubnis" sei das Foto entstanden, sagt Hassan bis heute. "Ich hab sie nicht gezwungen, das zu machen."

Was danach geschah, beschreibt Lena als Martyrium. Erst sei sie festgehalten worden und wurde "dann abgeleckt und geküsst". Sie habe sich nicht befreien können. "Da blieb mir nichts anderes übrig als zu hoffen, dass es schnell vorbei geht."

Im ARD-Interview stellt Hassan das anders dar. Er schiebt alles auf unbekannte Dritte. "Jemand hat uns angegriffen, hat die Mädchen mit Gewalt genommen und mich weggeschubst." Anfang Juli verurteilt das Kölner Amtsgericht Hassan Tabaa wegen Beihilfe zur sexuellen Nötigung durch eine Gruppe von 15 bis 20 Tätern. Er wird zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Weil Lena ihn erkennt.

Täter-Identifizierung schwierig

Damit ist er einer von zwei Männern, die bisher im Zusammenhang mit den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht bestraft wurden. Die Verfahren zur Silvesternacht gestalten sich schwierig. Mehr als 1200 Anzeigen aus der Kölner Silvesternacht gibt es, mehr als 500 davon wegen Sexualdelikten.

Bis heute haben Polizei und Staatsanwaltschaft 333 Beschuldigte ermittelt, 84 davon wegen sexueller Übergriffe. Verurteilt werden am Kölner Amtsgericht gerade mal 24 - fast alle wegen Diebstahls oder Hehlerei. "Die Geschädigten konnten in den allerwenigsten Fällen die Täter wiedererkennen", sagt Ulrich Bremer von der Kölner Staatsanwaltschaft. Dies sei nachvollziehbar, weil es so chaotisch gewesen sei. Manche hätten auch Angst gehabt, den Tätern ins Gesicht zu schauen.

Viel, aber schlechtes Bildmaterial

Dabei gibt es von verschiedenen Kameras aus dem Hauptbahnhof mehr als 1000 Stunden Überwachungsmaterial, das der ARD vorliegt. Darauf ist zu erkennen, wie bedrohlich die Lage im Hauptbahnhof nach Mitternacht war. Um eine Massenpanik zu verhindern, wurde in der Nacht der Zugverkehr für mehr als eine Stunde eingestellt. Im Hauptbahnhof entstand ein dichtes Gedränge an den Gleisaufgängen, das viele Täter ausnutzen.

Doch den Ermittlern fällt es schwer, einzelnen Personen Straftaten nachzuweisen. "Das Bildmaterial war sehr schlecht und man konnte kaum konkrete Täter finden und denen auch konkrete Taten zuordnen", sagt Bremer von der Staatsanwaltschaft. Etwas Hoffnung hat er aber noch: Es gebe einzelne DNA-Treffer, für das noch nach Vergleichsmaterial gesucht werde. "Es ist also durchaus denkbar, dass wir auch noch in Zukunft schwerwiegendere Taten werden aufklären können." Zudem liefen einige Verfahren gegen Beschuldigte noch.

Eine "Verschwörung gegen Nordafrikaner"

Hassan Tabaa will sich mit seiner Verurteilung nicht abfinden und in Berufung gehen. Die Ereignisse der Silvesternacht hält er für eine Verschwörung, um "Nordafrikaner schlecht zu machen".

Die Zahlen der Ermittler zeigen allerdings, dass viele Nordafrikaner beteiligt waren. Knapp die Hälfte der 333 Beschuldigten sind Asylbewerber oder illegal Eingereiste, sagt Bremer. Fast 200 Verdächtige kommen aus Nordafrika, aber auch 25 Deutsche sind dabei. Für Opfer wie Lena ist es wichtig, dass zumindest ein paar Täter bestraft wurden. "Es ist schon erschreckend, dass es so wenige gibt, die verurteilt werden konnten", sagt sie.

Das Erste zeigt "Der Silvester-Schock" am 20. Dezember um 00:10 Uhr

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Dezember 2016 um 23:42 Uhr

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