Debatte über Sexismus-Vorwürfe "Komplimente, Einladungen, die ganze Palette"

Stand: 25.01.2013 18:11 Uhr

Der tiefe Blick ins Dekolleté, der feste Kniff in die Hüfte. Es gibt kaum eine Frau, die so etwas nicht kennt. Und es gibt kaum eine Frau, die darüber spricht. Das könnte sich mit der heftigen Debatte um die Vorwürfe gegen FDP-Fraktionschef Brüderle nun ändern. Wenn Frauen sich öfter trauen würden, Namen zu nennen.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Es geht um den unverschämt tiefen Blick ins Dekolleté. Die Hand des Mitarbeiters, die beim Tanzen auf der Weihnachtsfeier beinahe unmerklich immer tiefer rutscht, bis sie auf dem Hintern der Auszubildenden landet. Den geschmacklosen Witz unter Männern, die es nicht kümmert, wenn auch eine Frau dabeisteht. Wer in seinem Bekannten- oder Kollegenkreis herumfragt, wird kaum eine Frau finden, die solche Situationen nicht kennt. Sexismus ist alltäglich: im Sportverein, in der S-Bahn und gerade in der Arbeitswelt. So alltäglich, dass kaum jemand darüber spricht. "Passiert eben", ist eine weit verbreitete Auffassung. "Ist doch keine große Sache."

Ein Schweigekartell scheint gebrochen

Brüderle | Bildquelle: dpa
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Rainer Brüderle soll gegenüber "Stern"-Journalistin Himmelreich zudringlich geworden sein.

Im Augenblick ist es das schon. Eine Art Schweigekartell scheint gebrochen. Kürzlich schrieb eine "Spiegel"-Journalistin über den unverhohlenen Sexismus, der ihr in den Reihen der Piratenpartei begegnete. Jetzt entzündete sich die Debatte an dem Bericht der jungen "Stern"-Journalistin Laura Himmelreich, die über Zudringlichkeiten von FDP-Chef Rainer Brüderle berichtete. Zunächst schlug Himmelreich eine Welle der Kritik entgegen, in Medien, sozialen Netzwerken und vor allem von der FDP.

Der Hauptvorwurf ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung ihrer Geschichte: Die geschilderten Erlebnisse liegen schon etwa ein Jahr zurück. Dass der "Stern" die Geschichte jetzt veröffentliche, wenn Brüderle eine neue, herausragende Position einnehme, sei durchsichtig und primitiv, sagte beispielsweise der FDP-Bundestagsabgeordnete Rainer Stinner. Der SPD-Politiker Sebastian Edathy warf Himmelreich vor, sie könne nicht ernsthaft davon ausgegangen sein, um Mitternacht an der Hotelbar ein offizielles Gespräch mit einem Politiker zu führen.

"In welchem Land leben wir denn?"

Über solche Äußerungen kann Annette Bruhns, "Spiegel"-Journalistin und Vorsitzende des Vereins Pro Quote nur den Kopf schütteln. Natürlich gehöre es zum Journalistenberuf, bei solchen informellen Treffen anwesend zu sein. Man könne sich die Uhrzeiten eben nicht aussuchen, wenn man oft stundenlang auf Politiker warten müsse. "Wenn ein Politiker dann ein Bier trinkt, muss er sich trotzdem bewusst sein, dass er sich in einer öffentlichen Situation befindet. In welchem Land leben wir denn, wenn hier suggeriert wird, dass Frauen sich um 23.00 Uhr verabschieden müssen?"

Haufenweise sexistische Äußerungen in einer Debatte über vermeintliche sexistische Vorfälle: Das ist eine durchaus typische Folge von Sexismus, dass eine Frau oder ein Mann sich plötzlich verteidigen muss, Frau oder Mann zu sein und zu handeln wie sie handeln. So wird es auch in der Forschung erklärt. Der Tweet von Thüringens FDP-Generalsekretär von Patrick Kurth, künftig nur noch mit alten, grauen Redakteuren sprechen zu wollen, mag zwar ironisch gewesen sein, ist aber Sexismus qua definition.

In allen Parteien, aber nicht nur in der Politik

Die Journalistin Annette Bruhns vom Verein ProQuote. | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Annette Bruhns meint, Sexismus sei in der Politik nicht verbreiteter als anderswo.

Es geht hier aber nicht nur um Brüderle oder die Piratenpartei. Es geht auch nicht nur um den Politikbetrieb. Die Pro-Quote-Vorsitzende Bruhns hat in ihrer langjährigen Berufserfahrung als Journalistin vieles mitbekommen. Zu Zeiten der Bonner Republik seien solche Zudringlichkeiten wohl an der Tagesordnung gewesen, im politischen Berlin sei das aber offenbar nicht mehr so verbreitet. Aber: "Ich weiß von jungen Kolleginnen, dass es das nach wie vor gibt: Komplimente, Einladungen, die ganze Palette - und zwar in allen Parteien. Ich glaube, dass das in der Politik nicht häufiger passiert, als in Redaktionen oder Unternehmen bis in die Manageretagen hinein."

Das Phänomen Sexismus ist schwer zu greifen: Es fängt bei vermeintlich harmlosen Werbeplakaten an, die Frauen als immer attraktiv und immer willig darstellen. Die Grenze zur sexuellen Belästigung, zu sexuellen Übergriffen ist fließend. In Deutschland sei Sexismus sehr verbreitet, viel mehr als beispielsweise in den USA oder Skandinavien, heißt es in der Forschung. Das hat wohl auch damit zu tun, dass wir nach wie vor in einem konservativen Wohlfahrtsstaat leben, in dem durch Politik und Gesetzgebung immer noch das traditionelle Familienbild begünstigt wird: Die Frau versorgt die Kinder und bleibt zu Hause, der Mann verdient das Geld.

Tausende Frauen schreiben unter #aufschrei über täglichen Sexismus
tagesWEBschau 25.01.2013, 25.01.2013

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Mehr Häme fürs Opfer als für den Täter

Schon mit dem Wort Sexismus tun wir uns schwer. Es scheint beinahe ein Unwort zu sein. Wer es gebraucht und weiblich ist, kann ganz leise im Hinterkopf Begriffe wie "Kampf-Emanze" mitschwingen hören. Wer in den vergangenen Tagen einen Blick in die sozialen Netzwerke geworfen hat, konnte Reaktionen dieser Art zu Hauf beobachten: "Ist das die Story hinter der Story? Ist #stern-Mitarbeiterin Laura #Himmelreich eine Emanze?" Oder: Frau #Himmelreich empört sich über ein Kompliment eines #Spitzbuben. Wahrscheinlich bekommt sie selten welche." Da ist es kein Wunder, wenn kaum eine Frau öffentlich über Sexismus spricht. Hinzu kommt: "Frauen, die sexuell belästigt werden, ist das selbst oft peinlich", sagt Esther Lehnert von der Frauenberatungstelle Lara in Berlin. Die meisten Frauen schieben das lieber weg, verdrängen und bagatellisieren es. Nicht zuletzt, weil dem Opfer oft mehr Häme und Verachtung entgegengebracht werde als dem Täter.

Ein Mann tätschelt den Hintern einer Frau. | Bildquelle: picture-alliance / beyond/beyond
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Bruhns: "Sobald Abhängigkeiten im Spiel sind, muss sich jede Form der Annäherung verbieten."

Noch schwieriger wird es, wenn Macht mit im Spiel ist, wenn der gestandene Redakteur die Volontärin, der Chef die jüngere Mitarbeiterin anbaggert. "Teilweise handeln Vorgesetzte völlig naiv", sagt Bruhns. Beispielsweise wenn ein Chef eine gleichaltrige Mitarbeiterin toll finde. Dann denke er sich oft nichts dabei. "Wenn die Frau ihm dann einen Korb gibt, wird das Arbeitsverhältnis nachhaltig belastet sein." Sie sei nicht für amerikanische Verhältnisse, natürlich könnte es zu Liebschaften unter Kollegen kommen. "Aber sobald Abhängigkeiten bestehen, muss sich jede Form der Annäherung verbieten."

Die Debatte ist längst überfällig

Tabubruch und die Verletzung ungeschriebener Gesetze im Journalismus werden Laura Himmelreich nun vorgeworfen. Sicher kann der Zeitpunkt der Geschichte hinterfragt werden, aber die Debatte, die angestoßen wurde, ist überfällig. Das eigentliche Tabu müsste doch sein, dass viele Männer noch immer meinen, Frauen stünden zu ihrer Verfügung. "Sicher ist der Aufschrei auch deshalb so groß, weil viele Männer sich unangenehm berührt fühlen. Weil sie sich selbst an solche Situationen erinnern und ihr Verhalten nicht ändern wollen", meint Annette Bruhns. "Vielleicht haben sie auch Angst, dass sich jetzt noch mehr Frauen äußern und Namen nennen könnten." Denn die Debatte werde ja nur deshalb im Augenblick so heftig geführt, weil Brüderle geoutet wurde. Das sei vorher nie geschehen, weil man ja gleich eine Verleumdungsklage fürchten müsse.

Die Frage ist, wie lange und wie nachhaltig diese Debatte geführt wird und ob sie wirklich etwas verändert. Immerhin, im Netz gibt es schon einen Anfang. Mehr und mehr melden sich andere Stimmen zu Wort - gegen Sexismus. Unter dem Hashtag #aufschrei schreiben tausende Frauen über demütigende Erfahrungen mit alltäglichem Sexismus.

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