Matthias Wagner, der erste Schwimmer der Schwimmstaffel, schwimmt die Elbe hinab.  | Bildquelle: dpa

600 Kilometer durch die Elbe Im Trüben schwimmen für die Forschung

Stand: 28.06.2017 12:12 Uhr

600 Kilometer durch die Elbe - eine Schwimmstaffel durchquert Deutschland, um auf die Bedeutung von sauberem Wasser aufmerksam zu machen. Forscher begleiten das Projekt und untersuchen die Wasserqualität.

Von Gudrun Engel, WDR

Sechs Bundesländer, 19 Etappen, 250 Schwimmer, knapp 600 Kilometer - die Elbschwimmstaffel durchquert Deutschland. Das Forschungsprojekt der Bundesregierung soll auf die Bedeutung von sauberem Wasser aufmerksam machen. Damit das gelingt, schwimmen ambitionierte Hobbysportler von Bad Schandau an der tschechischen Grenze bis Geesthacht kurz vor Hamburg in Deutschlands längster Staffel - fast egal unter welchen Bedingungen.

Grün! Die Elbe ist grün. Limetten-grün wenn die Sonne scheint und die Strahlen durch die Wasseroberfläche dringen und die kleinen Partikel im Wasser beleuchten. Tannengrün dunkel, wenn sich Wolken vor die Sonne schieben. Und schlammig braungrün, wenn an flachen Stellen viel Sediment aufgewirbelt wird. Sehen kann man jedenfalls nichts unter Wasser. Sichtweite maximal 25 Zentimeter. Nicht mal die signalrot lackierten Nägel an den Fingerspitzen des ausgestreckten Armes kann man erkennen. Es ist schlicht zu trübe.

Teilnehmer der ElbSchwimmstaffel | Bildquelle: Gudrun Engel
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Die Teilnehmer, die auf der vierten Etappe von Riesa nach Torgau durch die Elbe schwimmen.

Wassertrübheit als Forschungsschwerpunkt

Trübheit ist passenderweise das Forschungsthema auf der vierten Etappe der Elbschwimmstaffel. Jeden Tag geht es um einen anderen Aspekt der Wissenschaft. Noch nie ist die Elbe auf fast ihre kompletten Länge so genau erforscht worden wie jetzt. Das Forschungsschiff "MS Elbegrund" begleitet die Staffel. An Bord ist ein Forscherteam von der TU Berlin und dem Karlsruher Institut für Technologie. Die Wissenschaftler nehmen laufend Proben, um die Wasserqualität, das Algenwachstum oder den Anteil von Mikroplastik zu untersuchen.

Niedrigwasser erschwert das Projekt

Die vierte Etappe führt von Riesa nach Torgau. Etwa 46 Fluss-Kilometer. Die Elbe mäandert gemütlich vor sich hin. Im Moment herrscht extremes Niedrigwasser. Manchmal zeigen die Geräte auf dem Begleitfloß nur 130 cm, mal nur 70 cm Wassertiefe unter dem Kiel an. Unter diesen Bedingungen könnte man auch durch die Elbe laufen.

ElbSchwimmstaffel | Bildquelle: Gudrun Engel
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Ein Forscherteam begleitet die Schwimmstaffel und entnimmt Wasserproben.

Die Gruppe ist bunt zusammengesetzt - aus ganz Deutschland sind Schwimmer angereist. Die insgesamt 250 Startplätze waren schnell vergeben, die Warteliste lang. Am Start: ambitionierte Hobby-Atlethen, die die 3 Kilometer langen Teilstücke kraftvoll entlang kraulen, und einheimische Bürger und Politiker, die Brust schwimmen, sich bei einer Fließgeschwindigkeit von drei Kilometern pro Stunde gemütlich treiben lassen und vor allem ein Zeichen für ihren Fluss setzen wollen.

Hobbyathleten und Freizeitschwimmer

Hannelore Brendel geht als erste ins Wasser. Die Bürgermeisterin von Mühlberg feiert ihren 60. Geburtstag. Ein ganzer Fanclub jubelt ihr zu, als sie in ihrer Heimatgemeinde die Grenze von Brandenburg nach Sachsen durchschwimmt. "Seit dem Hochwasser 2002 sehen die Menschen hier den Fluss mit anderen Augen", berichtet sie. Die Katastrophe habe vielen klargemacht, dass man sich aktiv um die Elbe kümmern müsse, in jederlei Hinsicht.

Eine Plastikskulptur am Elbufer zeigt das Motto der Schwimmstaffel: "Das Meer beginnt hier" | Bildquelle: dpa
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"Das Meer beginnt hier!" lautet das Motto des Projekts, mit dem auf die Bedeutung sauberer Gewässer für die Meere und Ozeane aufmerksam gemacht werden soll.

Die Elbe war eine Kloake

Noch vor 25 Jahren war die Elbe einer der schmutzigsten Flüsse Europas. Kommunale, landwirtschaftliche und industrielle Abwässer, die ungenügend oder nicht behandelt in die Elbe geleitet wurden, führten zu biologischer Verödung, Fischsterben, Fäulnisprozessen und Geruchsbelästigung. An Baden in der Elbe war lange Zeit nicht zu denken - das Gewässer eher eine mit Schwermetallen belastete Kloake.

Wissenschaftsministerin Johanna Wanka ist an der Elbe bei Torgau geboren und groß geworden. Wahrscheinlich liegt ihr das Projekt, für das sie die Schirmherrschaft hat, deshalb so am Herzen: "Zu DDR-Zeiten gab es ja diese Floskel: In der DDR ist alles grau. Nur nicht die Flüsse, die sind bunt, weil sich da schillernd Chemikalien bemerkbar gemacht haben", erzählt Wanka. "Heute ist die Elbe ein Fluss, in dem sich schon wieder Flusslachse angesiedelt haben, in dem es wieder Fischbestand gibt, von dem uns die Experten sagen, dass das Wasser in vielen Abschnitten der Elbe Badequalität hat."

ElbSchwimmstaffel | Bildquelle: Gudrun Engel
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Die Landschaft entlang der Elbe ist oft malerisch, auch wenn die Schwimmer im Wasser wenig davon mitbekommen.

Schwimmen: Ja - trinken: Nein

Badequalität ist aber etwas anderes als Trinkwasserqualität. Das betonen die Forscher auf den Begleitbooten immer wieder. Also lieber kein Wasser schlucken, wenn man in die mit 23 Grad angenehm warme Elbe steigt. Wie Andreas, der aus Bremen angereist ist und schon an Freiwasser-Events auf der ganzen Welt teilgenommen hat. Das hier sei die Chance, mal in der Elbe zu schwimmen. Denn das ist sonst nach wie vor verboten - aus verschiedenen Gründen.

Dabei ist es eine beeindruckende Kulisse. Von der man vom Wasser aus allerdings nicht viel sieht. Stichwort: Trübheit - alles grün. Das Navigieren falle deshalb schwer, erzählt Claudia nach ihrer Etappe. Nicht mal die GPS-Uhr, die die Wissenschaftlerin aus Hamburg immer beim Schwimmen trägt, habe sie ablesen können. Vor allem in den langgezogenen Kurven hilft deshalb ein signalrotes Begleitboot der DLRG bei der Orientierung. Die Rettungsschwimmer sind zur Sicherheit immer in der Nähe.

ElbSchwimmstaffel | Bildquelle: Gudrun Engel
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Ein Begleitboot des DLRG hilft bei der Orientierung und sorgt für Sicherheit.

DLRG sorgt für Sicherheit

Auch, damit sie Teilnehmer schnell an Bord nehmen können, wenn Gegenverkehr kommt. In Belgern bei Elbkilometer 140,5 kreuzt eine Autofähre. Dort muss Heinz-Dieter seine Etappe kurz unterbrechen. Der Hobby-Triathlet aus Cottbus ist die 120 Kilometer nach Torgau mit dem Fahrrad angereist, um bei dem Projekt dabei zu sein. "Einfach mal über eine längere Strecke draufloszuschwimmen, mitten in der Natur, das ist schon ein tolles Erlebnis", schwärmt er.

An den grünen Ufern stehen abwechselnd Schafe und Kühe zwischen den Bäumen und beäugen die Schwimmer skeptisch. Einmal schreckt ein Graureiher auf, ein paar Wildgänse dümpeln an einem Kiesbett. Hier scheint die Elbe sauber und gesund zu sein.

Forschungsergebnis im Etappenziel

Etwa eine halbe Stunde dauert es für jeden Schwimmer, die drei Kilometer langen Abschnitte zurückzulegen, bevor der nächste symbolisch abklatscht. Alle Schwimmer sind sich einig: "Die Zeit im Wasser geht viel zu schnell vorbei." Am Abend kommt hinter einer Flussbiegung erst das imposante Schloss Hartenfels in Sicht, dann Flusskilometer 155, das Tagesziel Torgau. An der Anlegestelle: großes Empfangskomitee und freundlicher Applaus. Die Oberbürgermeisterin überreicht Medaillen an alle.

ElbSchwimmstaffel | Bildquelle: Gudrun Engel
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Schloss Hartenfels in Sicht - damit neigt sich die vierte Etappe dem Ende zu.

Als Ergebnis dieses Forschungsschwerpunktes geben die Verantwortlichen am Abend auf einer großen Tafel bekannt: Trübheit 1,8 - 2,7. Laut Nicolas Börsig, vom Karlsruher Institut für Technologie, ein Wert im normalen Bereich. Und im Vergleich zu anderen deutschen Flüssen, wie etwa dem Rhein, sogar deutlich niedriger als erwartet. In der Elbe liegt die schlechte Sicht vor allem an den aufgewirbelten Sedimenten, die der Fluss transportiert. Oder wie die Schwimmer sagen würden: grün in verschiedenen Schattierungen.

Darüber berichtete der MDR im "Sachsenspiegel" am 27. Juni um 19:00 Uhr.

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