Familienministerin Schwesig im Porträt Jung, ostdeutsch und extrem erfolgreich

Stand: 25.03.2015 12:45 Uhr

Bundesfamilienministerin Schwesig hat man lange unterschätzt. Von Gegnern wurde sie gar als "Küsten-Barbie" diffamiert. Jetzt ist sie im Begriff zur Hoffnungsträgerin der SPD zu werden. Und legt sich sogar mit Finanzminister Schäuble an.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Gelassen sitzt Manuela Schwesig im Sessel, eine Hand locker auf dem Bein, die andere auf der Armlehne. Gerade wird sie in der ARD-Sendung Günther Jauch von dem Hotelier Marcus Wöhrl für ihre Regierungsarbeit attackiert. Ob sie nicht stolz sei, es ohne Frauenquote und Lohngleichheitsgesetz geschafft zu haben? Schwesig lächelt - ein wenig versteinert, aber auch ein wenig überlegen.

Manuela Schwesig und Günther Jauch
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Souveräner Auftritt in der ARD-Sendung Günther Jauch

Solche Anwürfe, zumeist vorgetragen von Männern, kennt die Bundesfamilienministerin. Sie sind keine Herausforderung für sie. Eher eine willkommene Vorlage: "Ich antworte gern darauf." Sie habe - als Frau, die es in eine Spitzenposition geschafft habe - nicht vergessen, wo sie herkomme. Sie kenne nunmal die Kämpfe, die Frauen im Alltag durchmachten.

In eineinhalb Jahren viel auf den Weg gebracht

Dabei erfüllt die SPD-Ministerin in mehrfacher Hinsicht eine inoffizielle Quote. Und zwar eine, auf die in erster Linie männliche Politiker Wert legen: Die Attribute "jung, ostdeutsch, Frau, mit Familie, attraktiv" haben für den Karrieresprung ins Bundesfamilienministerium wohl eine ausschlaggebende Rolle gespielt. Doch diejenigen, die in ihr nur die Quotenfrau gesehen oder sie gar als "Küsten-Barbie" diffamiert haben, dürften sich spätestens seit einigen Wochen die Augen reiben.

In eineinhalb Jahren Regierungsarbeit hat Schwesig viel auf den Weg gebracht: Kita-Ausbau, ElterngeldPlus, Familienpflegezeit, Frauenquote. Während die SPD bei ihren Großprojekten Mindestlohn, Rente mit 63 und Mietpreisbremse die bittere Erfahrung macht, dass am Ende doch nur die Kanzlerin die Lorbeeren einfährt, heimst Schwesig einen Erfolg nach dem anderen ein, indem sie sich geschickt als Kämpferin für Frauen und Familien inszeniert.

Bietet der Altherrenpolitik der Union die Stirn

Ihre Hartnäckigkeit und ihr Selbstbewusstsein sind so groß, dass sie sich jüngst sogar mit Finanzminister Wolfgang Schäuble angelegt hat. In seinem Gesetzentwurf zur Aufstockung von Familienleistungen, der heute im Kabinett verabschiedet wurde, will er zwar Kindergeld, Kinderfreibetrag und Kinderzuschlag moderat erhöhen, nicht aber den Steuerfreibetrag für Alleinerziehende. Das will Schwesig nicht mitmachen: "Der Entwurf ist mit mir nicht abgestimmt", lässt sie verlauten. Es könne nicht sein, dass die Alleinerziehenden leer ausgehen.

Familienministerin Schwesig und Finanzminister Schäuble
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Die Familienministerin Schwesig legt sich mit Schäuble an

Und auch wenn Schwesig sich - zumindest vorerst - nicht durchsetzen konnte, der Konflikt mit Schäuble spielt ihr in die Hände. Einmal mehr erscheint sie als eine moderne Jeanne d'Arc, die der Altherrenpolitik der Union die Stirn bietet. Und auch die SPD wittert, dass die kämpferische Familienministerin im Hinblick auf die Bundestagswahl 2017 zu einem echten Trumpf für sie werden könnte, und springt ihr bei. Von einer Trendwende für die SPD ist in manchen Medien jetzt die Rede, vom neuen Gewinnerthema Familienpolitik. "Bild" fragte Schwesig sogar schon, ob sie die nächste Kanzlerkandidatin der SPD werde.

Frauenquote wurde zu Heimspiel für Schwesig

Ein wenig verwunderlich ist das schon: Denn bis vor wenigen Monaten galt Schwesig noch als farblos und hölzern, ihre Bilanz nach knapp einem Jahr im Amt war bescheiden. Die Wende brachte zunächst nicht Schwesigs Politik, sondern Unionsfraktionschef Volker Kauder. Nachdem er sie Ende des vergangenen Jahres "weinerlich" nannte, erfuhr Schwesig quer durch alle Parteien viel Solidarität. Von chauvinistischen Sprüchen à la Kauder wollten sich selbst seine Parteikollegen - allen voran die Kanzlerin - absetzen. Und so wurde die Frauenquote, die die Union zunächst heftig bekämpft hatte, schließlich zum Heimspiel für Schwesig.

Die Familienministerin weiß solche Chancen, geschickt zu nutzen, um sich und ihre Themen nach vorne zu bringen. Nicht nur in der Auseinandersetzung mit der Union. Ihr Lieblingsprojekt "Familienarbeitszeit", wonach junge Eltern durch eine staatlich subventionierte 32-Stunden-Woche mehr Zeit für die Familie haben sollen, ist ein Medienerfolg.

Doch mediale Aufmerksamkeit sagt nicht unbedingt etwas über die Qualität der Politik aus. Die Opposition jedenfalls ist weniger euphorisch: Die Familienarbeitszeit "käme nur für zwei Prozent der Eltern überhaupt in Frage", sagt die Grünen-Familienpolitikerin Franziska Brantner. Schwesig gelinge es mit familienpolitischen Minimalforderungen in der Bevölkerung den Eindruck zu erwecken: Die kämpft für uns.

Dabei "hat Schwesig bislang im Grunde nur umgesetzt, was im Koalitionsvertrag steht", sagt Brantner im Gespräch mit tagesschau.de. Dass sie die Entlastung für Alleinerziehende Schäuble gegenüber nicht durchsetzen konnte, obwohl sie im Koalitionsvertrag steht, sieht Brantner als Schwäche. Eigentlich gehe es hier doch um Peanuts. Sie würde sich wünschen, dass die Familienministerin einer Großen Koalition endlich mal die großen Themen wie Kinderarmut angehe.

Franziska Brantner
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Franziska Brantner, Familienpolitikerin der Grünen wünscht sich von Schwesig mehr Einsatz gegen Kinderarmut.

Image der "unterkühlten Schönen" bröckelt

Die Meinung der Opposition allerdings geht angesichts der Übermacht der Großen Koalition im Alltagsgeschäft oft unter. Doch auch in der SPD ist längst nicht ausgemacht, dass Schwesig Arbeitsministerin Andrea Nahles als Vorzeigeministerin und Frontfrau der Partei ablösen wird. Der 40-Jährigen fehlt die Hausmacht in der Partei, auch wenn sie stellvertretende Bundesvorsitzende ist. Schwesig ist relativ neu in Berlin und in der SPD noch nicht sehr gut vernetzt. Bis zu ihrem Sprung in den Bund 2013, war die gebürtige Brandenburgerin Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern.

Nach wie vor hängt Schwesig das Image der "unterkühlten Schönen" an, die alles weglächelt. Doch das könnte sich langsam ändern. Denn es stimmt, was Brantner sagt: Bei den Menschen kommt die Familienministerin an. Nach Kauders Heulsusenattacke sind ihre Beliebtheitswerte im ARD-Deutschlandtrend um 12 Prozentpunkte gestiegen, Anfang des Jahres dann um weitere drei auf 45 Prozent. Die Menschen nehmen ihr ab, dass sie es ernst meint mit der Entlastung für die Familien. Und das könnte sich bald auch für die SPD auszahlen. Durch Schwesig könnte sie ein wenig mehr vom Glanz des GroKo-Erfolges abbekommen, der bislang nur der Union anhaftet.

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