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Selten haben sich zu einem Thema so viele Experten geäußert, wie zur Schweinegrippe. Dennoch ist auch die Verunsicherung so groß wie selten zuvor. Viele Kritiker machen die Berichterstattung dafür verantwortlich, diese sei "krass überzogen". Doch es gibt auch Lob für die Medien.
Von Fiete Stegers, tagesschau.de
Seit Monaten wütet die Schweinegrippe - zumindest in den Medien. Und besonders heftig in denen, die sich über große Schlagzeilen und große Gefühle am Kiosk verkaufen. Die freiwilligen Medienwächter von "Bildblog" haben kürzlich nachgezählt: In knapp vier Wochen stand die Schweinegrippe bei "Bild" und "Bild am Sonntag" zwölf Mal ganz oben auf der Titelseite. "Alles, was gesundheitsgefährdend ist, zieht", sagt der Kommunikationswissenschaftler Hans-Mathias Kepplinger, der sich mit der Kommunikation in Krisensituationen beschäftigt. Der Höhepunkt bei "Bild": Am 21. Oktober warnte das Blatt mit Berufung auf einen "Impf-Experten", in Deutschland seien 35.000 Tote durch die Krankheit zu befürchten.
[Bildunterschrift: Im Mai war die Panik groß: Als Vorsichtsmaßnahme wurden in Mexiko Schutzmasken verteilt. ]
"Das Bild, das derzeit von der Schweinegrippe gezeichnet wird, ist krass überzogen", sagte der Präsident der Ärztekammer Berlin, Günter Jonitz, dem NDR-Magazin "Zapp". "Zapp" führte noch weitere Fälle aus, in denen Boulevardmedien mit Zahlen jonglieren ohne diese ausreichend einzuordnen, wo sie Emotionen schüren, statt sachlich zu bleiben. Dass Journalisten Konflikte herausstellen und Gefahren beschreiben, liegt in der Natur der Medien, die sich auf Neues und Interessantes konzentrieren und Gegensätze benutzen, um Nachrichten interessant aufzubereiten.
"Der mediale Hype um die Schweinegrippe ist angesichts anderer Erkrankungen mit sehr viel höheren Todesopfern völlig unverhältnismäßig", sagte Christian Floter, Leiter der Wissenschaftsredaktion des Deutschlandsfunks, zu "Zapp". In der Anfangszeit der Schweinegrippe seien auch alarmierende Szenarien zur Verbreitung der Krankheit bedenkens- und berichtetenswert gewesen, meint Floter: "Dann gab es aber eine Abkoppelung der medialen Realität von der tatsächlichen."
[Bildunterschrift: Ein Paar mit Mundschutz in Kiew ]
Zuerst aufgetreten ist die Krankheit im März in Mexiko. Die damals geäußerten Befürchtungen von hohen Totenzahlen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung haben sich allerdings mittlerweile nicht bestätigt, wie die ARD-Sendung "Monitor" berichtete. Auch in der Ukraine ist die Situation laut Recherchen von "Monitor" weit weniger dramatisch, als es zeitweise in einigen Berichten angesichts mehrerer hunderttausend mutmaßlich Infizierter vermittelt wurde. Die Zahl der nachweislich an der Schweinegrippe verstorbenen Ukrainer liegt laut "Monitor" bislang bei knapp 30 - nicht bei einigen hundert, wie teilweise prognostiziert.
Der Medienwissenschaftler Kepplinger, der noch im Mai in einem Interview über "Panikmache" redete, möchte die weitreichende Kollegen-Kritik von "Zapp" und "Monitor" jedoch nicht teilen. "Es ist nicht wie bei SARS oder der Vogelgrippe, dass eine verwilderte Meute einem Phantom hinterjagt, selbst wenn "Bild" das Thema seit Monaten powert", so Kepplingers Beobachtung.
Einzelne Journalisten hätten sich gut in das Thema eingearbeitet, beispielsweise seien jetzt häufiger als früher Vergleichszahlen zu hören, die die Zahl der Erkrankungen oder Todesfälle in Relation zur Gesamtbevölkerung setzten. Wenn sich bei mutmaßlichen Schweinegrippe-Toten doch etwas anderes als Ursache herausstelle, "wird das auch berichtet - wenn auch erst ein oder zwei Tage später", sagt Kepplinger. "Wichtig ist, dass Journalisten und Wissenschaftler der Öffentlichkeit immer wieder klar machen, wo Unsicherheiten in unserem Wissen über die Schweinegrippe bestehen."
Ein solche Differenzierung geschehe aber in den Medien zu wenig, meint Christian Floto vom Deutschlandfunk: Wenn sich nicht auf Medizinthemen spezialisierte Journalisten um Einordnung bemühen und sich dabei auf die Meinungen von Experten stützen, werde dabei oft genug eine "plakative Einzeleinschätzung" transportiert, egal wie fundiert diese sei, kritisiert Floto.
Diese Erfahrung hat auch der als kritischer Beobachter des britischen Gesundheitswesens bekannte Arzt Ben Goldacre gemacht. Ihn erreichten die Anfragen mehrerer Journalisten, die von ihm als Interviewpartner hören wollten, dass die Schweinegrippe ein Medien-Hype sei. Goldacre lehnte es aber ab, ein plakatives Zitat zu liefern. "Menschen können Risiken schwer begreifen, und Epidemien sind eine komplizierte Angelegenheit. Bei Infektionskrankheiten ist die mögliche Abweichung groß, und es ist sehr schwer, genaue Voraussagen zu treffen", schrieb Golcacre bereits im April in seinem Blog dazu. Und er betonte: "Voraussagen beziehen sich darauf, was passieren könnte - nicht auf etwas, was definitiv passieren wird."
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