Stühle mit der Aufschrift "London, New York, Paris, Würselen" am SPD-Parteitag | Bildquelle: dpa

Für und Wider Schulz ante portas - der Kanzler-Test

Stand: 18.03.2017 14:13 Uhr

Er ist Quereinsteiger in der Bundespolitik und überzeugter Europäer. Nützt dem SPD-Kanzlerkandidaten Schulz das oder eher nicht? Seine Strategie, sein Auftreten, seinen Wahlkampfstil nehmen drei Hauptstadtkorrespondenten unter die Lupe.

Von Ulla Fiebig, Thomas Kreutzmann, Moritz Rödle, ARD-Hauptstadtstudio

Der Wahlkämpfer

Pro:

Schulz ist ein guter Wahlkämpfer. Schon einmal war er SPD-Spitzenkandidat bei einer Wahlkampagne: Bei der Europawahl 2014 holte er 27,3 Prozent. Für damalige Verhältnisse ein starkes Ergebnis. Schulz kann gut mit Menschen. Er genießt eine hohe Glaubwürdigkeit. Sein fehlendes Abitur ist im Wahlkampf eher ein Pfund, mit dem er wuchert, als ein Makel. Er wird nicht als Teil der Politikelite wahrgenommen. Zudem ist er sich nicht zu schade, von Haus zu Haus zu ziehen. Die Zeit dafür hat er, weil er sein Mandat im Europaparlament schon im Januar abgegeben hat. Die Nähe, die er beim "Häuserwahlkampf" aufbauen kann, kommt bei potenziellen SPD-Wählern an.

Contra:

Schulz ist zwar ein guter Wahlkämpfer, ihm fehlt aber ein Bundestagsmandat. Das Plenum ist jedoch eine wichtige Arena im Kampf um Stimmen. Zum Beispiel kann er bei Regierungserklärungen der Kanzlerin keine Erwiderungsrede halten. Bis zur Bundestagswahl wird diesen Job weiter Sigmar Gabriel übernehmen müssen.

Sigmar Gabriel (re.) und Martin Schulz (beide SPD) lachend Arm in Arm
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Teamarbeit notwendig: Martin Schulz und Sigmar Gabriel scheint's zu freuen.

Der Europäer

Pro:

Schulz ist durch und durch Europäer. Aufgewachsen in der Grenzregion zu den Niederlanden und zu Belgien hat der 61-Jährige schon früh gelernt, was Schlagbäume für die persönliche Freiheit bedeuten. Eines seiner Wahlkampfthemen ist daher das klare Bekenntnis zu Europa und der EU. Bis vor kurzem wäre das wohl kein Wahlkampfschlager gewesen. Doch nach dem Brexit und den Angriffen von Donald Trump bekommen die EU-Errungenschaften in den Augen vieler Deutscher wieder ein positiveres Bild. Am Wahlergebnis der Niederlande kann man außerdem sehen, dass auch ein Pro-Europa-Wahlkampf erfolgreich geführt werden kann. 

Contra:

Dass Schulz durch und durch ein überzeugter Europäer ist, könnte aber auch zum Nachteil werden. Denn selbst bei Befürwortern der EU hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Europäische Union reformiert werden muss. Und wem kann man die Fehlentwicklungen leichter anlasten als jemandem, der jahrelang eine herausgehobene Rolle in der Europa-Politik gespielt hat?

Außerdem könnte ihn seine Vergangenheit einholen: Schulz hat sich für einen EU-Beitritt der Türkei und für die Aufnahme von Flüchtlingen stark gemacht. Beides ist im Moment nicht sonderlich populär. 

Der Stratege

Pro:

Mit Schulz wäre sowohl eine Große Koalition als auch Rot-Rot-Grün denkbar - natürlich nur unter seiner Führung. Er punktet vor allem mit Gerechtigkeitsthemen, die das Herz der Sozialdemokraten und ihrer Wähler ansprechen sollen. Viele Genossen sagen, dass das, was Schulz verspricht, inhaltlich mit der Union machbar wäre. Man habe mit den "Schwarzen" schließlich auch in der aktuellen GroKo einiges an SPD-Kernthemen umsetzen können. Als Beispiele werden dann Mindestlohn, Frauenquote in Aufsichtsräten oder die Rente mit 63 genannt.

Contra:

Bis jetzt geht das Wachstum der SPD in den Umfragen zu großen Teilen auf Kosten der kleineren Parteien im linken Lager. Grüne und Linke verlieren, was die SPD gewinnt. Daher ist trotz der starken SPD-Performance eine rot-rot-grüne Mehrheit weiter ungewiss. Und selbst wenn es am Ende reicht, ist eine Mitte-Links-Regierung längst nicht sicher. Bei SPD und Grünen zweifeln viele an der Regierungsfähigkeit der Linken. Die Partei müsse noch vor der Wahl ein Bekenntnis zu Europa und der NATO abgeben. Ansonsten sei ein Bündnis ein zu großes Risiko.

Der Quereinsteiger

Pro:

Berlin und das Willy-Brandt-Haus waren für Martin Schulz jahrelang nicht der Nabel der Welt. Von Würselen nach Brüssel - da war wenig Zeit, sich in Berlin eine sogenannte Hausmacht aufzubauen. Vielleicht ist die aber auch gar nicht notwendig. Viele schwärmen inzwischen von seiner offenen, kommunikativen Art, seiner Fähigkeit, die Arbeit anderer wertzuschätzen und zu organisieren. Das dürfte zumindest in Zeiten reichen, in denen es für die Partei gut läuft. 

Contra:

Noch ist die Verliebtheit groß, die Umfragen sprechen für Martin Schulz. Es gibt also gar keinen Grund, das Haar in der Suppe zu suchen. Allerdings kann die SPD auch anders. Kurt Beck wurde es etwa zum Verhängnis, als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz nie ganz angekommen zu sein im harten Berliner Politikbetrieb. Nach internen Streitigkeiten in Bezug auf die Kanzlerkandidatur schmiss er bekanntlich den Parteivorsitz hin.

Martin Schulz auf Wahlkampftour im Saarland (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
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Gilt als guter Zuhörer: SPD-Kanzlerkandidat Schulz hier bei einem Auftritt im Saarland.

Der Mensch

Pro:

Schulz ist der Anti-Merkel. Er ist emotional, zeigt gerne seine Gefühle, schafft es im Gespräch schnell, Augenhöhe herzustellen und Empathie auszustrahlen. Er scheut sich nicht, seine Lebensgeschichte mit allen Niederungen in der Öffentlichkeit auszubreiten, einschließlich dass er als junger Mann Alkoholiker war und abstürzte. Schulz sagt selbst über sich, er sei ein "Sausack" gewesen. Sein starker Wille hat ihm seinen Aufstieg ermöglicht. Und das wiederum hat er mit Angela Merkel gemein.

Contra:

Auch Schulz gehört seit zwei Jahrzehnten zu den mächtigsten - und bestens verdienenden - deutschen Politikern. In Brüssel hat er als Parlamentspräsident die Annehmlichkeiten des Amtes genossen und verfügte über ein personalstarkes, teures Büro. Damit gehört er selbst zur Politikelite, die er gerne wegen ihrer Wirklichkeitsferne kritisiert. 

SPD-Chefs mit Bart waren übrigens auf nationaler Ebene seit Friedrich Ebert nie mehr so richtig erfolgreich: Man denke da an Rudolf Scharping, Matthias Platzeck oder Kurt Beck.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. März 2017 um 20:00 Uhr.

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