Schulklasse | Bildquelle: picture alliance / dpa

Verleihung des Deutschen Schulpreises Was ist eine gute Schule?

Stand: 10.06.2015 14:54 Uhr

Multi-Kulti, nervige Smartphones und Schüler, die selbst entscheiden wollen, wie sie lernen. Die Schule steht vor vielen Herausforderungen und muss sich neu erfinden. Was macht eine gute Schule aus? Kanzlerin Merkel verlieh heute den Deutschen Schulpreis.

Von Barbara Schmickler, tagesschau.de

"Eine Schule, in der alle Beteiligten auf Augenhöhe agieren können und in der wir Schüler mitentscheiden dürfen, wie wir lernen", sagt der Abiturient Justin Gentzer über sein Idealbild von Schule. Der 18-Jährige engagiert sich in der Landesschülervertretung Nordrhein-Westfalen. Daher weiß er, dass es noch einige Schulen gibt, in denen Schulleiter "von oben herab" handeln. Der Schüler aus Unna wünscht sich stattdessen eine starke Stimme für Schülerinnen und Schüler.

Schüler, die mitentscheiden wollen - darauf setzt auch die Gesamtschule Barmen in Wuppertal. Die Schule hat den Deutschen Schulpreis 2015 gewonnen, der heute in Berlin von Bundeskanzlerin Angela Merkel verliehen wurde.

Das sind die Gewinner 2015

Die Gesamtschule Barmen in Wuppertal hat den mit 100.000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis 2015 gewonnen. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass die Lehrer die Kinder und Jugendlichen gezielt an ihre Leistungsgrenzen und darüber hinaus führten.
Vier weitere Schulen wurden für vorbildliche Konzepte und
Leistungen mit je 25.000 Euro belohnt: die Bremer Grundschule am Buntentorsteinweg, das Ganztags-Gymnasium Klosterschule in
Hamburg, die Jenaplanschule in Rostock sowie die Waldschule der Stadt
Flensburg. Der ebenfalls mit 25.000 Euro dotierte "Preis der Jury" ging an die Berufsschule Don Bosco in Würzburg.

"Die Schüler heute hinterfragen viel kritischer als früher. Damals beschulte man die Kinder, sie waren passiv", erinnert sich Ralf Gossmann, der seit mehr als dreißig Jahren unterrichtet und mittlerweile Mitglied der Schulleitung der Wuppertaler Gesamtschule ist. Damit die Schüler besonders leistungsfähig seien, müsse die Beziehung zwischen Schülern und Lehrern stimmen, sagt Gossmann.

Gesamtschule Barmen in Wuppertal gewinnt Deutschen Schulpreis
tagesschau 14:00 Uhr , 10.06.2015, Verena Bünten, WDR

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"Jeder kann sich entfalten"

An der Schule in Wuppertal setzen sie deswegen auf zwei Lehrer pro Klasse in Sekundarstufe Eins (Klasse 5-10). Die Lehrer haben neben dem Unterricht auch Stunden, die nur für Hausaufgabenbetreuung und Kommunikation mit den Schülern vorgesehen sind. "So ermöglichen wir den Schülern ein individuelles Lernen. Jeder kann sich nach seinen Stärken und Schwächen entfalten. Der Lehrer kann jeden Schüler unterstützen, weil er ihn kennt", sagt Gossmann.

Ein gutes Verhältnis zu den Lehrern, das ist auch Stina Holtkötter wichtig. Die 15-Jährige geht zur Klosterschule in Hamburg, die für den Deutschen Schulpreis nominiert war. Ihre Mitschüler kommen aus Polen, dem Kosovo oder dem Libanon. "Es ist toll, andere Kulturen kennenzulernen", sagt sie. Ihr ist es wichtig, nicht nur Frontalunterricht zu haben, sondern auch in Gruppen zu arbeiten. "Vor der Wahl in Hamburg sind Politiker zu uns in die Schule gekommen und wir durften ihnen Fragen stellen, das fand ich cool", erzählt die Schülerin.

Prof. Dr. Michael Schratz | Bildquelle: Tobias Bohm
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Michael Schratz, Sprecher der Jury, sagt, in einer guten Schule sollen die Schüler über sich hinauswachsen können.

Alle an einem Strang

"Eine gute Schule schafft es, alle Schüler mit ihren Potentialen zu erfassen, damit sie über sich hinauswachsen", sagt Manfred Schratz von der Universität Innsbruck. Im Idealfall zögen Lehrer und Schüler an einem Strang. Als Jurymitglied des Deutschen Schulpreises hat Schratz ausgewählte Schulen besucht - und über den Gewinner mitentschieden.

Die Schulen müssen bestimmten Qualitätskriterien entsprechen, um für den Preis infrage zu kommen: Die Leistung der Schüler muss stimmen genauso wie der Umgang mit der Vielfalt der Schüler. Viele Schulen müssten sich beispielsweise um Flüchtlingskinder kümmern. Eine gute Schule begreife das als eine Herausforderung, mit der sie umgehen lernen könne, sagt der Bildungsforscher Hans Anand Pant. Außerdem müssen Eltern eingebunden werden.

Das ist der Deutsche Schulpreis

Der Deutsche Schulpreis wird gemeinsam von der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof-Stiftung getragen und seit 2006 einmal im Jahr verliehen. Bei der Vergabe bewertet die Jury unter anderem die Leistung der Schüler in den Kernfächern und im künstlerischen Bereich sowie die Unterrichtsqualität.

Engagement? Unerlässlich

Damit Schule erfolgreich funktionieren kann, braucht es auch viel Engagement. "Die Lehrer sehen sich bei uns auch als Personen mit Erziehungsauftrag", sagt der Wuppertaler Lehrer Gossmann. Genauso wie den Lehrern viel abverlangt wird, sollen sich auch die Eltern engagieren. Die Schule hat rund 80 Arbeitsgemeinschaften, die zu einem großen Teil von Eltern geleitet werden.

Die Wuppertaler Gesamtschule liegt mitten im sozialen Brennpunkt. Etwas mehr als die Hälfte der Schüler wächst nicht mehr in der Ursprungsfamilie auf, mindestens ein Drittel hat ausländische Wurzeln. Trotz unterschiedlicher Startbedingungen hat kein Jugendlicher die Schule ohne Abschluss verlassen. Nur 17 Prozent der Schüler kommen mit der Empfehlung "Gymnasium" auf die Gesamtschule, doch 60 Prozent wechseln dann tatsächlich in die gymnasiale Oberstufe. Diesen Erfolg führt die Schule auf ihr Gesamtkonzept mit dem Fokus auf Beziehung und Leistung zurück.

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Vorbild für andere Schulen

"Andere Schulen sollen von den Leuchtturmprojekten profitieren", sagt Pant, der das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen an der Berliner Humboldt-Universität leitet. Nominierte Schulen werden oft von Hunderten Interessierten besucht, die die Konzepte auf ihre eigene Schule übertragen wollen.

Prof. Dr. Hans Anand Pant | Bildquelle: Tobias Bohm
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Andere Schulen sollen von den Vorbildern profitieren, sagt Hans Anand Pant.

Eine solche Vorbildfunktion hat nun auch die Schule in Wuppertal. Hier wird den Schülern etwas zugetraut, sie entscheiden mit. Lehrer und Schüler führten gemeinsam ein Handyverbot für die Sekundarstufe Eins ein: "So verbringen die Schüler die Pause miteinander, nicht in Smartphone-Haltung nebeneinander", sagt Gossmann. Einzige Ausnahme: Das Handy wird im Unterricht gebraucht.

Alles digital? Bringt nix

Digitales Lernen - auch für Justin Gentzer ein Thema: "In der Schule muss darauf eingegangen werden, dass keiner mehr im Brockhaus nachschlägt, sondern im Internet." Handys in der Schule grundsätzlich verbieten? Das hält er nicht für sinnvoll. Doch genauso wenig sinnvoll findet er Schulen, in denen jeder Schüler für alles ein Tablet nutzt - egal, ob es inhaltlich notwendig oder nicht. Der Schülervertreter will digitale Medien nur dann, wenn sie den Schüler weiterbringen.

Justin Gentzer | Bildquelle: Justin Gentzer
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Justin Gentzer will Mitschülern eine Stimme geben. Er ist in der Landesschülervertretung NRW.

Beim digitalen Lernen sieht Bildungsforscher Pant Nachholbedarf: Der Mehrwert müsse in den Fokus gerückt werden. Außerdem sei das Durchschnittsalter der Lehrer über 50 Jahre. "Für sie kann es auch eine Herausforderung sein, mit dem selbstverständlichen Internet-Umgang der Schüler auf ganzer Linie mitzuhalten", sagt Pant.

Entwicklung der Schule - ein Abenteuer

Ob ein Wettbewerb, um die beste Schule zu finden, der richtige Weg ist? "Kinder wollen immer schneller laufen oder höher klettern, Menschen wachsen an solchen Aufgaben", sagt Schratz. Die Schulen auszuzeichnen sei ein erster Schritt, um die Entwicklung der Schulen als Abenteuerreise zu sehen. An diese Reise sollte man sich auch wenn man schon lange nicht mehr zur Schule geht, gerne erinnern, meint Bildungsforscher Pant: "Eine Traumschule ist es, wenn die Schülerinnen und Schüler noch nach vielen Jahren mit einem Leuchten in den Augen von ihrer Schule erzählen." Schülerin Stina Holtkötter sieht das pragmatischer: "Meine Traumschule hat keine Hausaufgaben - genauso wie meine Schule."

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