Tafel in einer Schulklasse | Bildquelle: dpa

Personalmangel an Schulen Idealisten ins Direktorat, bitte!

Stand: 09.03.2018 11:15 Uhr

Bundesweit fehlt in vielen Schulen eine Leitung - am schlechtesten sieht es in Haupt- und Realschulen aus. Doch Nachwuchskräfte anzulocken, fällt schwer - bei zu wenig Geld, Zeit und zu viel Druck.

Von Philipp Wundersee, WDR

Dorothee Mühle aus Neuss müsste sich eigentlich zweiteilen. Die Rektorin der Karl-Kreiner-Grundschule ist gleichzeitig Rektorin an der Dreikönigenschule, die sechs Kilometer entfernt liegt. Sie trägt jeden Tag Verantwortung für insgesamt 450 Schülerinnen und Schüler.

"Wer heutzutage Schulleitung macht, macht das aus Illusion oder weil er so verrückt ist, dass er es gerne macht", sagt sie, während sie mit der Sekretärin die Umbaumaßnahmen für die eine Schule bespricht. Nach einer Unterrichtsstunde, die sie an ihrer alten Schule gibt, muss sie schnell mit dem Auto weiter zur Dreikönigenschule. Diese leitet sie seit August: Dringende Termine, Bewerbungen besprechen, Alltag managen.

Dorothee Mühle
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Dorothee Mühle muss Verwaltungsarbeit an zwei Schulen leisten...

Schulleiterin Mühle vor einer Schulklasse in Neuss
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... und zusätzlich noch Unterricht geben.

"Seitdem ich als Schulleiterin angefangen habe, hat sich der Umfang der Arbeiten verdoppelt. Dass ich mich in Ruhe einer Sache widme, das geht gar nicht."

Mehr Arbeit bedeutet nicht mehr auf dem Konto

Dorothee Mühle bekommt für ihre Doppelbelastung nicht mehr Geld. Sie ist Idealistin: "Ich mache es der Kinder wegen. Ich habe mich entschieden, in die Schulleitung zu gehen. Es kann doch nicht noch mehr Schulen ohne Leitung geben", sagt sie.

Allein in Neuss gibt es vier andere Schulleiter, die zwei Schulen parallel betreuen. Jede siebte Schule in Nordrhein-Westfalen ist ohne Leiter. Das Problem ist aber überall ähnlich, erklärt Rita Nikolai von der Humboldt-Universität zu Berlin. "Der Arbeitsaufwand ist für einen Schulleiter sehr hoch, die Besoldung aber nicht entsprechend. Gleichzeitig fehlt es vielen jungen Lehrkräften oft an Kompetenz, um eine Schule mit all der Verantwortung zu führen", sagt Rita Nikolai. Deswegen müsste es viel mehr strukturierte Fortbildungen geben, um den Mangel zu bekämpfen. Die jungen Nachwuchsführungskräfte müsse man besser fördern.

An vielen deutschen Schulen fehlt eine Leitung
tagesschau24 15:00 Uhr, 09.03.2018, Philipp Wundersee, WDR

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"Von Anfang an demoralisiert"

Erstmals hat der Verband Bildung und Erziehung (VBE) eine bundesweite Umfrage in Schulleitungen durchgeführt. Das Ergebnis ist alarmierend, sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbands. "Die neue Generation Schulleitung wird von Anfang an demoralisiert. Die Ergebnisse zeigen, dass sie ihre Aufgaben weniger häufig zu ihrer eigenen Zufriedenheit erfüllen können, dass sich über die Hälfte nicht gut vorbereitet fühlen."

Der Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung, Udo Beckmann. | Bildquelle: dpa
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Der Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung, Udo Beckmann, fordert mehr Lohn und bessere Ausbildungschancen für angehende Schulleiter.

1200 Schulleitungen wurden befragt. Verbesserungsbedarf sehen deren Beschäftigte vor allem in ihrer Entlastung: durch eine deutliche Erhöhung der eigenen Leitungszeit. Zudem wünscht sich jede dritte Schulleitung den Ausbau von Fortbildungsangeboten. Nur jede vierte Leitung würde ihren eigenen Job weiter empfehlen, denn so richtig verstanden fühlen sich laut Studie wenige. 82 Prozent der Schulleitungen geben an, es belaste sie, dass die Politik bei ihren Entscheidungen den tatsächlichen Schulalltag nicht ausreichend beachtet.

Auch beim Thema Lehrermangel ist die Unzufriedenheit groß. Um den nämlich zu kompensieren, werden an mehr als jeder dritten Schule Quereinsteiger eingesetzt. Aber nur jeder dritte von ihnen hat eine "systematische, pädagogische Vorqualifizierung", so die Studie. "Die Politik ist es den Kindern schuldig, dass Quereinsteiger eine umfassende, mehrmonatige praxisnahe Vorqualifizierung erhalten, die ihnen grundlegende methodisch-didaktische Kompetenzen mitgibt", fordert Beckmann.

Pensionierungen reißen Lücken weiter auf

Der Arbeitsaufwand steigt ständig, der Druck ist permanent da. Das schrecke die jungen Leute ab, vermutet auch Dorothee Mühle. Das Problem wird gerade an den Grundschulen noch wachsen, wenn viele der älteren Rektorinnen und Rektoren in Pension gehen. Bei den besser dotierten Chefsesseln in Gesamtschulen und Gymnasien sieht es weniger schlimm aus.

Der Verband Bildung und Erziehung fordert daher schnelle Hilfe: Die beste Maßnahme gegen den Mangel sei eine echte Wertschätzung in Form von angemessenen Arbeitsbedingungen. "Die Politik hat jahrelang verschlafen, die Ausbildungskapazitäten hochzusetzen, gleichzeitig wurden immer mehr Aufgaben an Schulen herangetragen, sodass viele Lehrkräfte nur noch in Teilzeit arbeiten können, um mit der Arbeitsbelastung haushalten zu können", sagt Udo Beckmann vom VBE. Es bräuchte mehr Studienplätze, die Ausbildungsbedingungen müssten besser gestaltet sein und die Entlohnung müsse höher sein. 

Auf Dauer nicht zu schaffen

Obwohl in Nordrhein-Westfalen die Besoldung für Grundschulrektoren verbessert wurde, fehlt eine bundesweite Regelung. "Die Aufgaben sind komplexer geworden", sagt Dorothee Mühle, während sie am frühen Nachmittag  wieder zurück zur ersten Schule fährt. "Wir Grundschulrektoren müssen neben unserer Leitungstätigkeit noch bis zu zwanzig Stunden selbst unterrichten." Das liebe sie zwar an ihrem Job, aber das wird sie auf Dauer mit beiden Schulen nicht aushalten. Nur dank Menschen mit viel Leidenschaft, bleibt das System Schule am Leben.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. März 2018 um 15:00 Uhr.

Korrespondent

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