Flüchtlinge in der Schule | Bildquelle: picture alliance / ZB

Schulbeginn für viele Flüchtlingskinder Möglichst keine Wunden aufreißen

Stand: 02.09.2015 12:48 Uhr

Zu Beginn des Schuljahres stehen die Schulen vor großen Herausforderungen. Wie viele Flüchtlingskinder kommen, weiß niemand. Und viele Lehrer fühlen sich überfordert. Vor allem wegen der schwierigen Biografien der Kinder.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Zwölf Kinder, zwölf unterschiedliche Sprachen. Manche können bereits ein paar Brocken Deutsch, manche beherrschen nicht mal das Alphabet in ihrer Muttersprache. Und manche sind mit dem Kopf ganz woanders: Bei ihren Familien in Syrien, Eritrea, Albanien, dem Irak - oder bei ihren Fluchterlebnissen.

"Dafür sind wir nicht ausgebildet"

"Wir können uns gar nicht vorstellen, was diese Kinder durchgemacht haben", sagt Grit Hofmann, Lehrerin am Walther-Rathenau-Gymnasium in Berlin-Halensee. Drei Willkommensklassen hat die Schule derzeit, in denen sie Englisch und Darstellendes Spiel unterrichtet. Insbesondere vom Umgang mit traumatisierten Schülern fühlt sie sich überfordert: "Dafür sind wir überhaupt nicht ausgebildet."

In besonders schwierigen Fällen schaltet sie den Schulpsychologen ein - und hofft, dass der Termine frei hat. Ansonsten versuchen die Lehrer, die Kinder möglichst nicht auf ihre Biografien anzusprechen, um keine Wunden aufzureißen. "Wir versuchen ihnen hier, so weit es geht, ein normales Umfeld zu schaffen. Das sind ja auch Pubertierende, die lachen sollen und ihr jung sein ausleben sollen", sagt die Lehrerin im Gespräch mit tagesschau.de.

Willkommensklassen für Flüchtlingskinder
tagesschau 12:00 Uhr, 31.08.2015, Hanno Christ, RBB

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Obwohl der Unterricht Grit Hofmann viel abverlangt, macht er ihr auch Freude. Besonders, wenn sie sieht, wie wissbegierig die Schüler sind und wie sehr sie sich auch gegenseitig helfen. "Wenn die Tür aufgeht und es kommt ein neuer Schüler rein, finden sie sofort heraus, welche Sprache er spricht und binden ihn ein. Egal, woher er kommt."

Probleme vor allem in östlichen Bundesländern

Die vielen neuen Flüchtlingskinder stellen die Schulen in Deutschland zu Beginn des neuen Schuljahres vor enorme Herausforderungen: Wie viele im Laufe des Jahres in den Schulbetrieb integriert werden müssen, kann niemand genau sagen. Die Zahlen ändern sich quasi täglich. Mit 400.000 Minderjährigen rechnet die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Andere Schätzungen gegen von 270.000 bis 300.000 deutschlandweit aus. Darauf vorbereitet sind die allermeisten Schulen nicht.

Allerdings stellt sich die Lage in den einzelnen Bundesländern und Kommunen sehr unterschiedlich dar. In Großstädten und Ballungszentren sind Schulen und Lehrkräfte besser gewappnet, weil sie auf langjährige Erfahrungen mit der Integration ausländischer Kinder zurückgreifen können. Ganz anders im ländlichen Raum, vor allem in den östlichen Bundesländern, beispielsweise Brandenburg: "Wir suchen händeringend nach qualifizierten Lehrkräften für den Sprachunterricht und finden keine", sagt der GEW-Landesvorsitzende Günther Fuchs. Da Brandenburg jahrelang quasi keinen Bedarf hatte, gibt es dort kaum Lehrer, die für den Unterricht in Deutsch als Zweitsprache ausgebildet sind. Um dennoch die Schüler in den Willkommensklassen unterrichten zu können, werden in Brandenburg jetzt freiwillige Lehrer während des Schuljahres nachqualifiziert.

In der Regel werden Flüchtlingskinder ohne Sprachkenntnisse zunächst in Willkommens- oder Übergangsklassen unterrichtet. Nach einem Jahr sollen sie in die Regelklassen integriert werden. Doch das ist oft kaum möglich, gerade an den weiterführenden Schulen nicht. Denn ein kontinuierlicher Unterricht ist kaum zu leisten, sagt Fuchs. Im Laufe des Schuljahres steigen immer wieder neue Schüler ein, andere verlassen die Klasse, weil sie wegziehen oder in ihre Heimatländer zurückgeschickt werden. Und auf die vielen unterschiedlichen Problemlagen können die Lehrer kaum eingehen.

Brandenburg: Ein Schulpsychologe auf 11.000 Schüler

Fuchs fordert deshalb gegenüber tagesschau.de multiprofessionelle Teams: "Wir brauchen mehr qualifizierte Lehrer, Dolmetscher, Psychologen und Sozialarbeiter." Derzeit komme in Brandenburg ein Schulpsychologe auf 11.000 Kinder. Der bundesweite Schnitt liege bei eins zu 5000 bis 6000 - und auch das sei bei den vielen Flüchtlingskindern schon viel zu wenig.

Das Kultusministerium in Brandenburg sieht das Land aber zumindest auf einem guten Weg. Schätzungsweise 3000 Flüchtlingskinder erwartet das Land Brandenburg, die meisten davon in den Grundschulen. Um sie zu unterrichten, seien vom Landesschulamt Mittel für 124 neue Lehrkräfte zur Verfügung gestellt worden. Und es gibt auch Positivnachrichten: In einer Grundschule im brandenburgischen Golzow beispielsweise konnte nur deshalb eine erste Klasse eingerichtet werden, weil durch zwei Flüchtlingskinder die Mindestzahl an neuen Schülern erreicht war. Ansonsten hätten die neuen Erstklässler künftig weite Wege auf sich nehmen müssen.

Pro Asyl: Unterricht oft erst nach Monaten

Auch in den anderen Bundesländern stellt man sich auf den wachsenden Bedarf an Lehrkräften ein. Überall werden zu Schulbeginn zusätzliche Lehrer eingestellt. Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl bemängelt jedoch, dass die Flüchtlingskinder häufig viel zu spät in die Schulen kommen. In den meisten Bundesländern werden die Kinder erst dann unterrichtet, wenn sie die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen haben und den Kommunen zugeteilt wurden. Das dauert laut Pro Asyl aber manchmal mehrere Monate.

Die Forderung in vielen Bundesländern lautet deshalb: Unterricht von Anfang an. Doch in den Notunterkünften fehlt es meist nicht nur an Personal, sondern auch an Räumen für Unterricht. Nur in wenigen Bundesländern, beispielsweise in Hamburg, setzt man schon früher mit dem Unterricht an.

Grit Hofmann aus Berlin-Halensee macht sich - jenseits des Spracherwerbs - aber auch Sorgen um die weitere Qualifikation der Kinder. Ein Jahr sei oft zu wenig, um sie auf den normalen Schulbetrieb vorzubereiten. Wer zwei Jahre auf der Flucht war, habe längst vergessen, was er vielleicht mal in Mathematik gelernt habe. "Wir bräuchten dringend weitere Mittel für Förderstunden, wenn die Schüler die Willkommensklassen verlassen haben." Den Sprung in die Oberstufe schafften an ihrem Gymnasium nur ganz vereinzelte Schüler, beispielsweise weil sie sich außerhalb der Schule um Sonderkurse bemühten. "Intelligenz und Engagement der Kinder würde sie aber zu viel mehr befähigen, es fehlt nur an der Förderung."

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