Rettungsmannschaften auf dem Schiff | Bildquelle: dpa

"Costa Concordia" und "Norman Atlantic" Deutsche Ermittler ziehen die Reißleine

Stand: 08.12.2015 06:18 Uhr

Noch immer sind viele Fragen über die Unfälle der "Costa Concordia" und der "Norman Atlantic" offen. Doch die Deutsche Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung stellt ihre Ermittlungen ein. Sie fühlt sich von italienischen Staatsanwaltschaften und Gerichten massiv behindert.

Von Christoph Heinzle und Benedikt Strunz, NDR Info

Edwin Hank wird die Ereignisse des 28. Dezember 2014 sein Leben lang nicht vergessen. Hank schläft in einer Kabine auf der Autofähre "Norman Atlantic", die ihn von einem Griechenland-Urlaub zurück nach Italien bringen soll.

Um halb drei Uhr morgens schreckt der Münchener auf. Auf dem Gang vor seiner Kabine ist es laut, die Passagiere hätten einen Mordslärm gemacht, erinnert sich Hank. "Das Licht ist dann ausgegangen, kein Strom war mehr da. Und Panik und Schreie hat man gehört". Hank und die anderen rund 500 Passagiere rennen hektisch an Deck. Es hagelt und stürmt. Über dem Bug des Schiffes steht mittlerweile eine Rauchwolke.

Bei vier Grad Celsius harren die Passagiere aus. Sie hätten gefroren und sein nass gewesen, erzählt Hank. "Und dann hat man die Flammen gesehen, wie die rausgelodert sind. Da hat man gesehen, jetzt brennt es richtig". Später werden Überlebende erzählen, ihre Schuhsohle seien an Deck geschmolzen, so stark habe das Feuer im Inneren des Schiffes gewütet.

Die Norman Atlantic bei ihrer Ankunft in Brindisi | Bildquelle: REUTERS
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Die Norman Atlantic brannte im Inneren aus.

Zahlreiche Todesopfer

Mindestens 13 Menschen ertrinken oder verbrennen bei dem Unglück. Weil darunter auch zwei Menschen aus Deutschland sind, ermitteln nicht nur italienische, sondern auch deutsche Experten. Eigentlich ist das Routine. Doch nach knapp einem Jahr Ermittlungen zieht der Direktor der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) in Hamburg, Volker Schellhammer, jetzt die Reißleine.

Schellhammer kommt zu einem drastischen Urteil: Die zuständigen Staatsanwaltschaften und Gerichte würden eine korrekte Seeunfalluntersuchung behindern: "Das heißt auf gut Deutsch: Wir werden uns an derartigen Untersuchungen gar nicht mehr beteiligen."

Die BSU zieht deshalb sofort ihre Ermittler vom Fall der "Norman Atlantic" ab. Und nicht nur das. Auch die Ermittlungen zur Havarie der "Costa Concordia" werden eingestellt. Auch bei künftigen Havarien, die unter italienischer Federführung aufgeklärt werden sollen, werde man nicht mehr kooperieren, heißt es von der BSU.

Die Norman Atlantic bei ihrer Ankunft in Brindisi | Bildquelle: AFP
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Die Norman Atlantic bei ihrer Ankunft in Brindisi

Brandbrief an das italienische Verkehrsministerium

In einem Brief an das italienische Verkehrsministerium beklagt die BSU, dass die zuständige Staatsanwaltschaft und das zuständige Gericht in Bari mauern. So hätten die eigens angereisten Ermittler das Wrack nicht korrekt inspizieren dürfen.

In dem Papier, das NDR Info vorliegt, heißt es, es sei den BSU-Mitarbeitern zunächst verboten worden, Fotos zu machen oder "überhaupt irgendetwas anzufassen". Bei einer zweiten Besichtigung des Wracks hätten deutsche Ermittler nicht die Decks ungehindert betreten dürfen, auf denen der Brandherd vermutet wird.

Auch Zugang zum Maschinenraum oder zum Notdieselraum bekamen sie nicht. "Das ist schlecht, weil wir vermuten, dass das Schiff einen leeren Ersatztank hatte und es deshalb zum Zeitpunkt der Katastrophe keinen Notstrom gab", so Schellhammer. Die italienischen Behörden bestreiten, dass nicht ausreichend Dieselreserven an Bord gewesen seien.

Eingeschränkter Zugang

Weiter heißt es in dem Brief, dass die BSU bis heute Foto- und Videomaterial der italienischen Küstenwache von Bord der "Norman Atlantic" "nur in äußerst geringem Umfang zur Verfügung gestellt" bekommen hat.  Auch die Audio-Aufnahmen der Blackbox liegen den deutschen Ermittlern nicht vor. "Wir können heute nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, wie viele Todesopfer es auf der "Norman Atlantic" gab, geschweige denn, was die Katastrophe ausgelöst hat", erklärt Volker Schellhammer.

Auch könne nicht mehr rekonstruiert werden, wie die Rettungsmaßnahmen verlaufen seien, die Überlebende immer wieder heftig kritisiert hatten. Zudem bemängelt die Bundesbehörde, dass "offenbar unbefugte Personen auf dem Schiff gewesen waren, denn dort noch befindliche PKW waren aufgebrochen und offenbar geplündert worden". Tatsächlich zeigen Fotos vom Wrack der "Norman Atlantic" deutliche Einbruchsspuren an Autos.

Bergungsarbeiten am Wrack der Costa Concordia | Bildquelle: AP
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Bergungsarbeiten am Wrack der Costa Concordia

Kritik auch an "Costa Concordia"-Untersuchungen

Hochproblematisch verlaufen offenbar auch die Ermittlungen im Falle des Kreuzfahrtschiffes "Costa Concordia". Auch weil Italien international heftig für seine Untersuchung des Unglücks kritisiert wurde, hatte Deutschland vor knapp zwei Jahren Ermittler geschickt.

Die deutschen Experten wollten unter anderem klären, weshalb so viele Opfer in den Fahrstühlen des Kreuzfahrtschiffes ums Leben gekommen waren. Da die Fahrstühle zunächst noch unter Wasser lagen, baten die BSU-Mitarbeiter darum, sie inspizieren zu können, sobald das Schiff trocken liegt. Aus der Presse habe die BSU später aber erfahren, dass das Wrack der "Costa Concordia" mittlerweile entkernt war und eine Untersuchung sinnlos wurde.

Auch der deutsche Rechtsanwalt Hans Reinhardt ist fassungslos. Reinhardt vertritt etwa 30 Opfer des "Costa-Concordia"-Unglücks. Die warten teilweise auch heute, drei Jahre nach dem Unglück darauf, ihre Wertgegenstände, die sich an Bord befunden haben, zurückzuerhalten. Man müsse mittlerweile "in aller Deutlichkeit den Vorwurf der Verfahrensverschleppung erheben", so Reinhardt.

Im Inneren des Wracks der Costa Concordia | Bildquelle: REUTERS
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Viele Opfer warten noch heute auf ihre Wertgegenstände.

Verstoß gegen europäisches Recht? 

Aber nicht nur Anwälte und die BSU kritisieren Italien. Nach Informationen von NDR Info gehen auch griechische Seeunfallermittler, die ebenfalls in die Aufklärung des "Norman Atlantic"-Unglücks eingebunden waren, hart mit den zuständigen italienischen Behörden ins Gericht.

Über die Frage, weshalb Italien so eine schlechte Figur bei der Aufklärung der Unglücke macht, lässt sich nur spekulieren. Fest steht allerdings, dass die italienische Rechtslage eine Aufklärung nicht gerade erleichtert. Denn obwohl es auch in Italien eine eigene, spezialisierte Behörde zur Aufklärung von Seeunfällen gibt, haben Staatsanwaltschaften und Gerichte das Sagen. Auch wenn sie in derartigen komplexen Fällen keine Expertise aufweisen.

Auf Nachfrage wollten sich die zuständigen italienischen Behörden zu dem Vorgang nicht äußern. Es bleibt abzuwarten, ob in der Sache möglicherweise auch Druck von der EU-Kommission kommt. Denn nach Ansicht Deutschlands verstößt Italien mit seinem wenig kooperativen Vorgehen gegen europäisches Recht. Der Brandbrief an das italienische Verkehrsministerium ging deshalb auch nach Brüssel.

Aufklärung dringend nötig

Edwin Hank weiß bis heute nicht, weshalb auf der "Norman Atlantic" ein Feuer ausgebrochen ist. Für ihn sei wichtig, dass die Wahrheit über den 28. Dezember 2014 endlich ans Licht kommt. Auch Opferanwalt Kay Rodegra ruft dringend dazu auf, das Unglück möglichst lückenlos aufzuklären. "Es ist ganz wichtig Antworten auf Fragen zu bekommen, die man als Betroffener hat, als Opfer hat, als Hinterbliebener hat", so Rodegra. Damit die Seele wieder in Gang kommen könne.

Nicht zuletzt sei eine korrekte Unfallanalyse noch aus einem anderen Grund wichtig: Falls sich bei künftigen Havarien eine Reederei aus der Affäre ziehen will, sei es unerlässlich, die Schuldfrage möglichst zweifelsfrei zu klären.

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