Annette Schavan

Annette Schavan im Porträt Merkel verliert mehr als nur eine Ministerin

Stand: 09.02.2013 14:12 Uhr

Gelassen und unaufgeregt - Annette Schavan liebt die leisen Töne. Schneidige Interviews oder Tingeltangel durch Talkshows überlässt sie anderen. Doch sie kann auch Kampf. Ministerin in Baden-Württemberg, Bundesbildungsministerin, CDU-Vize - mit Schavan verliert Merkel mehr als nur eine Ministerin.

Von Kerstin Lohse, RBB, ARD-Hauptstadtstudio

Annette Schavan wusste einmal über Kanzlerin Angela Merkel zu berichten: "Wenn sie ganz still wird und lange nichts sagt, dann sollte man sich überlegen, wo die nächste Tür ist."

Bildungsministerin Schavan und Kanzlerin Merkel | Bildquelle: dapd
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Freudschaft kommt im Politikbetrieb eher selten vor: Schavan und Merkel sind befreundet.

Wie viele Worte in den vergangenen Tagen nötig waren, bis die beiden Freundinnen sich auf den Rücktritt verständigt hatten, wird vielleicht nie bekannt. Klar ist nur: Am Ende gab die Kämpferin Schavan auf - vielleicht auch, um Schaden von Merkel abzuwenden.

Trotz der im vergangenen Frühjahr bekannt gewordenen Plagiatsvorwürfe gegen sie, wollte Schavan wieder für den nächsten Bundestag kandidieren, ja träumte bereits von einer dritten Amtszeit als Bundesbildungsministerin. Bis zuletzt zeigte sie sich kämpferisch: "Die Entscheidung der Universität Düsseldorf werde ich nicht akzeptieren und dagegen klagen."

Rückschläge und Erfolge

Die 57-Jährige ist Rückschläge ebenso gewohnt wie große Erfolge. Während ihrer zehnjährigen Amtszeit als baden-württembergische Kultusministerin war sie immer wieder für größere Aufgaben gehandelt worden: Als erste Frau im Schloss Bellevue zum Beispiel, oder als Ministerpräsidentin von Baden-Württemberg. Edmund Stoiber hätte sie im Falle eines Wahlsiegs schon 2002 gern als Bundesbildungsministerin nach Berlin geholt. "Annette Schavan gehört seit Jahren zu den profiliertesten Bildungspolitikerinnen in Deutschland. Und sie gehört zu denen, die auch bereit sind, neue Weg zu gehen."

Annette Schavan im Porträt
K. Lohse, RBB
09.02.2013 14:12 Uhr

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Doch Stoiber wurde nicht Kanzler, ebenso wenig wie es Schavan gelang, an die Spitze des Ländles zu rücken. Günter Oettinger setzte sich 2004 in der Mitgliederbefragung durch - nicht die zugezogene Rheinländerin. Vielleicht auch deshalb, weil ihre Gegner mit einer anonymen Flugblattkampagne das Gerücht streuten, die Landesmutter in spe sei Lesbin. Schavan sprach damals von Rufmord, in der Öffentlichkeit aber gab sie sich kontrolliert. "Die Bürger haben Interesse zu erfahren: Wie lebt jemand? Was ist das für ein Mensch? Das beleidigt mich nicht. Darauf gebe ich Auskunft."

Von der Landes- zur Bundesministerin

2005 wechselte Schavan, die immer als enge Vertraute von Angela Merkel galt und sie stets unterstützt hatte, an die Spitze des Bundesbildungsministeriums. Sie, die zuvor als Landesministerin für eine Föderalismusreform gekämpft hatte, bemühte sich fortan um einen größeren Gestaltungsspielraum des Bundes in der Schulpolitik.

Annette Schavan | Bildquelle: dpa
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Seit 2005 steht Schavan an der Spitze des Bildungsministeriums.

2010 führt Schavan das Deutschland-Stipendium ein.
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2010 führt Schavan das Deutschland-Stipendium ein.

Gelassen und unaufgeregt, eloquent und durchsetzungsstark verschaffte sich die Theologin schnell auch auf Bundesebene große Anerkennung. Schavan war eine Sachpolitikerin, die am liebsten im Hintergrund für ihre Vorhaben kämpfte. Trotz Sparrunden gelang es ihr, den Bildungsetat stetig zu vergrößern. In Haushaltsdebatten wusste sie ihn zu verteidigen: "Also, von der Leyen lässt sich rasieren und Schavan wird die Geldsäcke nicht los. Also mit Verlaub, das erinnert mich an 'Dinner for One' mit dem Satz 'The same procedure as every year'."

Anerkennung - auch ohne Doktor und Amt

In ihrem Amt, so kritisierten manche, konzentrierte sie sich zu sehr auf die Forschungs- und zu wenig auf die Bildungspolitik. Besonders die Elitenförderung trieb sie voran. Als sie 2009 in der schwarz-gelben Bundesregierung erneut das Bildungsministerium übernahm, kündigte sie vielleicht deshalb mit Blick auf ihre Kritiker an: "Bildungsarmut darf in diesem Land keinen Platz mehr haben. Das ist das wichtigste Thema überhaupt in dieser Legislaturperiode."

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Kabinettsumbildungen der schwarz-gelben Regierung seit 2009

Franz Josef Jung

Franz Josef Jung: Der CDU-Politiker war der erste Minister im schwarz-gelben Kabinett von Angela Merkel, der gehen musste. Er trat am 30. November 2009 als Bundesarbeitsminister zurück - nur 33 Tage, nachdem er in das Amt gewechselt war. Jung holte die sogenannte Kundus-Affäre ein. Als früherer Verteidigungsminister war er für das Informationschaos um den von einem deutschen Oberst befohlenen, verheerenden Luftangriff auf einen Tanklaster bei der afghanischen Stadt verantwortlich. | Bildquelle: AP

2010 setzte Schavan das umstrittene Deutschlandstipendium durch, das begabte Studierende unabhängig vom Elterneinkommen fördert. 2011 erarbeitete sie für den Leipziger CDU-Parteitag einen Leitantrag, der für die Union die Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem einläutete - ein Engagement, für das sie viel Lob aber auch viel Kritik einstecken musste.

In Wissenschaftskreisen dürfte Schavan auch ohne Doktor und Amt noch viel Anerkennung genießen. Und was ihr bleibt, ist die Aussicht auf einen Ehrendoktor der Universität Lübeck. Vier Doktor-Hc darf sie bereits in ihrem Namen führen, darunter einen Ehrentitel  aus Schanghai und einen aus Jerusalem.

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