Feuerwehrleute kämpfen gegen den Brand bei Sandoz | Bildquelle: dpa

30 Jahre nach Chemie-Unfall bei Sandoz Der Tag, als der Rhein sich rot färbte

Stand: 01.11.2016 07:04 Uhr

Vor 30 Jahren brannte bei Basel eine Lagerhalle der Firma Sandoz ab - und löste eine der größten Umweltkatastrophen der BRD aus. 900 Tonnen giftige Chemikalien flossen in den Rhein, verfärbten diesen tiefrot und töteten Tausende Fische.

Von Dietrich Karl Mäurer, ARD-Studio Zürich

Es war kurz nach Mitternacht: Eine Polizeistreife entdeckte ein Feuer in einer Lagerhalle der Sandoz AG, direkt am Rhein gelegen vor den Toren Basels. Als Erster berichtete der Regionalsender Basilisik über das Geschehen: "Katastrophenalarm im Kanton Basel Land. An der Schweizerhalle brennt es, vielmehr explodiert es - ziemlich katastrophal die ganze Sache."

Der Nachthimmel glühte, dicker Rauch stieg auf und es stank bestialisch. Schließlich rissen Sirenen die Anwohner aus dem Schlaf. Zunächst konnte niemand sagen, was genau in der Halle gelagert wurde. Zum Löschen pumpte die Feuerwehr gewaltige Mengen Wasser aus dem Rhein. Erst am Morgen hatte sie das Feuer unter Kontrolle.

Gesundheitsprobleme und Fischesterben

Mehr als 1300 Tonnen Chemikalien waren in Flammen aufgegangen. Viele Anwohner klagten über gesundheitliche Probleme - so wie ein Polizist aus Süddeutschland: "Gespürt habe ich ein Augenbrennen, schmerzhafte Schleimhautreizungen und Atemnot."

Doch am schlimmsten traf es den Rhein und seine Bewohner. Denn mit dem Löschwasser flossen dutzende Tonnen an Chemikalien in den Fluss. Das Wasser rheinabwärts färbte sich rot. Hunderttausende Fische verendeten. Die Wasserwerke bis in die Niederlande stoppten die Wasserentnahme aus dem Rhein. Ein Anlieger berichtete: "Das Wasser war blau-rot und an den Felsen war alles weiß, wie Schaum. Und hier war praktisch alles tot. Die Fische waren richtig aufgequollen."

Tote Fische im Rhein nach dem Brand bei Sandoz | Bildquelle: dpa
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Tausende tote Fische wurden aus dem Rhein gezogen. Nur langsam und Jahrzehnte später erholte sich die Fauna von dem Chemie-Unfall.

Giftige Quecksilberverbindungen statt harmloser Färbemittel

Zunächst hieß es zunächst, lediglich ein harmloses Färbemittel sei in den Fluss gelangt. Doch schließlich räumte Sandoz ein: In der nicht gesicherten Halle waren hochgiftige Pestizide, Insektizide und Quecksilberverbindungen gelagert worden. Erst nach drei Wochen ging Verwaltungsratspräsident Marc Moret an die Öffentlichkeit und erklärte: "Wir haben zu jedem Zeitpunkt alles, was wir wussten, und nur was wir wussten, der Öffentlichkeit mitgeteilt."

Was aber war die Ursache des Brandes? Spezialisten konnten keine abschließende Antwort liefern. Mit großer Wahrscheinlichkeit kam es zu einem Glimmbrand, als mit Chemikalien beladene Paletten mit offener Flamme in Folien eingeschweißt wurden. Gutachten und Gegengutachten sorgten dafür, dass sich die Gerichtsverfahren in die Länge zogen und schließlich eingestellt wurden.

Fluss erholt sich

Die Politik reagierte grenzüberschreitend mit Sofortmaßnahmen, um die Wasserqualität des Rheins zu verbessern. Mit Erfolg. Schneller als prognostiziert erholte sich der Fluss - konstatiert Gustaaf Borchardt, der Präsident der internationalen Kommission zum Schutz des Rheins: "Da waren keine Fische mehr und auch keine Pflanzen mehr. Man konnte nichts mehr machen. Aber jetzt ist es wieder ein sehr guter Fluss mit sehr gutem Wasser."

Die Katastrophe vor 30 Jahren bewirkte ein Umdenken. Der Schutz der Umwelt rückte stärker ins Bewusstsein. Nie wieder soll verschmutztes Löschwasser den Rhein belasten.

Sandoz-Katastrophe vor 30 Jahren
Dietrich Karl Maeurer, ARD Zürich
01.11.2016 06:56 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. November 2016 um 10:08 Uhr.

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