Sampling-Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht | Bildquelle: dpa

Sampling-Streit in Karlsruhe Ist dieser Beat für alle da?

Stand: 25.11.2015 16:36 Uhr

"Metall auf Metall" und "Nur mir" - um diese Songs ging es heute vor dem Verfassungsgericht. Der Streit zwischen Kraftwerk und Moses Pelham ist viele Jahre alt. Letzterer nahm sich 1997 einen Zwei-Sekunden-Beat der Elektromusik-Pioniere. Durfte er das?

Von Frank Bräutigam, SWR, ARD-Rechtsexperte

Normalerweise reden hier Außenminister, Notenbankpräsidenten und Rechtsprofessoren - am Pult im Karlsruher Gerichtssaal. Doch heute ist alles anders. Heute stehen dort Hip-Hop-Produzent Moses Pelham und ein echter Pionier der Elektromusik: Kraftwerk-Mitglied Ralf Hütter.

"Hip-Hop ist ohne Sampling nicht möglich, darum stehe ich heute hier. Ich halte das für mein gutes Recht. Es gibt keine Kunst im luftleeren Raum, es geht immer um die Auseinandersetzung mit anderer Kunst“, sagt Pelham. Ralf Hütter von Kraftwerk antwortet: Seine Generation - aus der Zeit der Beatles - zeichne sich dadurch aus, dass sie ihre eigene Musik geschrieben habe. "Wir haben diesen Beat vor vier Jahrzehnten zu Beginn unserer Karriere geschaffen, ohne digitale Technik wie heute, nur mit Tonbändern." Und dann höre man 20 Jahre später seine Musik plötzlich bei MTV. "Bei uns ist üblich, das man vorher fragt."

Da prallen Welten aufeinander, nicht nur musikalisch. Denn auch für die Richterinnen und Richter in den roten Roben ist es kein alltägliches Geschäft, das heute auf dem Programm steht. Hoch interessiert sind sie alle an Musik. Doch ob Hip-Hop und Elektromusik auf ihrer Playlist stehen? Gebannt lauschen sie jedenfalls den Protagonisten.

Bundesverfassungsgericht verhandelt über umstrittenes "Sampling"
tagesschau 17:00 Uhr, 25.11.2015, Christoph Kehlbach, SWR

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Moses Pelham vor dem Bundesverfassungsgericht | Bildquelle: dpa
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Moses Pelham hat sich 1997 bei einem Kraftwerk-Song bedient - ...

Ralf Hütter vor dem Bundesverfassungsgericht | Bildquelle: dpa
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... das findet Kraftwerk-Musiker Ralf Hütter nicht in Ordnung.

Quasi-DJ Kirchhof

Vizepräsident Ferdinand Kirchhof übernimmt quasi die Rolle des DJs. "Wir wollen uns die entscheidenden Passagen kurz anhören", kündigt er gleich zu Beginn an. Musik in einer Karlsruher Gerichtsverhandlung, das gab es noch nie. Erst ertönt der Beat aus "Metall auf Metall" von Kraftwerk aus dem Jahr 1977. Dann ein kurzer Ausschnitt aus "Nur mir" von Sabrina Setlur, im Jahr 1997 produziert von Pelham.

Der Streit dreht sich um eine Sequenz von nur zwei Sekunden. Einen "Tonfetzen“, nennt das Kirchhof. Nicht nachgespielt, sondern im Original übernommen.  Der "Fetzen" von zwei Sekunden wird aber als eine Art Dauer-Rhythmus unter den Setlur-Song gelegt. Einen Loop nennt man das in der Branche. Pelham und seine Anwälte betonen immer wieder: Von dieser Arbeitsweise lebe die gesamte Hip-Hop-Kultur. Die Verarbeitung in einem neuen Kontext, das sei das künstlerische Ziel.

"Faszinierende Kälte"

Die Richter wollen wissen, wie es damals gelaufen sei. Selten steigen sie so tief in den konkreten Fall ein, ihre Sache sind eigentlich die Rechtsfragen. Er habe das damals einfach gehört, genommen, aber gar nicht gewusst, dass der Beat von Kraftwerk ist, berichtet Pelham: "Diese musikalische Kälte hat mich fasziniert."

Wenn es ein Beispiel dafür gibt, dass Recht keine trockene Angelegenheit sein muss, dann ist es diese Verhandlung. Der Saal ist vollbesetzt mit Schülerinnen und Schülern. So viele Käppis und Mützen hat man selten in Karlsruhe. Es ist ruhiger als in jeder Schulstunde. Denn das Urteil in einigen Monaten wird ja womöglich nicht nur professionelle Musikproduzenten betreffen, sondern auch zahlreiche "Bastler" die auf kleinerer Flamme an Musikprodukten werkeln.

Bislang gewann Hütter immer

Bislang gaben die Gerichte in diesem Fall Kraftwerk Recht. Das Urheberrecht gewann quasi, auch bei kurzen Ausschnitten in Sachen Sampling. Verstößt es gegen die Kunstfreiheit, die das Grundgesetz garantiert? Spielt europäisches Recht eine Rolle, weil das Urheberrecht seit 2002 in einer Richtlinie geregelt ist? Das müssen die acht Richterinnen und Richter des Bundesverfassungsgerichts nun entscheiden.

Ob es da vielleicht einfach auch Generationsunterschiede gebe bei der Frage, was man zulässigerweise übernehmen darf und was nicht, fragt Richter Andreas Paulus. Als sogenannter Berichterstatter ist er besonders intensiv mit dem Fall befasst. Allein auf die Motivlage des sampelnden Produzenten könne man ja schlecht abstellen; also ob das Sampling eher auf Kunst oder Bequemlichkeit basiere, meint Richter Johannes Masing, ein ausgebildeter Pianist.

Jay Z und Coldplay haben höflich gefragt

Kraftwerk-Musiker Hütter geht es nicht ums Geld. Er möchte einfach gefragt werden, wenn jemand sein Produkt übernimmt - und zitiert im Gerichtssaal das siebte Gebot: Du sollst nicht stehlen, heißt es dort. "Ich bekomme Anfragen aus den USA von Jay Z oder Fergie von den Black Eyed Peas. Das ist dann gar kein Problem. Chris Martin von Coldplay hat mir einen Brief auf Deutsch geschrieben, ob er Material von uns haben darf“, beschreibt Hütter, wie er sich die Abläufe so vorstellt.

Kunstfreiheit gegen geistiges Eigentum - das Urteil in einigen Monaten wird die Richtung vorgeben, ob Kraftwerk-Mitglied Hütter im wahrsten Sinne des Wortes sagen darf: Dieser Beat gehört "Nur mir".

Verhandlung von Sampling vor dem Bundesverfassungsgericht
Klaus Hempel, SWR
25.11.2015 16:16 Uhr

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