Blaulicht eines Polizeiwagens | Bildquelle: picture alliance / Friso Gentsch

Behörden sehen Radikalisierung Wie Sami A. zum Top-Gefährder wurde

Stand: 31.07.2018 09:57 Uhr

Sami A. gilt als Gefährder - aber wie genau kam es dazu? Recherchen von WDR, NDR und SZ zeigen, wie die Behörden ihre Einschätzung veränderten und warum sie in dem Tunesier heute ein beachtliches Risiko sehen.

Von Marc Steinhäuser, WDR

Es ist Ende April 2018, als sich die Lage für die Behörden im Fall Sami A. offenbar deutlich verändert. Von einer "krisenhaften Zuspitzung seiner persönlichen Situation" ist in einem internen Vermerk einer deutschen Sicherheitsbehörde die Rede. Kurz zuvor hatte die "Bild"-Zeitung groß darüber berichtet, dass Sami A. seit Jahren gegen seine Abschiebung klagt und Hilfeleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhält.

Die Sicherheitsbehörden schlagen Alarm: Sie beobachten bei Sami A., dass die Berichterstattung und die öffentliche Debatte ihn beeinflussen würden. Es drohe sogar, dass "Sami. A. seine taktische Zurückhaltung in Bezug auf Gewaltdelikte aufgibt."

Behörden sehen Fluchtgefahr

Kurze Zeit später wird der Fall Sami A. im zuständigen Polizeipräsidium Bochum neu eingestuft: Aus dem moderaten Gefährder wird ein Top-Gefährder. Denn veränderte Lebensumstände können ein Risiko-Faktor sein - und Sami A. lebte zusätzlich seit wenigen Monaten von Frau und Kindern getrennt, die Abschiebung drohte.

Sami A. musste sich zwar täglich bei der Polizei melden, doch nach dem Wirbel um seine Person vermuteten die Behörden, dass er untertauchen könnte. Es bestehe der Verdacht, dass er sich "der Abschiebung durch Flucht entziehen will". Ein vertrauliches Behördenzeugnis des NRW-Innenministeriums untermauerte die Fluchtgefahr: Sami A. beabsichtige demnach, mit seinen Kindern in die Türkei auszureisen. Dazu, so wurde befürchtet, könnte er den Pass seines Bruders verwenden, der ihm zum Verwechseln ähnlich sehe.

Zeugin belastet Sami A. schwer

Ausgerechnet eine Zeugin aus dem engsten Umfeld machte dazu offenbar Ende Mai 2018 die entscheidenden Aussagen. Sie belastet ihn bei einer Vernehmung bei der Polizei: Er sehe sich häufig Videos von Osama Bin Laden an, lobe den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt von Anis Amri und habe gute Kontakte in die islamistische Szene. Außerdem habe er davon gesprochen, dass im Falle seiner Abschiebung "Deutschland Blut weinen werde".

Vorwürfe, die Sami A. allesamt bestreitet. Vor Gericht gibt er später an, er sei gegen jede Art von Attentaten und Gewalt. Die Zeugin mache die belastenden Aussagen womöglich aus anderen Motiven, heißt es. Die Sicherheitsbehörden sehen das offenbar anders. Ohnehin gilt ihnen Sami. A. schon länger als charismatischer und hochideologisierter Salafist, der den Dschihad befürworte.

Viele Jahre wenig brisanter Fall

Bereits im Sommer 2005 wurde er in Nordrhein-Westfalen als moderater Gefährder eingestuft, galt allerdings lange Jahre nicht als besonders brisanter Fall. Im Behördenzeugnis des NRW-Innenministeriums wird Mitte Juni 2018 festgehalten: Sami A. führe Eheschließungen nach islamischem Recht durch und genieße in der salafistischen Szene hohes Ansehen. Immer wieder habe er zudem Besuch von anderen Radikalen bekommen. Seine Anwältin sagt dagegen, dass er nicht in ein "Netz von Gefährdern" eingebunden sei.

Anwältin von Sami A. | Bildquelle: dpa
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Die Anwältin Seda Basay-Yildiz vertritt den mutmaßliche Leibwächter von Osama Bin Laden, Sami. A.

Bei der Staatsanwaltschaft Bochum haben sich parallel dazu offenbar einige Ermittlungsverfahren gegen ihn angesammelt: Darin werden ihm Leistungsbetrug, Unterschlagung und Körperverletzung vorgeworfen. Als er in Abschiebehaft genommen werden soll, betont seine Anwältin, Sami A. sei abgesehen von einem Verstoß gegen das Aufenthaltsgesetz im Jahr 2015 strafrechtlich "noch nicht in Erscheinung getreten".

Die Sache mit Bin Laden

Doch eines überlagert offenbar alles in diesem Fall - die Sache mit Osama Bin Laden. Zwischen 1999 und 2000 soll sich Sami A. in Afghanistan in einem Ausbildungslager von Al Kaida radikalisiert haben, sagen die Ermittler - und auch als Leibwächter von Bin Laden tätig gewesen sein. Sami A. bestreitet das bis heute vehement. Er habe vielmehr eine religiöse Ausbildung in Pakistan gemacht. Er propagiere "Toleranz ohne Grenzen", sagte er noch Ende Juni in einer nicht-öffentlichen Sitzung vor dem Bochumer Amtsgericht. Die Bundesanwaltschaft ermittelte laut Medienberichten in dieser Sache ein Jahr lang, habe das Verfahren "mangels hinreichender Nachweisbarkeit von Straftaten" eingestellt - diese jedoch "trotz vorhandener Anhaltspunkte".

Das Bochumer Amtsgericht hält die Aussagen von Sami A. offenbar für unglaubwürdig - und ordnete Abschiebehaft an. Es ist der Tag, an dem Sami A. im Abschiebegefängnis in Büren in der Nähe von Paderborn festgesetzt wird. Auch dort versuchen offenbar Islamisten noch, ihn zu besuchen, heißt es in Sicherheitskreisen. Rund um das Abschiebegefängnis werden die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Gewarnt ist man dort ohnehin - durch die deutlichen Worte des Bochumer Amtsgerichts. Sami A., so sagt das Gericht, sei ein "beachtliches Risiko", von dem eine "erhebliche Gefahr für Leib und Leben" ausgehe.

Rund zwei Wochen später wird Sami A. von Büren nach Tunesien abgeschoben.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Juli 2018 um 17:00 Uhr.

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