Salafisten verteilen bei einer Demonstration den Koran. (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Fragwürdige Hilfsaktionen Der Salafist als Flüchtlingshelfer

Stand: 16.11.2015 17:57 Uhr

Wollen sie wirklich helfen - oder geht es um die Rekrutierung neuer Anhänger? Auffällig viele Salafisten beteiligen sich an den Hilfsaktionen für Flüchtlinge aus Syrien. Die Sicherheitsbehörden sind alarmiert.

Von Volker Siefert, HR

Auch Salafisten in Deutschland nutzen das Bild des ertrunkenen dreijährigen Aylan für Hilfsaufrufe. Dabei blenden sie aus, vor wem Aylans Familie geflohen ist - nämlich vor dem "Islamischen Staat".

Die kurdische Familie sah in der vom IS völlig zerstörten Stadt Kobane keine Zukunft mehr und suchte ihr Heil in Europa. Solche ideologischen Widersprüche überspielt man in der Szene gerne mit Aktionismus. Protagonisten wie der islamistische Prediger Pierre Vogel setzen sich stattdessen mit Hilfsaufrufen für ankommende Flüchtlinge in Szene.

"Schuld ist das Assad-Regime"

"Gesucht werden Leute mit Führerschein, Sprachkenntnissen, Leute, die Kinder betreuen, oder Leute, die ganz einfach mit anpacken möchten", sagt ein junger Mann in einem über Facebook verbreiteten Video der "Islamischen Jugend Aschaffenburg". Die Gruppe aus Bayern steht mit einschlägig bekannten Protagonisten der Szene wie Sven Lau ("Scharia-Polizei Wuppertal") oder der "LIES!"-Kampagne in Kontakt. Sie verwendet für ihren Hilfsaufruf das Foto des toten Aylan. Schuld an der Flucht aus Syrien sei das Assad-Regime, erfährt der Zuschauer in dem Video. Also nicht der IS.

In der Tat verursachen die Bomben der syrischen Luftwaffe in der Zivilbevölkerung große Angst. Nach jüngsten Zahlen, die die "New York Times" aufgrund von Schätzungen des Violations Documentation Center in Syria veröffentlicht hat, verloren seit Kriegsbeginn 18.866 Zivilisten ihr Leben durch Luftangriffe. Fast dreimal so viele Zivilisten wurden bei Straßengefechten getötet. Eine maßgebliche Rolle beim Häuserkampf spielen die Milizen des IS der al-Kaida zugehörigen Al-Nusra-Front. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass ihre Brutalität nicht genauso wie die der syrischen Armee zur Flucht vieler Syrer beiträgt.

Süßigkeiten als Lockmittel

Diese Ursache müssen Islamisten hierzulande verdrängen. Vordergründig will man mit schwimmen im Schwarm der Hilfsbereiten. So mischten sich Mitglieder von extremismus-verdächtigen Vereinigungen am Frankfurter Hauptbahnhof unter die Spontan-Helfer, als die ersten Flüchtlingszüge dort ankamen. In einem Webvideo empören sie sich über die staatlichen Stellen, die bei der Organisation versagen würden.

Weitere vordergründige Hilfsaktionen fragwürdiger Gruppen gab es in Hessen nach HR-Recherchen in Gießen, Fulda, Frankfurt und Darmstadt.

Das Landesamt für Verfassungsschutz NRW erklärt auf Anfrage, dass ihm Hinweise auf "30 vordergründige Hilfsaktionen salafistischer Gruppierungen" vorlägen. Unter dem Vorwand, Süßigkeiten, Lebensmittel und Kleidung an die ankommenden Flüchtlinge zu verteilen, lüden sie insbesondere junge Männer zum Gebet ein. So geschehen vor einigen Wochen vor einer Flüchtlingseinrichtung in Wuppertal.

"Wie der Aufruf von Pierre Vogel zeigt, gehen Salafisten taktisch vor, indem sie ihre ideologischen Absichten zunächst in den Hintergrund und ein humanitäres Anliegen in den Vordergrund stellen. Deshalb ist eine Sensibilisierung der Mitarbeiter in den Aufnahmeeinrichtungen und Flüchtlingsunterkünften notwendig", erklärt das Niedersächsische Landesamt für Verfassungsschutz auf Anfrage. Der Behörde liegen Hinweise für vereinzelte Kontaktaufnahmen der salafistischen Szene mit Flüchtlingen vor.

Was der Verfassungsschutz gegen die "Helfer" tut

Eine junge Helferin, die seit Wochen im Frankfurter Hauptbahnhof ankommende Flüchtlinge betreut, erkennt hinter der gezielten Ansprache junger Männer eine Strategie. "Die Salafisten wenden sich insbesondere an unbegleitete junge Männer, die nach ihrer Ankunft in der Gesellschaft noch nicht integriert und ohne Orientierung sind", sagt die muslimische Frau. Der Verdacht, dass es hier um die Gewinnung neuer Anhänger geht, liegt nahe.

Noch ist laut Bundesamt für Verfassungsschutz jedoch noch kein Fall bekannt, bei dem es Salafisten gelungen ist, unter Flüchtlingen erfolgreich neue Anhänger oder gar Kämpfer zu rekrutieren.

Bernd Palenda, Leiter des Verfassungsschutzes Berlin, zur Sicherheitsgefährdung durch Salafisten
ARD-Morgenmagazin, 25.09.2015

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Das dürfte auch der Arbeit wachsamer Sicherheitsbehörden geschuldet sein. Verfassungsschützer und Polizisten sensibilisieren vor Ort, wenn sie mitbekommen, dass Salafisten ihre Unterstützung in Flüchtlingsunterkünften anbieten. Die Verfassungsschutzbehörden von NRW und Sachsen verteilen neuerdings Broschüren an kommunale Stellen. Dort wird beschrieben, woran Mitarbeiter in Flüchtlingseinrichtungen "unerwünschte Helfer" erkennen können.

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Fluchtbewegung nach Europa den Islamisten hierzulande ideologisch bereitet, lohnt ein Blick in die offizielle IS-Propaganda. In der jüngsten Kampagne wird das Thema Flüchtlinge offensiv aufgegriffen. Wer sich auf den Weg nach Europa macht, wird als Verräter gebrandmarkt. Statt zu den "Ungläubigen" zu fliehen, sollten sich die Syrer im Kalifat niederlassen. Eine Empfehlung, die Salafisten sich wohl verkneifen müssen, wenn sie hier ankommende Flüchtlinge in Empfang nehmen.

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