Interview

Isabel Schayani

Aktion "Sag's mir ins Gesicht" Wie "Enthemmte" zu "Zivilisierten" werden

Stand: 30.05.2017 21:04 Uhr

Am dritten Tag der Aktion "Sag's mir ins Gesicht" ist WDR-Journalistin Isabel Schayani ins Gespräch mit Kritikern gekommen. Für sie hat sich dabei gezeigt, dass auch "Enthemmte" im Dialog zu "Zivilisierten" werden, diese Welten müsse man zusammenbringen.

tagesschau.de: "Überheblich", Sie gehörten abgeschoben - das sind Dinge, die Sie in sozialen Netzwerken schon zu hören bekommen haben. Warum haben Sie sich entschieden, auch noch in den persönlichen Dialog mit den Verfassern solcher Kommentare zu treten?

Isabel Schayani: Es geht darum, eine gemeinsame Diskussionskultur zu entwickeln. Da müssen wir uns Schrittchen für Schrittchen weiter entwickeln - und genau das machen wir gerade. Ich finde es spannend, dabei mitzumachen. Denn wir machen in Köln ein Format für Flüchtlinge und Interessierte und immer, wenn die tagesschau dieses Format oder auch einen tagesthemen-Kommentar von mir teilt, taten mir die Kollegen leid, weil sie unglaublich viel Kritik dafür bekamen. Und ich habe gesehen, dass das Journalisten beeinflusst, wenn sie mit solchen Unmengen an negativen Kommentaren - und das ist noch höflich formuliert - konfrontiert sind.

tagesschau.de: Wie haben Sie heute den persönlichen Dialog mit den Usern erlebt - was hat Sie überrascht?

Schayani: Ich habe schon erlebt, dass ich mit Leuten geredet habe, mit denen ich klassischerweise nicht so einfach reden würde. Ein Anrufer aus Göttingen, der sich als Wutbürger bezeichnete, hat in einem höflichen Ton mit mir gesprochen. Das habe ich noch nicht so oft erlebt. Und gut fand ich, dass einige Leute mit nicht biodeutschem Hintergrund angerufen und ihre Verfasstheit beschrieben haben. Die haben beschrieben, was sie emotionalisiert und was sie ungerecht finden an unserer Berichterstattung. Dass sie das sehr artikuliert und sehr klar dargestellt haben, das war sehr wertvoll.

Ich hatte gedacht, da würden Leute anrufen und sagen, ich gehöre abgeschoben, denn das ist das, was geschrieben wird. Das kam aber gar nicht, stattdessen war es ein sehr zivilisierter und höflicher Umgang. Offensichtlich bewirkt das Getippte eine Enthemmung. Aber wenn man sich begegnet und sich anspricht, entstehen dann doch Anstand und Hemmungen - da benimmt man sich. Und die Frage ist eigentlich, wie man diese beiden Welten zusammenbringt. Damit wir es auch nicht mit zwei Gruppen von Zuschauern und Usern zu tun haben, nämlich einmal die Enthemmten und einmal die Zivilisierten, sondern eher mit einer Gruppe.

tagesschau.de: Wie erklären Sie sich, dass der Hass im Netz so zugenommen hat und Menschen auch keine Hemmungen mehr haben, mit ihrem Klarnamen menschenverachtende Dinge von sich zu geben?

Schayani: Ich habe gelernt, dass die sprachliche Enthemmung eine Fonstärke ist. Das heißt, die sprachliche Enthemmung dient eigentlich dazu, dass der Einzelne aus der Masse der User heraustreten kann. Es ist also ansteckend, wenn der ein oder andere drauf haut. Daher muss man dem Grenzen setzen. Deswegen ist so eine Aktion wichtig, damit man bewusst die Leute anspricht und sagt, das geht so nicht, was ihr hier sagt. Denn wenn man das nicht macht, ist es wie ein Virus und breitet sich aus - und dann wird es zum Normalzustand. Deshalb ist es total wichtig zu sagen: Wir nehmen das ernst, aber das ist der Diskussionsrahmen.

tagesschau.de: Was ist Ihr persönliches Fazit der Aktion?

Schayani: Ich glaube, dass es wichtig ist, dass Plattformen wie die Tagesschau den Usern klar machen, dass man diese Diskussion sehr ernst nimmt, dass wir quasi in tagesschau 2.0 angekommen sind, und dass man sich da annähern muss. Und dass man da Regeln finden muss, damit man in einer politisch schwierigen Zeit einen konstruktiven Dialog miteinander führen kann.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Mai 2017 um 12:00 Uhr.

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