Kleinbauer Lliuya am See unterhalb des peruanischen Gletschers

Umweltschäden in Peru Warum ein Anden-Bauer RWE verklagt

Stand: 24.11.2016 14:36 Uhr

Ein peruanischer Kleinbauer zieht gegen RWE vor Gericht. Der Essener Konzern habe Mitschuld an Umweltschäden in seiner Heimat. Wer ist der Mann, der den Energiekonzern in die Knie zwingen will? Und wie stehen seine Erfolgsaussichten?

Von Birand Bingül, WDR

Saúl Luciano Lliuya reist aus der Kleinstadt Huaraz zur Verhandlung in Essen an. Huaraz liegt in den Anden, 3000 Meter über dem Meeresspiegel, umgeben von Hochgebirge. Mit seiner Familie führt Lliuya dort ein einfaches Leben als Kleinbauer und Bergführer, nah an der Natur. Und genau um die geht es ab heute vor dem Landgericht Essen.

Schmelzwasser könnte Tal überfluten

Denn oberhalb des Tals, in dem Lliuya lebt, thront auf 6265 Metern ein mächtiger Gletscher: der Palcacocha. Und dessen Eis schmilzt. Das Wasser läuft in einen See. Dieser See soll seit 2003 durch die Gletscherschmelze um das Vierfache gewachsen sein. Der Druck auf den maroden Staudamm wachse, so Gletscherexperten. Und eine Katastrophe droht: Bricht der Damm, rechnen amerikanische Wissenschaftler damit, dass eine 30 Meter hohe Flutwelle das Tal überschwemmt. Das zeigen Computersimulationen der Universität Texas. Tausende Menschen könnten dadurch sterben.

Verantwortliche für Klimawandel bestrafen

Gegenüber tagesschau.de erklärt Lluiya, warum er unbedingt zu dem Prozess kommen wollte: "Es geht darum, sich Auge in Auge gegenüberzustehen und zu sagen: Das haben Sie zu verantworten. Ich muss erklären, was wir wegen des Klimawandels durchmachen."

Der Peruaner hat sich auf der Suche nach Verbündeten mit der Nichtregierungsorganisation Germanwatch zusammengetan. Ihre Argumentation lautet: Schuld an der Gletscherschmelze sei der Klimawandel. Den verursache RWE mit, durch seine Kohlekraftwerke und den Ausstoß von Kohlendioxid weltweit. Da das Kohlendioxid, das RWE ausstoße, sich gleichmäßig in der Atmosphäre verteile, schädige es auch Peru.

Der schmelzende Gletscher über der Stadt Huaraz in den Anden
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Auf 6265 Metern trohnt der Gletscher Palcacocha über dem Tal von Huaraz. Doch das Eis schmilzt ...

Der See am Fuße des Gletschers in Peru, der überlaufen könnte
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... und lässt den See im Tal anschwellen. Eine Flutwelle bedroht die Bauern und ihr Land.

RWE hält Klage für unbegründet

Eine Beweiskette, die RWE abstreitet. Konzernsprecher Guido Steffen sagte dem WDR-Hörfunk: "Wir halten die Forderung des Klägers für zivilrechtlich nicht begründet. Es ist nach unserer Rechtsordnung nicht vorgesehen, dass einzelne Emittenten für ein so globales und durch vielfältige Quellen verursachtes Thema wie Klimawandel haftbar gemacht werden müssen."

RWE zieht ein höchstrichterliches Urteil heran: In den 1990er-Jahren gab es eine Klage zu Waldschäden in Folge von Schwefeldioxidemissionen. Bundesgerichtshof und Bundesverfassungsgericht hätten damals eine Haftung für einzelne Anlagenbetrieber verneint.

Ein Präzedenzfall?

Dabei dürfte es RWE weniger um den tatsächlichen Streitwert gehen. Lliuya verlangt vom Energiekonzern 17.000 Euro für seine Gemeinde, um Schutzmaßnahmen zu finanzieren. Und weitere 6300 Euro für Selbsthilfe. Hätte der Peruaner Erfolg, wäre das ein weltweiter Präzedenzfall: Noch nie wurde ein einzelnes Unternehmen in so einem Fall für globale Umweltschäden in Haftung genommen. Dann drohte Unternehmen wie RWE eine Prozessflut.

Hauptverfahren fraglich

Zeugen oder Sachverständige sind nicht geladen. Für die Richter der 2. Zivilkammer des Landgerichts Essen geht es in der Verhandlung vor allem um eine Frage gehen: Sehen sie einen direkten Zusammenhang zwischen dem Ausstoß von Kohlendioxid durch RWE und dem Gletscher in den Anden als ausreichend belegt an? Das wurde am ersten Verhandlungstag deutlich.

Bliebe Saúl Luciano Lliuya und Germanwatch im schlechtesten Fall ein anderer Erfolg: Nämlich die mediale Aufmerksamkeit, die das außergewöhnliche juristische Verfahren für ihr Anliegen erzeugt.

Dieser Beitrag lief am 24. November 2016 um 07:20 Uhr auf WDR 5.

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