Die A40  | Bildquelle: WDR

Reportage aus dem Ruhrgebiet Enttäuscht in Essen

Stand: 11.12.2016 15:32 Uhr

Die A40 trennt das Ruhrgebiet - grob gesagt in einen armen Norden und einen reicheren Süden. Im Norden leben viele, die immer SPD gewählt haben - und nun mit der AfD liebäugeln. Droht bei den Wahlen 2017 ein Rechtsruck?

Eine Reportage von Marko Rösseler, WDR

Die A40 führt ein Mal von Ost nach West durchs Ruhrgebiet - und sie trennt es zugleich. Südlich der Autobahn leben die, denen es meist gut geht, nördlich die anderen. Es gibt Stadtteile mit einem Anteil von Hartz-IV-Empfängern von 40 Prozent, hier leben auch die meisten Bewohner mit Migrationshintergrund und ganz viele Unzufriedene.

Die gingen in der Vergangenheit selten zur Wahl. "Es gibt Stadtteile im Norden mit einer Wahlbeteiligung von unter 30 Prozent. Das könnte sich jetzt ändern", schätzt Professor Klaus Peter Strohmeier. Der Soziologe hat sein Leben lang zu Themen der inneren Befindlichkeit des Ruhrgebiets geforscht. "Ich habe das Gefühl, dass bei der nächsten Wahl mehr Leute an die Urnen gehen. Und die Erfahrung zeigt, dass gerade unter diesen Menschen die AfD den meisten Zuspruch erhält." Droht also ein Rechtsruck in Teilen des Ruhrgebiets, der traditionellen Hochburg der SPD?

"Die haben alle einen Riesenhals"

"Die haben hier alle einen Riesenhals", sagt Guido Reil und blickt mürrisch auf die Straße, während sein Kumpel von der SPD den Bus der Arbeiterwohlfahrt schweigend durch Essen-Karnap steuert. Seit acht Jahren machen die beiden ein Mal wöchentlich diese Tour: Senioren von daheim abholen, zum Einkauf bringen, Tüten schleppen und wieder zurück.

Reil, 26 Jahre lang SPD-Mitglied, Betriebsrat in der letzten noch arbeitenden Zeche, Gewerkschafter - im Frühling hat er beschlossen, der SPD den Rücken zu kehren und in die AfD einzutreten. "Die Partei, die hier jahrelang gewählt wurde, hat die Menschen im Stich gelassen", sagt Reil und meint damit die SPD. Dabei verweist er auf die marode Infrastruktur, Müll auf den Straßen und immer wieder auch auf die Flüchtlinge, die im Norden des Ruhrgebiets untergebracht wurden. "Die bekommen renovierte Wohnungen, die bekommen das Rundum-Sorglos-Paket - und wir?", sagt der Neu-AfDler.

Guido Reil | Bildquelle: WDR
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Einst bei der SPD, jetzt für die AfD im Einsatz: Guido Reil.

Die Seniorinnen im Wagen wissen nicht, ob das alles wirklich so ist. Aber sie nicken still. Auch sein Kumpel von der SPD schweigt lange. Dann bricht es aus ihm heraus: "Neulich bin ich mit dem Fahrrad an einer dieser Flüchtlingsunterkünfte vorbeigefahren und hab mir gedacht: Ja, warum müssen die alle zu uns in den Norden?"

Medienkarriere des Ex-Genossen

Seit seinem lautstarken Übertritt zur AfD macht Reil Medienkarriere: Interviews, Talkshow-Auftritte - "sogar die BBC hat bei mir schon angerufen", sagt Reil nicht ohne Stolz. "Als ich noch in der SPD war, hat sich keiner für meine Arbeit interessiert. Jetzt muss sogar Sigmar Gabriel zu meinem Fall Stellung nehmen." Das freut Reil: "Die SPD hat sich Jahrzehnte hier nicht um die Menschen gekümmert, jetzt werden sie die Quittung dafür bekommen. Und die meisten Genossen im Viertel denken genauso wie ich."

Tatsächlich sind viele SPDler im Norden sauer. Auch Theo Jansen und Jürgen Granitz vom SPD-Ortsverein Essen-Altenessen fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Jahrelang haben sie für die Sanierung ihres Viertels gekämpft - Kleinstarbeit, oftmals erfolglos. Doch dann suchte die Stadt Unterkünfte für Flüchtlinge - und bei ihnen im Viertel sollten die gebaut werden. "Als wir das gehört haben, da haben wir gesagt: Das geht nicht. Wir haben hier schon einen gigantischen Migrantenanteil, wir haben noch viel Integrationsarbeit zu leisten. Und nun lädt man dieses Problem auch wieder bei uns ab. Und im Süden heißt es: Nein, hier geht das nicht, hier wachsen Gänseblümchen."

Wut über SPD

Sie wollten im Frühjahr dieses Jahres eine Demonstration organisieren unter dem Motto "Der Norden ist voll". Als das in der SPD-Parteizentrale in Düsseldorf bekannt wurde, gab es ein striktes Nein: Keine Demo gegen Flüchtlingsunterkünfte unter SPD-Label. Die Kundgebung haben sie dann abgesagt. Theo Jansen ist sauer: "Als ich das hörte, hab ich die gefragt: Soll ich hier wegziehen oder aus der SPD austreten?"

Er hat es dann doch nicht getan, lebt immer noch im Norden, ist immer noch in der SPD. Den Kurswechsel ihres ehemaligen Genossen, Guido Reil, können beide nicht verstehen: "Den wird die AfD hier doch nur verheizen", sagen sie. Reil sieht das ganz anders: "Ich stelle mir hier schon ein Wahlergebnis zwischen 20 und 30 Prozent für die AfD vor." Sein Ziel: ein Sitz im Düsseldorfer Landtag auf AfD-Ticket.

Bülent Alan | Bildquelle: WDR
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Bülent Alan hält unterm Tresen Wörterbücher parat, um sich mit seinen neuen Kunden zu verständigen.

Angst vor Überfremdung

Wie realistisch die 20 bis 30 Prozent für die AfD bei der nächsten Landtagswahl sind, kann noch niemand seriös beantworten. Ein Besuch im Dönerladen von Bülent Alan am Bahnhof Altenessen ersetzt kein Polit-Barometer, gibt aber Einblicke in die Stimmungslage. "Früher war das hier ein Dorf, jeder kannte jeden", sagt Bülent Alan, der hier geboren wurde. "Heute ist das nicht mehr so. Es kommen immer mehr Fremde. Neuerdings auch viele Syrer."

Um in mehreren Fremdsprachen Bestellungen aufnehmen zu können, hält er unterm Tresen Wörterbücher parat. "Im Moment lerne ich Arabisch und Polnisch." Für ihn sind die Fremden neue Kunden, zugleich aber auch eine Bedrohung: "Gestern wurde schon wieder im Nachbarladen eingebrochen." Niemand weiß, wer der Täter war. Vielleicht auch ein Alteingesessener. Aber für einen der Stammgäste, selbst Türke, ist klar - auf keinen Fall: "Früher war hier alles in Ordnung, aber jetzt ist es zu viel. Zu viele Ausländer. Viele meiner Freunde sind früher gar nicht zur Wahl gegangen. Jetzt denken sie darüber nach, die AfD zu wählen."

Professor Strohmeier blickt nachdenklich aus dem Landtag in Düsseldorf. Sein Rat ist gefragt als Forscher in Sachen Sozialpolitik. Er ist Mitglied der entsprechenden Enquete-Kommission. Dann rechnet er vor: "Wenn von den 70 Prozent der Nichtwähler, die es in einigen Stadtteilen gibt, nur die Hälfte beim nächsten Mal zu Wahl geht. Und wenn davon wiederum nur die Hälfte AfD wählt, dann gibt das hier einen ziemlichen Schock." Im kommenden Mai wird in Nordrhein-Westfalen ein neuer Landtag gewählt.

"die story: A40 - eine Autobahn trennt Arm und Reich" sehen Sie am Mittwoch, 14. Dezember, um 22.10 Uhr im WDR Fernsehen.

Über dieses Thema berichtete der WDR am 14. Dezember 2016 um 22:10 Uhr.

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