Computer-Tastatur

Rauer Ton in Internetforen "Kommentare wie Kotzeimer"

Stand: 08.05.2014 15:27 Uhr

Wer regelmäßig im Netz publiziert, weiß: Hier herrscht ein rauer Ton. Manche Kommentare werden nie Routine. Wie schützt man sich gegen Beschimpfungen und Drohungen? Und wie kann man dagegen halten? Community-Redakteure suchen auf der re:publica nach Antworten.

Von Anna-Mareike Krause, tagesschau.de

"Ihr gehört an euren Innereien an der Reichstagskuppel aufgehängt." Diesen Satz postete ein User an einem eher ruhigen Abend in den Kommentarbereich von tagesschau.de. "Dreckige Minusmenschen" nannte er uns, unsere Köpfe sollten "wie Vieh auf die Schlachtbank gerollt werden". Die Adressen von tagesschau.de-Mitarbeitern ließen sich ja leicht rausfinden.

Diese Zuschrift gehört auch für uns nicht zur Routine. Menschen, die uns persönlich bedrohen, sind kein Alltag - auch wenn der Ton, in dem Kritik geäußert wird, oft den Grenzbereich von Geschmacksfragen verlässt.

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An einem ganz normalen Tag lesen unsere Social-Media-Redakteure zum Beispiel: "Fick Dich, Du schizophrenes Nazischwein", "Homos sind scheiße und sollen weg", "Fickt euch doch mit eurer Propaganda" oder "Ihr habt euch als Enkel von Joseph Goebbels geoutet".

Mit solchen Zuschriften sind wir im Netz keine Ausnahme, sondern traurige Regel. Beschimpfungen und sogar Drohungen gehören zum Alltag all derjenigen, die Dinge ins Internet schreiben - ob es Nachrichtenartikel über die aktuelle Lage in der Ostukraine sind wie in unserem Fall, Blogtexte oder auch bloß kontroverse Tweets.

"Ich habe oft den Eindruck, dass diese Kommentatoren vergessen, dass am anderen Ende auch ein Mensch sitzt, der das lesen muss", sagt Juliane Leopold, Social-Media-Redakteurin bei "Zeit" und "Zeit Online". "Manche sehen das Logo einer Wochenzeitung oder Fernsehsendung und kippen alles aus."

"Das Problem am Internet ist die Unsichtbarkeit"

Besucher bei der Republica
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Auf der re:publica tauschten sich Community-Redakteure über den Umgang mit Internetforen aus.

"Tatsächlich spielt es für den Ton einer Diskussion eine Rolle, ob zwischen den Diskutierenden Augenkontakt besteht oder nicht", sagt Ingrid Brodnig. Die Journalistin leitet das Medienressort der Wiener Wochenzeitung "Falter". In ihrem Buch "Der unsichtbare Mensch" geht sie der Frage nach, wie Anonymität im Internet die Gesellschaft verändert.

Sie nennt das Verhältnis zwischen Journalisten und Forenpostern eine "Hassliebe": "Man kann die schönste Geschichte der Welt publizieren, irgendwer wird darunter schreiben: 'Wen interessiert das?' oder: 'Das könnte meine achtjährige Nichte besser schreiben.' Hier ist eine Verrohung des Umgangstons festzustellen", schreibt Brodnig.

"Das Problem am Internet ist die Unsichtbarkeit", erklärt sie. "Diese führt dazu, dass viele Menschen Dinge sagen oder tun, die sie nicht tun würden, wenn sie jemandem ins Gesicht sehen würden. Wenn ich mein Gegenüber nicht sehe, dann sehe ich auch nicht die Schmerzen, die ich auslöse."

Durch Vermittlung niveauvoll diskutieren

Teresa Bücker ist Social-Media-Referentin der SPD-Bundestagsfraktion. Sie betreut etliche Netzauftritte, wie den Twitteraccount der Fraktion, unterstützt aber auch einige Abgeordnete bei deren Profilen. "Es gibt einen großen Unterschied in der Qualität der Antworten zwischen den einzelnen Profilen", sagt auch sie. "Wenn ein Profil einem Menschen zugeordnet ist, einen Namen und ein Profilfoto hat, dann schreiben die Userinnen und User anders, als wenn sie das Partei- oder Fraktionslogo sehen."

Die Journalistin Brodnig verfolgt deshalb folgenden Lösungsansatz: "Wir müssen in der Diskussion zwischen Journalisten und Postern vermitteln, dass hier Menschen miteinander diskutieren." Je früher sich Journalisten oder Community-Moderatoren in die Diskussion einschalteten, umso qualifizierter verlaufe diese.

Drohungen gegen #Aufschrei-Initiatorinnen

Verleihung des Grimme Online Awards 2013 an #aufschrei | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Die Initiatorinnen von #aufschrei erhielten 2013 den Grimme Online Award.

Oft hindert das Wissen, es mit Menschen zu tun zu haben, Kommentatoren aber auch nicht daran, übergriffig zu werden. Im Gegenteil. Jasna Strick ist eine der Initiatorinnen des Hashtags #Aufschrei, unter dem im Januar 2013 Tausende Frauen ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen auf Twitter schrieben.

Seitdem ist Strick, wie auch die anderen Aufschrei-Aktivistinnen, Ziel von Attacken im Netz. Seit rund 15 Monaten erhält sie E-Mails, in denen sie bedroht wird, sie gehöre "aufgeschlitzt" oder "durchgevögelt", in Blogs wird über ihr Liebesleben spekuliert, seit einigen Monaten kursiert ihre private Telefonnummer im Netz. "Ich gehe nicht mehr ans Telefon, wenn eine unterdrückte Rufnummer anruft", sagt sie. Nach wie vor wird sie täglich auf Twitter beleidigt. "Ich verdränge viel, aber natürlich macht mir das Angst", sagt Strick.

Auch die britische Journalistin Laurie Penny erhält regelmäßig Hass-Zuschriften. Im vergangenen Jahr ging das so weit, dass sie über Twitter Bombendrohungen bekam. Die Polizei nahm diese ernst und empfahl ihr, zunächst ihre Wohnung nicht zu betreten. Die Drohungen waren eine Reaktion auf die Kampagne einer Aktivistin, die Frauenporträts auf britischen Pfundnoten gefordert hatte. Penny unterstützte diese Forderung. Das reichte ihren Gegnern aus, um ihr wörtlich den Tod zu wünschen.

"Die größte Gefahr ist die Selbstzensur"

"Der Ton im Netz war schon immer scharf", sagt Juliane Leopold von "Zeit Online". "Bei gewissen Themen, dazu gehören Homosexuellenrechte und Frauenrechte, aber auch der Nahost-Konflikt, Beschneidung oder Islam, wissen wir von vornherein: Der Moderationsaufwand wird höher."

Die Journalistin Brodnig meint: "Die größte Gefahr ist die Selbstzensur. Dass ich Texte zu bestimmten Themen gar nicht schreibe, weil ich ahnen kann, welche Reaktionen sie hervorrufen. Das darf natürlich nicht passieren - auch, wenn es für Redaktionen unglaublich schwer ist, dagegen zu halten."

Redaktionen sollten Haltung beweisen

Ihr Rat: Moderation und Haltung. "Man darf sich als Redaktion entscheiden, beispielsweise homophobe oder rassistische Kommentare nicht stehen zu lassen. Das hat nämlich nichts mit Meinungsäußerung zu tun, sondern ist menschenverachtend. Da dürfen sich Redaktionen eine Haltung erlauben."

Die meisten Onlinemedien geben sich dafür eine Netiquette. Auch tagesschau.de hat eine solche. Nicht erwünscht sind bei uns Rassismus, Hasspropaganda, Beleidigungen oder Verunglimpfungen. "Medien sind verantwortlich für ihre eigenen Räume", sagt Brodnig. Bei "Zeit Online" arbeiten deshalb neben Leopold zwei Community-Redakteure, ein Pauschalist sowie elf Moderatoren. "Natürlich gibt es gelegentlich Kommentarthreads, die einem wie Kotzeimer vorkommen. Sich mit denen zu beschäftigen, ist aber Teil des Jobs", sagt Leopold. 

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