Blick über die Unterkunft im ehemaligen Flughafengebäude Tempelhof (Quelle: rbb/Mara Nolte)

Flüchtlinge in Berlin-Tempelhof Heim im Hangar

Stand: 10.12.2015 09:54 Uhr

Riesige Hallen mit Trennwänden, vor den Hangars lange Reihen von Dixi-Klos: Der ehemalige Flughafen Tempelhof in Berlin wird eine Flüchtlingsstadt. Die Herausforderungen sind riesig, die Fortschritte klein und die Stimmung ist gereizt.

Von Oliver Soos, rbb

300 Meter lange Hallen, 2200 Menschen wohnen hier, riesige Stahlträger tragen die 20 Meter hohen Decken. Die Flüchtlinge schlafen Zelt an Zelt, Koje an Koje. Jeweils zwölf Menschen teilen sich 25 Quadratmeter. In den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof in Berlin ist eine "Stadt für Flüchtlinge" entstanden.

Duschen und Waschmaschinen gibt es nicht. Es riecht nach Schweiß und alten Socken. Die Notdurft wird draußen auf dem Rollfeld verrichtet: Im Freien - vor jedem Hangar - steht eine Wand aus über 50 Dixi-Toiletten.

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Wie Flüchtlinge im ehemaligen Flughafen Tempelhof leben

Die Toiletten befinden sich außerhalb des Hangars (Quelle: rbb/Mara Nolte)

Die Toiletten befinden sich im Freien vor jedem Hangar. Die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Flughafengebäude Tempelhof klagen über mangelnde Rückzugsmöglichkeiten und nächtlichen Lärm. "Es ist ein furchtbarer Ort", sagt Ali aus dem Irak. | Bildquelle: rbb/Mara Nolte

Seit fast zwei Wochen nicht geduscht

"Es ist ein furchtbarer Ort", sagt Ari aus dem Irak. Mit seiner Frau und seinen vier Kindern schläft er seit knapp einem Monat in den Hangars. Die Familie habe keine Rückzugsmöglichkeit, sagt er. Nachts sei es zu laut, um zur Ruhe zu kommen. Die Hygiene sei ein echtes Problem. Seit fast zwei Wochen hätten die Kinder nicht mehr geduscht.

Im November war die schlechte Stimmung in den Hangars in Gewalt umgeschlagen. An der Essensausgabe gab es eine Massenschlägerei zwischen Flüchtlingen. Mehrere Menschen, darunter zwei Security-Mitarbeiter, wurden verletzt. 23 Bewohner wurden festgenommen, 150 Polizisten waren im Einsatz.

Presseinteresse ist groß

Die Berliner Senatsverwaltung wurde heftig kritisiert und für den Gewaltausbruch indirekt verantwortlich gemacht - wegen ihrer schlechten Organisation beim Aufbau der Notunterkunft. Der Senat hat reagiert und zum Presserundgang eingeladen. Das Interesse ist groß. Knapp 50 Journalisten sind gekommen, auch aus dem Ausland. Der Tross wird an den Zelten und Kojen vorbeigeführt, an der Spitze Michael Lenz aus dem Flüchtlingskoordinierungsstab des Senats und Michael Elias, Chef der Tamaja GmbH. Die betreibt die Notunterkunft in den Hangars.

Die Beiden haben tatsächlich etwas vorzuzeigen. Am Eingang zu den Hangars gibt es jetzt eine kleine Praxis mit zwei Hausärzten. "Bislang mussten wir Flüchtlinge, die eine Medikation brauchen, in Krankenhäuser einliefern lassen, selbst wenn es nur um eine Erkältung oder um Krätze ging", sagt Elias. Medizinisch soll noch weiter aufgerüstet werden. Derzeit laufen Verhandlungen über die Einrichtung einer gynäkologischen Station.

Inszenierung für die Presse?

Zwischen den Zeltreihen in Hangar 1 liegen Matten mit Spielzeug ausgebreitet. Ein Mann vom Kinderzirkus Cabuwazi lässt kleine Jungen auf Gymnastikbällen balancieren. Ziemlich beeindruckend - doch ist das alles nur für den Pressetermin inszeniert? Wenige Tage zuvor saßen die Flüchtlinge noch beschäftigungslos in den Hangars herum.

"Erst mussten wir die wichtigsten Strukturen hier aufbauen", sagt Maria Kipp, die Sprecherin von Tamaja. "Jetzt kann die Kinderbetreuung schrittweise ausgebaut werden." Der Kinderzirkus mache nun montags bis freitags jeweils vier Stunden Programm.

Ehrenamtliche durften nicht in die Hangars

In den nächsten Tagen sollen die ehrenamtlichen Helfer von der Initiative "Tempelhof hilft" Zugang zu den Hangars bekommen. Einige von ihnen hatten sich gegenüber dem rbb beschwert, dass sie von Tamaja ausgeschlossen wurden und dass der Betreiber sich nicht helfen lassen wolle.

Noch immer fahren die Busse zum Duschen

Die ersten der 150 bestellten Dusch- und Waschcontainer wurden inzwischen angeliefert. Sie stehen allerdings noch unangeschlossen in den Hangars herum. Noch müssen die Flüchtlinge zum Duschen mit Shuttle-Bussen ins Schwimmbad am Sachsendamm fahren, gut drei Kilometer entfernt.

Zwar tut sich vieles, dennoch beklagen sich die meisten Flüchtlinge. Muammar, 27, aus Syrien, sagt, dass er seit zwölf Tagen nicht geduscht hat. "Ich gehe in andere Flüchtlingsheime, zu Verwandten und Bekannten, um dort zu duschen. Das mit den Shuttle-Bussen klappt nicht. Sie fahren unregelmäßig und es gibt es zu wenige Plätze in den Bussen."

Klagen über die Security

Muammar beklagt sich auch über die Sicherheitsmitarbeiter, die seiner Meinung nach unfreundlich und aggressiv sind. Er führt das auf ihre arabische Herkunft zurück. Ahmad, 19, aus Afghanistan, stimmt ihm zu. Er habe beobachtet, dass Flüchtlingen der Zugang zu den Dusch-Shuttle-Bussen verwehrt wurde, dabei hätten die Sicherheitsmitarbeiter einige Männer geschubst. Serzhan, 21, aus dem Irak, klagt, dass er in den Hangars schlecht schlafen kann: Zwölf Menschen pro Zelt oder Koje, also auf 25 Quadratmetern, das sei einfach zu eng.

"Generell ist die Stimmung gereizt"

Notunterkunft-Betreiber Elias sagt, dass er um eine bessere Stimmung bemüht ist. Nach der Schlägerei an der Essensausgabe seien die Essenszeiten verlängert worden. Es habe Gesprächsrunden und sogar Konzerte und Singabende gegeben, um das Gemeinschaftsgefühl zu verbessern.

Elias betont, dass nur wenige Flüchtlinge richtig problematisch seien. "Die Auseinandersetzung fand in einem von drei Hangars statt und letztendlich waren nur 20 bis 25 von 800 Flüchtlingen direkt daran beteiligt. Generell ist die Stimmung überall gereizt, weil die Menschen in Notsituationen sind. Für Spannungen sorgen allein schon die Fragen nach der Registrierung und der Perspektive. Glücklicherweise sind jetzt fast alle unsere Flüchtlinge registriert."

Bis zum Jahresende 4200 Flüchtlinge in den Hangars

Eine bessere Stimmung in den Hangars ist dringend notwendig. Denn schon bald gibt es die nächste Bewährungsprobe für Elias. Der Senat will bis Jahresende drei weitere Hangars belegen: Dann werden in den Hallen statt 2200 über 4200 Flüchtlinge wohnen.

Probleme bei Flüchtlingsversorgung in Berlin
tagesschau 20:00 Uhr, 10.12.2015, Tina Rohowski, RBB

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