Eine weibliche Teilnehmerin trägt bei einer Veranstaltung der NPD im schleswig-holsteinischen Neumünster ein T-Shirt mit der Aufschrift Nazi Braut | Bildquelle: picture alliance / dpa

Frauen im Rechtsextremismus Freundlich, unauffällig und unterschätzt

Stand: 06.05.2014 11:11 Uhr

Rechtsextreme Frauen inszenieren sich als Heimchen am Herd und als unwissende Mitläuferinnen. Doch ihre Rolle wird laut einer Studie der Amadeu Antonio Stiftung unterschätzt. Besonders augenfällig wird das am Beispiel Beate Zschäpes.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Bei einer Hausdurchsuchung im Jahr 1998 wurden bei Beate Zschäpe folgende Gegenstände gefunden: eine Steinschleuder, ein Wurfstern, eine Armbrust mit Pfeilen, eine CO2-Pistole, ein Luftgewehr, ein Messer und ein Wurfanker mit Seil. Diese Waffen waren nicht etwa versteckt in einem Schrank, sondern hingen wie Trophäen an der Wand. Ihrer Gaspistole soll Zschäpe gar einen Kosenamen gegeben haben: "Walli".

"Obwohl dieser Waffenfund im NSU-Prozess eine Rolle spielte, wurde er von den Medien kaum thematisiert", sagt die Anwältin der Nebenklage Antonia von der Behrens. Im Gegenteil: In den ersten Tagen und Wochen des Prozesses, der heute vor einem Jahr begann, sei Zschäpe von namhaften Medien voreilig als "Mitläuferin" und als "unpolitisch" charakterisiert worden; der Fokus der Berichterstattung habe auf dem Liebesleben Zschäpes mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gelegen.

Zahl rechtsextremer Frauen gestiegen

Haben Journalisten nicht auf Zschäpes Vergangenheit in der organisierten rechtsextremen Szene geschaut? Warum wurde ihre Gewaltbereitschaft nicht erkannt? Zwei gewalttätige Übergriffe von ihr sind aktenkundig.

Auf diese und andere Fragen, versucht die Studie "Rechtsextreme Frauen - übersehen und unterschätzt" der Amadeu Antonio Stiftung Antworten zu geben. Ein Jahr lang haben Experten die Rolle von Frauen in der rechten Szene untersucht und daraus Handlungsempfehlungen abgeleitet.

Denn rechtsextreme Frauen wurden und werden von Polizei, Justiz, Medien und der Zivilgesellschaft übersehen, sagen die Autoren der Analyse. Dabei käme Frauen längst eine Schlüsselrolle in der Szene zu. Sie seien radikaler und aktiver geworden und ihre Zahl sei in den vergangenen 20 Jahren gestiegen. Doch Frauen werden immer noch nach Stereotypen beurteilt. Sie gelten als friedliebend, unpolitisch und eher passiv. Gewalttaten oder eine menschenfeindliche Gesinnung traut man ihnen oft nicht zu.

Frauen in terroristische Anschläge verwickelt

Diese verzerrte Wahrnehmung hat Geschichte: Auch bei der Aufarbeitung des Nationalsozialismus dauerte es Jahrzehnte, bis in der Forschung anerkannt wurde, dass Frauen durch ihr Wirken im alltäglichen Bereich aktiv zu den NS-Verbrechen beigetragen hatten.

Anhand zahlreicher Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart untermauert die Studie, wie sehr rechtsextreme Frauen unterschätzt wurden und werden. Bei terroristischen Anschlägen mit rassistischem oder antisemitischem Hintergrund in den 1980er-Jahren seien trotz zahlreicher Indizien auf eine Verwicklung nie Frauen wegen einer Mittäterschaft verurteilt worden.

Nur "die Freundin von ..."

Gleiches gilt für den NSU-Prozess: "Hätten die Sicherheitsbehörden genauer hingeschaut und rechtsextreme Frauen nicht als 'Freundin von' oder als irrelevant abgetan, hätte der NSU früher oder überhaupt aufgedeckt werden können", sagt Heike Radvan von der Fachstelle Gender und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung.

In Dresden ziehen Sympathisanten und Mitglieder der NPD mit schwarz-weiß-roten Fahnen und Tranparentendurch die Straßen | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Frauen bei Rasterfahndung zu den Ceska-Morden kurzerhand ausgeklammert

Im Jahr 2006 verstrickte sich Zschäpe bei Ermittlungen wegen eines Wasserrohrbruchs in einer Nachbarwohnung in massive Widersprüche. Im Haus war sie zudem unter einem anderen Namen bekannt als auf ihrem Ausweis vermerkt. Dennoch konnte sie die Polizeidirektion unbehelligt verlassen. Wäre Zschäpe ein Mann gewesen, womöglich mit Migrationshintergrund, wäre sie wahrscheinlich enttarnt worden, legt die Studie nahe.

Rasterfahndung schließt Frauen einfach aus

Bei einer Rasterfahdung 2007 im Raum Nürnberg ging die Polizei kurzzeitig der These nach, die Ceska-Morde könnten rassistisch motiviert sein. Mögliche Kontaktpersonen der Schützen sollten durch die Fahndung gefunden werden. Auf einer Liste mit 600 rechtsextremistischen Personen standen zunächst auch Frauen. "Kurz darauf präzisierten die Ermittler der Soko "Bosporus" das Raster und strichen alle Frauen von der Liste, weil man offenbar annahm, sie könnten mit der Tat nichts zu tun haben", sagt Ulrich Overdieck, der den NSU-Prozess als Rechtsextremismus-Experte beobachtet.

Wieder eine verpasste Chance, dem NSU auf die Spur zu kommen: Denn auf der Liste stand die später im NSU-Prozess befragte Zeugin Mandy S., eine NSU-Unterstützerin der ersten Stunde.

Zeuginnen im NSU-Prozess stellen sich dumm

Und auch bei der Befragung der Zeuginnen im NSU-Prozess setze sich dieses Muster fort, analysiert von der Behrens. "Sie täuschen gezielt Erinnerungslücken vor und zeichnen von sich das Bild einer naiven Mitläuferin, die von nichts wusste." Juliane W., eine Ex-Freundin von Ralf Wohlleben, habe sich selbst an markanteste Ereignisse, wie den Verrat ihres Freundes beim Verfassungsschutz, nicht mehr erinnern wollen.

Wenn Fragen sie in die Enge trieben, sei sie "pampig" geworden oder habe "ein Tränchen abgedrückt". "Das passte überhaupt nicht zu ihrem ansonsten selbstbewussten Auftreten im Prozess, wo sie einer Reihe von Juristen immer wieder widersprach", sagt von der Behrens. Doch am Ende sei sie mit dieser Strategie durchgekommen, die Nebenklage musste sich in ihren Fragen beschränken. "Das war ein sehr frustrierendes Erlebnis für uns", sagt von der Behrens.

Rechtsextreme Frauen unterwandern Alltagskultur

Die Unterschätzung von Frauen im rechten Milieu birgt große Gefahren. Denn rechtsextreme Frauen unterwandern heute strategisch die demokratische Alltagskultur, sagen die Experten: Sie engagieren sich als zupackende Elternvertreterinnen und hilfsbereite Nachbarinnen, ergreifen gezielt Berufe im sozialen und pädagogischen Bereich - und bleiben meist unerkannt.

Und das obwohl sie immer häufiger auch offen in Erscheinung treten, als Liedermacherinnen, Kaderfrauen, Kommunalpolitikerinnen oder auch als gewaltbereite Anti-Antifa-Aktivistinnen. Zwar würden laut einer Erhebung der Genderwissenschaftlerin Renate Bitzan nur 10 Prozent der Gewaltstraftaten von Frauen begangen. Bei rassistischen und menschenfeindlichen Einstellungen gebe es jedoch keinen Unterschied zu Männern.

Ausstiegsprogramme speziell für Frauen nötig

Die Autoren der Studie fordern daher eine Sensibilisierung in allen gesellschaftlichen Bereichen: Coachings in Schulen, Kindergärten und Sportvereinen, damit Kolleginnen und Ehrenamtliche mit rechter Gesinnung künftig erkannt werden sowie eine differenzierte Medienberichterstattung und Fortbildungen für Polizisten und Sicherheitsbehörden.

Außerdem brauche es dringend Ausstiegsprogramme, die speziell auf die Bedürfnisse von Frauen und deren Kinder zugeschnitten sind. "Die gibt es bislang nicht, weil Frauen schnell als Aussteigerinnen angesehen werden, wenn sie ihren rechtsextremen Freund nicht mehr haben oder ein Kind bekommen", sagt Antonia von der Behrens. "Aber Mutterschaft schützt nicht vor rechter Ideologie."

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