An einem Stand werden Korane verkauft | Bildquelle: WDR / Sven Simon

Ramadan in Dortmund Zwischen Kultur und Kommerz

Stand: 26.05.2017 17:02 Uhr

Haare entfernen, Würstchen essen, Lammfellmützen kaufen - in Dortmund startet das größte Ramadan-Fest Europas mit vielen Attraktionen. Dreißig Tage lang können Muslime und Nichtmuslime hier abends gemeinsam essen, trinken und shoppen.

Von Alena Jabarine, WDR

Fatih Ilhan eilt an weißen Zelten vorbei mit dem Telefon am Ohr, in der Hand hält er eine Zigarette. Es riecht nach Grill, im Hintergrund befestigen Männer mit einem Gabelstapler ein großes Transparent mit Moschee-Motiv. Der Dortmunder mit türkischen Wurzeln hat viel zu tun, denn er ist der Veranstalter des größten Ramadan-Festes Europas, wie er stolz verkündet, und das schon im sechsten Jahr in Folge.

Gäste aus ganz Europa werden erwartet

Vor einer halben Stunde hat das Fest seine Tore geöffnet, noch ist es nicht zum Leben erwacht. "Richtig voll wird es hier ab Samstag, wenn das Fasten beginnt", prognostiziert Ilhan und bleibt an einem roten Wagen stehen, an dem ein Jugendlicher "osmanische Würstchen" verkauft. In den vergangenen Jahren seien Gäste nicht nur aus ganz Deutschland, sondern auch aus Holland, Belgien und Österreich angereist.

Ein Stand auf dem Dortmunder Ramandan-Fest, der Gegrilltes anbietet | Bildquelle: WDR / Sven Simon
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An vierzig Essensständen gibt es kulinarische Spezialitäten, zumeist türkisch.

Veranstalter Fatih Ilhan bespricht sich mit dem Sicherheitspersonal. | Bildquelle: WDR / Sven Simon
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Veranstalter Fatih Ilhan bespricht sich mit dem Sicherheitspersonal.

Insgesamt werden in den kommenden vier Wochen mehr als 200.000 Besucher erwartet, eine logistische Herausforderung. "2012 hatten wir noch kein Verkehrskonzept", erzählt Ilhan, "das gab ein Riesenchaos in der Stadt." In diesem Jahr aber sorge ein ausgeklügelter Plan für minimale Einschränkungen für die Anwohner. Besucher würden mit Shuttlebussen von dem etwas abgelegenen Parkplatz zum Veranstaltungsort gefahren.

Viel Vergnügen, wenig Tradition

Ilhan schlendert weiter über sein Festgelände, vorbei an noch leeren Zelten, in denen eigens angereiste türkische Sterneköche die Fastenden bekochen werden. Inspiriert sei die Veranstaltung von traditionellen Ramadan-Festen in Istanbul, sagt Ilhan, auf denen seit Jahrhunderten Menschen aller Kulturen zusammenkämen. Auch die Aussteller auf seinem Fest sollten die kulturelle Vielfalt der Türkei widerspiegeln.

Kalligraphie-Stand von Ali Kahara | Bildquelle: WDR / Sven Simon
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Ali Kahara ist traditioneller türkischer Kalligraph. Auf dem "Festi Ramazan" kriege er Heimatgefühle, erzählt er.

Ein Mann verkauft osmanische Lammfellmützen | Bildquelle: WDR / Sven Simon
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Hakan Secgin ist aus Solingen angereist, um traditionelle osmanische Lammfellmützen zu verkaufen.

Tatsächlich wirkt die ganze Veranstaltung eher kommerziell. Traditionelles Handwerk, wie den Kalligraphie-Stand von Ali Kahara, findet man eingereiht zwischen Ständen von Tupperware, dem türkischen Mobilfunkanbieter Turkcell und Reiseveranstaltern.

Das sei schade, findet Hakan Secgin aus Solingen, der zum ersten Mal am "Festi Ramazan" teilnimmt und hier unter anderem traditionelle osmanische Lammfellmützen verkauft. Ein absolutes "Must Have" in diesem Jahr, sagt der Mann und erklärt die alt-osmanischen Symbole auf seinen selbst hergestellten Lederarmbändern.

Auf Kundenfang für permanente Haarentfernung

Eine Frau verkauft Produkte zur Haarentfernung | Bildquelle: WDR / Sven Simon
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Die Dortmunderin Necla Kaya ist schon seit vielen Jahren auf dem Fest vertreten und freut sich auf neue Kundschaft.

Direkt gegenüber bewirbt Necla Kaya, eine modern gekleidete Frau Mitte vierzig, ihre Haarentfernungsmethode per Laser. Auch Kaya ist bereits seit mehreren Jahren auf dem "Festi Ramazan" vertreten, für sie ein lukratives Geschäft. "Die Haarentfernung per Laser dauert etwa ein Jahr", sagt Kaya. Auf dem Ramadan-Fest in Dortmund könne sie jedes Jahr neue Kundschaft gewinnen, bis zum nächsten Jahr sei diese dann haarfrei. Mehr als die Hälfte ihrer Kundinnen akquiriere sie hier.

Wie im Türkeiurlaub

Kultur erlebt man auf dem "Festi Ramazan" in Form der türkischen Küche, Politik und Religion scheinen eine nur marginale Rolle zu spielen. Hier und da weht mal eine türkische Fahne, an einem großen Stand verkauft ein junger Mann Korane in zahlreichen Ausgaben. Auch Alkohol gibt es selbstverständlich nicht.

Ein Schild mit der Aufschrift ''Festi Ramazan'' | Bildquelle: WDR / Sven Simon
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Das Festi Ramazan findet dieses Jahr zum sechsten Mal in Dortmund statt.

An einem Stand wird Obst verkauft | Bildquelle: WDR / Sven Simon
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150 Verkaufsstände sind auf dem Festi Ramazan vertreten, einige Verkäufer sind extra aus dem Ausland angereist.

Vielmehr vermittelt das "Festi Ramazan" aber den Eindruck eines türkischen Jahrmarktes, der vor allem junge Leute anzieht. "Wir fühlen uns hier wie im Türkeiurlaub", sagt Semra, eine blonde, tätowierte Gelsenkirchenerin, die mit ihren beiden Freundinnen neben einer Plastikpalme Shisha raucht. Die Freundinnen nicken und lackieren sich die Nägel.

Die Ankündigung des Veranstalters, die "Hoffnungen und Sehnsüchte Anatoliens" würden auf dem "Festi Ramazan" in Dortmund erstrahlen, ist da wohl etwas zu weit gegriffen.

Als die Sonne am ersten Abend des Dortmunder Ramadan-Festes untergeht, lässt sich nur erahnen, was hier im kommenden Monat los sein wird. Anders als heute wird dann bis Sonnenuntergang weder gegessen, noch getrunken, noch geraucht - aber vermutlich viel geshoppt.

Über dieses Thema berichteten am 26. Mai 2017 Deutschlandfunk Nova um 08:10 Uhr und NDR 90,3 Aktuell um 13:00 Uhr.

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