Das Bild zeigt eine junge Frau, die erschöpft und niedergeschlagen auf dem Boden ihrer leeren Wohnung sitzt. | Bildquelle: picture alliance / JOKER

Psychotherapie für gesetzlich Versicherte 20 Wochen bis zum Termin

Stand: 10.04.2018 06:00 Uhr

Ein Jahr nach der Reform der Psychotherapieversorgung müssen Patienten immer noch lange auf den Beginn ihrer ambulanten Behandlung bei Kassentherapeuten warten.

Von Linda Luft und Elisabeth Weydt, NDR

Patientinnen und Patienten in Deutschland müssen durchschnittlich 20 Wochen auf den Beginn ihrer ambulanten Behandlung bei Kassentherapeuten warten - obwohl bereits vor einem Jahr die Psychotherapieversorgung reformiert wurde. Das geht aus einer bisher unveröffentlichten Umfrage der Bundespsychotherapeutenkammer hervor, die dem NDR vorliegt.

Die Wartezeit von der ersten Anfrage bis zum Beginn der eigentlichen Behandlung ist seit der letzten Erhebung 2011 nur leicht zurückgegangen, von 23,4 Wochen auf jetzt 19,9 Wochen. Das sei unzumutbar, sagte Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer dem Radioprogramm NDR Info und dem NDR Fernsehmagazin Panorama 3. "Das bedeutet für die Patienten eine zusätzliche Belastung. Das heißt die Krankheit kann chronifizieren, kann heftiger, kann schlimmer werden."

Monate des Herumtelefonierens

In ihrem Auto hat Anja, die eigentlich anders heißt, keine Angst. Sie fährt zur Therapie in die Hamburger Innenstadt. Der Innenraum ihres Autos ist einer der wenigen Orte, an denen sie sich sicher fühlt, wie sie sagt. Anja ist 24, seit ihrem elften Lebensjahr hat sie Depressionen und Angstzustände. Immer wieder war sie in Therapie.

Für die aktuelle Behandlung hat sie ein halbes Jahr gekämpft, viel herumtelefoniert. "Wenn man dann die ersten Telefonate geführt hat und nur Absagen bekommt, also nur zu hören kriegt, es sei gar nichts frei, oder es gibt nur eine Warteliste von eineinhalb Jahren, das ist schon sehr frustrierend und beängstigend." Sie schluckt, überlegt kurz. "Man darf sowas ja nicht sagen, aber wenn ich alleine gewesen wäre, dann wär ich nicht mehr. Das hätte ich nicht ausgehalten." Ihre Familie hat sie unterstützt und ist auch jetzt für sie da.

Als Ursache für lange Wartezeiten sieht die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) eine veraltete Bedarfsplanung, die zuletzt 1999 aktualisiert wurde. Um eine ausreichende Versorgung der Patienten zu gewährleisten, fehlen nach Meinung der BPtK bundesweit 7.000 Kassensitze für Psychotherapeuten. Der Gesetzgeber hatte einen überarbeiteten Bedarfsplan bis Anfang 2017 gefordert. Der dafür zuständige Gemeinsame Bundesausschuss, in dem u. a. Psychotherapeuten und Krankenkassen vertreten sind, sagte auf NDR-Anfrage, aktuell werde ein Gutachten erstellt. Die neue Bedarfsplanung solle ab 2019 gelten.

Einladen, diagnostizieren, wegschicken

Die Strukturreform der psychotherapeutischen Versorgung, die zum 1. April 2017 in Kraft getreten ist, soll Patienten den Zugang zur Behandlung erleichtern. Seitdem können Menschen in psychischen Krisen - auch auf Vermittlung von Terminservicestellen - schneller ein Erstgespräch bei einem Therapeuten führen und in akuten Fällen rascher behandelt werden. Bis allerdings eine ambulante Regeltherapie beginnt, vergehen immer noch mehrere Monate.

Auf einem Überweisungs-/Abrechnungsschein eines Arztes in Berlin steht der Hinweis ''Psychotherapie'' | Bildquelle: picture-alliance/ ZB
galerie

Verschrieben allein reicht nicht - es fehlt an Terminen.

Die neuen Erstgespräche belegten Termine, die früher für die Behandlung genutzt werden konnte, sagen Psychotherapeuten wie Simone Bernard im niedersächsischen Stuhr. Ihre Warteliste reiche schon weit ins nächste Jahr hinein. "Das Problematische ist, dass wir Patienten einladen, diagnostizieren und dann wieder wegschicken müssen, weil wir sie nicht ambulant in die Therapie aufnehmen können."

Sie sage das den Patienten schon gleich am Telefon, wenn diese um einen Termin bitten. "Und die Patienten kommen dann aber trotzdem, weil sie eben Bedarf haben, Leidensdruck haben. Aber dann entlässt man sie wieder ins Nirwana."

Versicherungen erstatten ungern

Melanie, die eigentlich anders heißt, konnte und wollte nicht so lange warten. Ihre Diagnose: Bipolare Störung. Das heißt, sie ist manchmal sehr depressiv und manchmal sehr überschwänglich und leichtsinnig. Auch sie fand lange keinen Therapeuten mit Kassensitz. "Und ich wusste in dem Moment, ich brauche Hilfe."

Sie fand eine Therapeutin ohne Kassensitz in Hamburg. Eine solche Therapie kann man sich von der Versicherung erstatten lassen. Doch Melanies Kasse wollte die Kosten nicht übernehmen.  Also zahlt sie nun selbst und hat die ersten fünf Monate sogar mit einem zusätzlichen Nebenjob finanziert.

Ein Mann sitzt in Frankfurt am Main auf einem Sessel und unterhält sich mit seiner Psychotherapeutin | Bildquelle: picture alliance / dpa Themendie
galerie

Patienten fühlen sich als "Menschen zweiter Klasse"

Es mache sie sehr wütend und auch traurig, dass ihr Kostenerstattungsantrag abgelehnt wurde. "Man fühlt sich dann sehr allein gelassen und auch ein bisschen abgeschoben und ein bisschen wie ein Mensch zweiter Klasse, was ja eh ein Problem ist, wenn man so mit einer psychischen Krankheiten rumläuft."

Mehr abgelehnte Anträge

Die Kassen sind bei diesem sogenannten Kostenerstattungsverfahren neuerdings offenbar restriktiver. Nach einer weiteren noch unveröffentlichten Umfrage mehrerer Landespsychotherapeutenkammern wird aktuell etwa jeder zweite dieser Anträge abgelehnt, 2016 war es nur jeder Fünfte.

Das kann auch Melanies Psychotherapeutin bestätigen: "Ich muss immer mehr Patienten ablehnen", sagt Stefani La Roche, "weil ich genau weiß, es würde einen Papierkrieg mit der Krankenkasse geben. Das ist für viele Patienten gar nicht trag- und zumutbar." Vor der Reform im vergangenen Jahr seien alle ihre Anträge genehmigt worden, jetzt durchschnittlich nur noch jeder Dritte. "Ich habe regelrecht Existenzangst."

Dass Krankenkassen nun deutlich häufiger die Erstattung von Behandlungen bei privaten Psychotherapeuten ablehnen, begründen sie laut den befragten Mitgliedern der Landespsychotherapeutenkammern häufig pauschal damit, dass mit den neuen Terminservicestellen nun alle Patienten versorgt bzw. genügend Kassenpraxen vorhanden seien.

"Das ergibt null Sinn"

In Ablehnungsschreiben, die dem NDR vorliegen, wird auch fälschlich behauptet, eine Kostenerstattung sei nicht mehr erlaubt. Dabei hat sich an den Regelungen der Erstattung durch die Reform nichts geändert.

Der NDR hat die vier größten deutschen Krankenkassen dazu angefragt. TK, Barmer und AOK-Bundesverband gaben an, Zahlen zur Ablehnungsquote lägen nicht vor. Die DAK schrieb, sie könne nicht beobachten, dass die Zahl der Bewilligungen zurückgegangen sei. Außerdem erklärten die Kassen, sie lehnten Anträge auf Kostenerstattung nicht pauschal ab. 

In Melanies Ablehnungsschreiben hieß es unter anderem, ihre Therapeutin sei nicht berechtigt mit dem Kostenerstattungsverfahren zu arbeiten, obwohl sie genau das mit anderen Patienten tut. Melanie kann das nicht nachvollziehen. "Es ist super absurd und es ergibt null Sinn."

Sie hat nun Beschwerde beim Bundesversicherungsamt eingelegt.

In der Warteschleife: Deutschland braucht mehr Psychotherapie
Christian Erll, DLF
10.04.2018 07:43 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. April 2018 um 18:40 Uhr.

Darstellung: