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23.02.2012

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Presseschau zum Papstbesuch: "Der große Papst-Kater"
Presseschau zum Papstbesuch

"Der große Papst-Kater"

Der Abschluss des Papst-Besuches in Deutschland bestimmt heute die Meinungsseiten der Zeitungen. Das Fazit, das die Kommentatoren ziehen, ist größtenteils ernüchtert.

Papst Benedikt XVI. in Freiburg (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: "Der Papst stellt sich taub", meint der "Mannheimer Morgen". ]
"Längst befindet sich ein beträchtlicher Teil der Katholiken in Deutschland in der inneren Immigration", schreibt der "Donaukurier". "Sie fühlen sich als Teil der Kirche Christi, aber längst nicht mehr von allen Bischöfen und schon gar nicht mehr vom Papst vertreten. Für sie ist der Umgang der Kirche mit den Missbrauchsfällen eine persönliche Qual, für sie geht die theologische Auseinandersetzung um das gemeinsame Abendmahl mit den evangelischen Schwestern und Brüdern und um die Rolle der Frau an der Wirklichkeit vorbei. Vor diesem Hintergrund hat Benedikt durchaus recht: Die größte Gefahr droht der Kirche, wie er sie sich vorstellt, von innen."

Für den "Mannheimer Morgen" steht zu befürchten, dass weiterhin alles bleibt, wie es ist: "Dabei hat der Papst in seiner vielgelobten Bundestagsrede den 'Schrei nach frischer Luft' gewürdigt, dem die Umwelt-Bewegung in Deutschland Gehör verschafft habe. Dieser Schrei ertönt auch innerhalb seiner Kirche, doch Benedikt stellt sich taub. Für die Katholiken verbindet sich damit keine Zukunft."

"Klare Absage an reformwillige Katholiken"

Auch die "Main-Post" sieht den Blick des Papstes eher rückwärts gewandt. "Das Motto der Reise 'Wo Gott ist, da ist Zukunft' hat er ausschließlich aus konservativer Sicht beleuchtet: Kritik an 'lauen Christen' und an der 'Weltlichkeit' der Kirche geübt. Am schärfsten in der Rede im Freiburger Konzerthaus. Was aber bietet die katholische Kirche denen, die die neokonservative Wende nicht anspricht? Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil geprägt sind? Die sich vor Ort engagieren und nur allzu oft sehen, wo es fehlt in den Großgemeinden? Die Reformen fordern? Ihnen hat Benedikt XVI. eine klare Absage erteilt."

"Der Papst verharrt im Unkonkreten, weil er Reformen für falsch hält", bilanzieren die "Stuttgarter Nachrichten". "Für ihn sind die evangelischen Kirchen keine vollwertigen Kirchen. Es gab bei diesem Besuch schöne Bilder und Gesten, aber kein Aufbruchsignal. Benedikt will den Katholizismus trotz Krise nicht liberalisieren. Wer auf Reformen hofft, wird weiter warten müssen - bis zum nächsten Papst, vielleicht sogar länger."

Für die "Financial Times Deutschland" ist die zentrale Botschaft Benedikt XVI.: "Steht treu an der Seite Roms". Damit aber könnten die evangelischen Christen herzlich wenig anfangen. "Der Papst hat die Distanz sogar zementiert, indem er den Wunsch nach mehr Miteinander als Missverständnis bezeichnete. Und indem er der Spitze der evangelischen Kirche vor Augen führte, dass die orthodoxe Kirche der römischen sehr viel näher steht. Theologisch mag das stimmen. Aber trotzdem werden viele Katholiken das mit Befremden zur Kenntnis nehmen."

Ein Mädchen begrüßt den Papst in seinem Papamobil auf dem Gottesdienstgelände in Freiburg (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Beim Besuch des Papstes jubelten Zehntausende dem Pontifex zu. Nun sei diese Euphorie dem Kater gewichen, meinen die "Dresdner Neuesten Nachrichten". ]

"Der Papst sucht die Abgrenzung"

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" erläutert: "Ähnlich wie seine Regensburger Rede konnte man auch seine Rede im Bundestag so lesen, dass es letztlich der Protestantismus ist, auf den die liberalen Verirrungen zurückgehen. Man mag das für unzutreffend oder eine Überschätzung des religiösen Moments halten. Aber es erklärt, warum der Papst im Verhältnis zu den evangelischen Kirchen nicht die Übereinstimmung, sondern die Abgrenzung sucht."

"Noch vor wenigen Tagen herrschte eine regelrechte Papst-Euphorie in Deutschland. Nun aber, am Ende des viertägigen Aufenthalts, macht sich allenthalben der große Papst-Kater breit", schreiben die "Dresdner Neuesten Nachrichten". "Doch die Größe der Enttäuschung bemisst sich an der Fallhöhe der Hoffnung. Der Pontifex ist nicht als Reformer angereist, sondern als Bewahrer. Wer anderes erhofft hatte, muss sich im Nachhinein Blauäugigkeit bescheinigen lassen."

Kritische Stimmen finden sich auch im Ausland. Die niederländische Zeitung "de Volkskrant" meint, der Papst habe kein Recht, Nichtgläubigen Moralvorschriften zu machen: "Seine Argumentation im Bundestag hatte einen abstrakten, rechtsphilosophischen Charakter. Doch wenn die katholische Kirche über ewige Werte redet, meint sie nur allzu oft eine Sexualmoral, die sie anderen aufzwingen will. Natürlich hat eine Kirche das Recht, Richtlinien herauszugeben, denen Gläubige sich freiwillig unterwerfen können. Aber in Westeuropa denken die meisten Menschen anders über Themen wie Schwangerschaftsabbruch, aktive Sterbehilfe und Homosexualität."

"Starke ökumenische Signale"

Nikolaus Schneider und Papst Benedikt XVI. (Foto: dapd) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Benedikt XVI. habe "gewaltige ökumenische Signale" ausgesandt, meint die "Passauer Neue Presse". ]
Eine der wenigen Stimmen, die den Papstbesuch deutlich positiv bewerten, ist die "Passauer Neue Presse". Der Papst habe starke ökumenische Signale gesetzt. "Ein ganz gewaltiges: die Anerkennung Luthers als Bruder im Gottesglauben. Und ein noch radikaleres: die wörtlich geäußerte Hoffnung, 'dass der Tag nicht zu ferne ist, an dem wir wieder gemeinsam Eucharistie feiern können' - formuliert freilich in Richtung Orthodoxie. 'Wer sind schon die Orthodoxen?', mag man da fragen. Ach, nur ein Vorbild für das, was einmal auch für Protestanten gelten kann. Die vorgefertigten Urteile über den 'Reformverweigerer' Benedikt standen wohl längst fest, als der Papst seinen Fuß auf deutschen Boden setzte."

Die Zeitung "Die Welt" hebt angesichts der Massenveranstaltungen hervor:"Viele konservative Bischöfe verachten das Kirchenvolk als lau und liberalistisch. Umgekehrt hat sich in zahlreichen Gemeinden die Haltung verfestigt, die höheren Geweihten bis hinauf zum Papst seien so kalte Knochen, dass man ihnen keine wärmeren Gefühle entgegenbringen könne. Jetzt aber, nach diesem Besuch, haben beide Seiten allen Grund, ihre eigenen Vorurteile zu überprüfen. An der Basis muss man sich sagen: Tatsächlich, der Papst mag uns, und wir mögen ihn."

Quellen: Deutschlandfunk und dpa

Stand: 26.09.2011 09:00 Uhr
 

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