Angela Merkel | Bildquelle: REUTERS

Presseschau zur Niedersachsen-Wahl "Endphase ihrer langen Spielzeit"

Stand: 16.10.2017 10:32 Uhr

In der Niederlage der CDU in Niedersachsen sehen viele Zeitungen eine Klatsche für die Kanzlerin. Ihr "dickfelliger", "buddha-gleicher" Stil sei abgestraft worden. Nun müsse eine Nachfolge-Debatte beginnen. Ist Merkel in die "Endphase ihrer langen Spielzeit eingetreten"?

Welchen Anteil hat die Bundespolitik an dem Ergebnis der Niedersachsen-Wahl? Eine Frage, die auch die Kommentatoren der Tageszeitung beschäftigt. Ihr Urteil fällt wenig schmeichelhaft für die Kanzlerin und ihren Stab aus. Die "Nordwest-Zeitung" hält das Wahlergebnis für die Fortsetzung des Niedergangs der Union. "Nach dem realitätsfernen Auftritt Peter Taubers am Sonntagabend kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man im Berliner CDU-Raumschiff noch nicht mitbekommen hat, dass die Kapelle der Titanic längst begonnen hat, den letzten Walzer zu spielen. Vier Mal war die Kanzlerin in Niedersachsen auf Wahlkampftour - gebracht hat es nichts. Im Gegenteil", schreibt die Zeitung aus Oldenburg.

"Selbst und Seehofer-Zerfleischung"

Auch im Süden Deutschlands wird der Kanzlerin eine Mitschuld am Wahlergebnis gegeben. "Merkels dickfelliger Umgang mit dem 32,9-Prozent-Schlag bei der Bundestagswahl dürfte dazu beigetragen haben, dass Althusmann einen Erfolg verpasste, der lange zum Greifen nahe schien", kommentieren die "Stuttgarter Nachricht". "Die mühsam unterdrückte Debatte in der CDU, welchen Kurs die Partei einschlagen soll und wie lange Merkel die beste Führungskraft ist, könnte nun offen ausbrechen", glaubt die Redaktion.

"Im Bund registrieren auch konservative Wähler immer noch augenreibend, wie schwer sich die Unionsparteien mit dem Schock der Bundestagswahl tun", schreiben die "Nürnberger Nachrichten". "Die CSU liefert sich eine Selbst- und Seehofer-Zerfleischung auf offener Bühne; in der CDU verzweifeln viele an Angela Merkels buddha-gleicher Gelassenheit. Binnen einer Nacht beerdigten beide Parteien den jahrelangen 'Obergrenzen'-Schein-Streit mit einem untauglichen, die Klugheit der Wähler missachtenden Kompromiss: Gut, dass sich so etwas rächt."

Debatte über Merkel-Nachfolge?

Was bedeutet das Ergebnis für die Sondierungsgespräche in Berlin? Nichts Gutes, kommentiert die "Mittelbayerische Zeitung". "Auffällig am niedersächsischen Ergebnis ist, dass ausgerechnet jene Parteien, die sich im Bund auf den Trip nach Jamaika vorbereiten, abgestraft worden sind. Auch wenn eine Landtagswahl vor allem von Landesthemen bestimmt wird, bleibt der Fingerzeig, dass eine schwarz-gelb-grüne Koalition offenbar doch nur begrenzte Begeisterung und stattdessen eher Skepsis auslöst", schreibt die Zeitung aus Regensburg.

"Während es für SPD-Chef Schulz nun zumindest eine Atempause gibt, schwächt die Klatsche von Niedersachsen die Kanzlerin erheblich - und das ausgerechnet vor den am Mittwoch beginnenden Jamaika-Gesprächen", schreibt die "Sächsische Zeitung". "Merkel steht ohnehin vor ihrem schwierigsten Koalitionsbündnis enorm unter Druck. Nach Niedersachsen muss sie nun große Überzeugungsarbeit leisten, um zunächst die Fliehkräfte in ihrer eigenen Partei zu bändigen. Nur aussitzen, reicht nicht mehr. Zudem aber wird sich die Kanzlerin auch der Debatte über ihre eigene Nachfolge nicht mehr entziehen können.

Sie bleibt unumgänglich, aber nicht unbesiegbar

Auch im Ausland ist die Situation in Berlin ein Thema. Die liberal-konservative Tageszeitung "Corriere della Sera" aus Mailand kommentiert: "Angela Merkel ist nach der Bundestagswahl am 24. September noch schwächer als gedacht. Martin Schulz und seine Sozialdemokratie sind noch nicht tot. Der Zuspruch für die Nationalisten der Alternative für Deutschland ist geringer, auch für die Liberalen und die Grünen. (...) Die Versuchung ist groß, daraus zu schließen, dass Niedersachsen die Idee einer Jamaika-Koalition im Bund ablehnt. Die Annahme wäre aber falsch. Was zurecht gesagt werden kann, ist, dass die Verhandlungen über eine neue Koalition (...) mit einer Kanzlerin in der Defensive beginnen werden: Sie bleibt unumgänglich, aber nicht unbesiegbar, wahrscheinlich ist sie in die Endphase ihrer langen Spielzeit eingetreten."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Oktober 2017 um 07:05 Uhr.

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