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Horst Köhler ist für das Repräsentieren nicht geboren. Im Amt wirkt er oft scheu und spröde. Doch ausgerechnet die Wirtschaftskrise verleiht dem Bundespräsidenten ein wenig neuen Glanz. Wofür steht dieser Mann inzwischen, der aus der nationalen und internationalen Finanzbürokratie stammt? Ein Porträt.
Von Corinna Emundts, tagesschau.de
[Bildunterschrift: Eher Macher als Repräsentant? Horst Köhler. ]
Auch wenn er sich durch die Amtszeit verändert haben mag, eines scheint er nicht mehr zu lernen: Bei seinen Auftritten wirkt Horst Köhler stets wie ein schüchterner Statist, nicht wie ein Staatsoberhaupt mit Grandezza und Sendungsbewusstein.
An einem sonnigen Maivormittag nimmt er im Garten des Schlosses Bellevue eine kleine Marschmusikparade des baden-württembergischen Spielmannszuges ab. Er steht unauffällig im grauen Anzug fast untergehend zwischen den beiden kräftig gebauten Spielmannszugsleitern, die in bunter Gardenuniform und prächtig geschmücktem Helm aus dem 19. Jahrhundert angetreten sind.
Fühlt sich Horst Köhler wohl in seiner Rolle? Man weiß es nicht so genau in diesem Moment. Der 66-jährige klatscht kurz und lächelt in die Runde: "Dankeschön - ich wünsche allerseits einen guten Morgen!".
Der amtierende Bundespräsident möchte zwar eine zweite Amtszeit erreichen. Doch überzeugt die Bilanz seiner ersten Amtszeit? Passt die Position zum Menschen Köhler? Wofür steht dieser Mann inzwischen, der aus der nationalen und internationalen Finanzbürokratie stammt?
Die Szenerie im Schlosspark erinnert an eines der historischen Ölgemälde im Innern des Berliner Präsidentensitzes, in dem ein Maler 1860 eine ähnliche Situation darstellte - nur mit echter Königsfamilie und preußischer Armee. Doch dann durchbricht Horst Köhler selbst den repräsentativ-steifen Moment.
Er bittet die Musikanten und Garden-Mitglieder zu einem Gespräch im Stehen. Das ist viel für den Präsidenten, der stets eher scheu und unsicher wirkt. "Ich will tatsächlich mit Ihnen ins Gespräch kommen", sagt er dann, als ob er sich selbst dazu animieren müsste.
Zwei, drei Sätze und Fragen folgen zunächst zur wichtigen Tradition von solchen Bürgervereinen, schnell kommt er zur Sache: "Sagen Sie mir, wie die Stimmung im Land ist, spüren Sie die Krise?" Und die Frauen und Männer, die um Köhler in Zentimeter-Entfernung herumstehen, erzählen von Sorgen des Handwerks und Mittelstandes, Kurzarbeit und neuer Arbeitslosigkeit.
Köhler nickt betroffen und verständnisvoll. Kurze Zeit später entschwindet er schnell ins Schloss. Auch hier wird man den Eindruck nicht los: Er ist erleichtert, dass der Termin mit direktem Bürger-Kontakt vorbei ist.
Köhler hat mal als Erklärung für seine hohen Popularitätswerte bei den Bürgern gesagt: "Wenn ich den Menschen begegne, geben wir uns die Hand, und ich frage sie, wie es ihnen geht und wo sie der Schuh drückt. Und dann erzählen sie es mir, und ich höre zu." Als die schwäbischen Musikanten nach ihrem Auftritt zur Schlosspforte zurückgehen, sagt ein junger Mann: "Hätte nicht gedacht, dass er uns so nahe kommt." Und "irgendwie menschlich" sei er gewesen.
[Bildunterschrift: Köhler wirkt bei seinen Auftritten oft eher wie ein Statist. ]
Sein Vorgänger Johannes Rau (SPD) konnte als Ministerpräsident die Landesvater-Rolle üben, die er in Bellevue zum "Bundesvater" transformierte. Er versprühte die heitere Gelassenheit von einem am Ziel seiner Wünsche. Bei Köhler ist das Amt eher Pflicht und Aufgabe geblieben und er ein Präsident des Einerseits-Andererseits: Er wirkt menschenscheu und will doch eine Art Bürgerpräsident sein - lieber als zur politischen Klasse zu gehören, die er häufig eine leicht arrogante Verachtung spüren lässt.
Köhler wollte einerseits unbequem sein gegenüber der Politik und ist doch andererseits meist unglaublich pflichtbewusst und brav. Er ist offenkundig keiner, der das Repräsentieren und den dazugehörigen Pomp liebt - aber es ist ihm selbst beim Auftritt vor einer kleinen Journalistengruppe bei einer Auslandsreise wichtig, dass sie sich von den Stühlen erhebt, sobald er den Raum zur Pressekonferenz betritt.
[Bildunterschrift: Berliner Rede '09: Bittere Analysen eines Ökonomen, der selbst lange im Finanzsektor tätig war. ]
Heute - nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte - kritisiert Köhler den "Casino-Kapitalismus" und fordert eine "grundlegende Reform der Weltwirtschaft". Seine wichtigste Rede des Jahres - die "Berliner Rede" - widmete er ganz dem Thema und der Forderung nach einer humanen Gesellschaft, so dass die anwesenden Kirchenvertreter danach ganz beglückt wirkten.
Vor zwei Jahren noch sprach er noch weitaus vorsichtiger, auch wenn der ehemalige Generaldirektor des Internationalen Währungsfonds und Finanzstaatssekretär der Kohl-Regierung sicher aus eigener Anschauung heraus 2007 schon die richtigen Fragen stellte: "Wo liegen die Risiken der Märkte? Wie können sie beherrschbar bleiben? Wer trägt im Falle einer Krise letztendlich die Kosten?"
Geradezu kurios am Verlauf seiner ersten Amtszeit ist, dass die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise diesem Mann im Amt eine neue Gravität verleiht. Denn, dass ihn die Krise und seine früheren operativen Funktionen sehr beschäftigen, ist offenkundig. Es war ihm ein großes Anliegen in der Zeit der Redevorbereitung, seine aktuelle "Berliner Rede" mit der Geschichte seines eigenen Scheiterns beim IWF zu beginnen. Das heißt, seine Beteiligung am Finanzsystem nicht zu verschweigen. Horst Köhler ist ein Zweifler, Haderer und Kritiker - auch im Umgang mit sich selbst.
Dem "Zeit"-Autor Matthias Naß gegenüber äußerte er kürzlich derart offen seine Selbstzweifel - ob er mit seinen Reden überhaupt durchdringe -, dass dieser nach einem Gespräch mit Köhler schrieb: "Eigentlich, wenn man genau hinhört, meint man ihn fragen zu hören: Ist dies, so wie ich nun einmal gestrickt bin, die richtige Aufgabe für mich?" Klar ist, dass sich mit schönen Worten im höchsten Staatsamt operativ wenig bewirken lässt. Vielleicht säße der Tatmensch Köhler jetzt in der Zeit des Wandels lieber dem IWF vor, um ihn umgestalten zu können.
[Bildunterschrift: Seine Agenda: Afrika aus der Vergessenheit holen. ]
Er hätte nicht für eine zweite Amtszeit antreten müssen. Doch der Ehrgeiz des Menschen Köhler scheint stärker als der Zweifel. Auch wenn die Öffentlichkeit dies kaum zur Kenntnis nimmt und die Politik auf Distanz zu ihm bleibt: Der eher unscheinbare Mann hat eine Agenda, die ihm wichtig scheint. "Am Schicksal Afrikas entscheidet sich die Menschlichkeit unserer Welt"- sagt er oft. Dem Kontinent wollte er seine Amtszeit widmen.
Für die demokratischen Vertreter Afrikas, die er im April erst wieder in Bellevue empfangen hat, ist Köhler deswegen ein Freund. Ein knappes Dutzend Schwarzafrika-Staatsbesuche hat er unternommen, die Bundeskanzlerin in fast so langer Amtszeit gerade mal eine. Aber was konnte Köhler damit letztendlich bewirken, wenn sich nicht einmal die deutsche Politik für seine Botschaften interessiert?
Diese Frage hat er sich vermutlich auch schon gestellt.

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