Bundestag wählt Roland Jahn Der neue Herr der Stasi-Akten

Stand: 28.01.2011 11:33 Uhr

In Ketten ließ die DDR-Führung ihn in den Westen verfrachten - und wurde ihn doch nicht los: Auch nach seiner Ausbürgerung berichtete Roland Jahn als Journalist über die Strukturen der Staatssicherheit in der DDR. Ab März wird er Chef der Stasi-Unterlagenbehörde. Mit großer Mehrheit sprachen sich die Mitglieder des Bundestages für ihn aus.

Von Ulrike Bosse, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Zu DDR-Zeiten war Roland Jahn einer der bekanntesten Oppositionellen. Er habe Gerechtigkeit angestrebt, sagt er. Um ihn selbst sei es nicht gegangen. Dabei hätte der 1953 in Jena geborene Jahn allen Grund gehabt, Gerechtigkeit zu suchen für die Eingriffe der DDR-Staatsorgane in seine Biografie. Als Student der Wirtschaftswissenschaften wurde er der Uni verwiesen, weil er gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte.

Doch als Transportarbeiter bei Zeiss Jena "bewährte" sich Jahn nicht im Sinne des Systems, sondern als Oppositioneller: "Ich habe das, was eigentlich mein Anliegen war, nach der Arbeit gemacht", sagt er, nämlich Informationen zu sammeln, weiter zu verbreiten und sich mit Freunden gemeinsam über die politische Entwicklung in der DDR auseinander zu setzen.

Mit satirischer Kritik gegen die Regierung

Ein Mitarbeiter der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen vor einem Regal (Archivfoto von 2001). | Bildquelle: dpa
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Zukünftig wird Jahn für die Aufarbeitung der Stasi-Akten zuständig sein.

Einen "DDR-Satiriker" nannte ihn das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", weil er bei einer 1. Mai-Demonstration mit einem weißen Plakat auftrat, da ihm die freie Meinungsäußerung verboten war. Oder weil er Postkarten mit Fotos von sich selbst verschickte, auf denen eine Gesichtshälfte als Hitler und die andere als Stalin geschminkt war. Oder mit einer Flagge am Fahrrad für die polnische Gewerkschaftsbewegung "Solidarnosc" demonstrierte. Die Stasi sah das wenig gelassen. Sie observierte ihn als "feindlich-negative" Person und steckte ihn ins Gefängnis.

Auf Druck aus dem Westen kam er vorzeitig frei, doch gefügig wurde er nicht. Er wollte nicht weggehen, sondern die Zustände dort verändern, sagt er. Weil er nicht wollte, musste er gehen: Gefesselt wurde er in ein verriegeltes Abteil des Interzonen-Zuges gesetzt und abgeschoben. Doch Jahn verstummte auch im Westen nicht. Als Journalist versuchte er, unter anderem im ARD-Magazin "Kontraste", der DDR-Opposition eine Stimme zu geben: "Ich habe angefangen, Videokameras in die DDR zu schleusen", erinnert er sich. "Dort haben Freunde gefilmt und Bilder gemacht von den Zuständen in der DDR. Und das haben wir dann in "Kontraste" gesendet, und so kam sozusagen die Wirklichkeit der DDR in die Wohnzimmer der DDR-Bürger."

DDR-Kritik auch nach der Ausweisung

Die Stasi beobachtete ihn auch nach seiner Ausweisung weiter. Nach dem Mauerfall recherchierte Jahn seinerseits über die Stasi. Nicht nur im eigenen Interesse, wie er sagt: "Ich hab immer auch die vielen Tausend Leute im Kopf gehabt, die über Jahre im Gefängnis gesessen haben und die ganz große Schwierigkeiten gehabt hatten, auf die Füße zu kommen."

Gerechtigkeit sei sein Ziel, sagt Jahn - und daran wird sich nichts ändern, wenn er Herr über die Stasi-Akten ist.

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