Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann | Bildquelle: dpa

Winfried Kretschmann im Porträt Der grüne Realist

Stand: 09.03.2016 13:33 Uhr

Fünf Jahre als erster grüner Ministerpräsident haben Winfried Kretschmanns Popularität noch gesteigert. Manchen Parteifreunden ist seine Politik nicht grün genug, sein CDU-Herausforderer wirft ihm zu viel Nähe zum Kurs von Kanzlerin Merkel vor. Ein Porträt.

Von Jenni Rieger, SWR

Er ist der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt. Der Mann mit dem ernsten Blick und den hintergründigen Sätzen. Ein Grüner, der im Schützenverein ist, ein Schwabe, der in der Bundespolitik mitmischt. Das ist Winfried Kretschmann. Seit 2011 ist er Ministerpräsident Baden-Württembergs, doch schon Jahrzehnte davor war er aus der grünen Landespolitik nicht wegzudenken.

Bereits 1980 zog er mit den Grünen in den Stuttgarter Landtag ein, als Realpolitiker mit klaren Vorstellungen, kein Idealist, eher ein Macher mit Augenmaß. Das brachte ihm Respekt ein, auch über die Grenzen der eigenen Partei hinweg. "Der könnte auch von der CDU sein", heißt es manchmal, und vielleicht hat gerade das ihn für viele wählbar gemacht, ausgerechnet in Baden-Württemberg, das jahrzehntelang fest in schwarzer Hand gewesen war.

Vom Radikalen zum Schützenkönig

Dabei sympathisierte Kretschmann als junger Mann mit dem ganz linken Rand und gab sich alles andere als bürgerlich: Als Student war er Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschlands. So fiel der Gymnasiallehrer für Chemie, Biologie und Ethik zunächst unter den Radikalenerlass. Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute ist Kretschmann Mitglied im Schützenverein und im Zentralkomitee der Katholiken. Das sei kein ideologischer Verrat, betonte er einst, sondern eine ganz natürliche Entwicklung, zumindest für ihn, der sich ungern in Schubladen stecken lässt. Auch nicht und erst recht nicht in der Politik.

Schild mit dem Namen von Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann | Bildquelle: dpa
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2011 wurde Kretschmann als erster Grünen-Politiker zum Ministerpräsidenten eines Bundeslandes gewählt.

Der Kanzlerinnenversteher

Seine Parteifreunde und Grünen-Wähler nehmen ihm dies allerdings manchmal übel: dass er beispielsweise "Stuttgart 21" nicht verhinderte oder dass Kretschmann die Balkanstaaten zu sicheren Herkunftsländern erklärte. 2014 stimmte der grüne Regierungschef dafür, dass Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Serbien künftig als sichere Herkunftsstaaten gelten - entgegen der Stimmung in seiner eigenen Partei, nicht nur auf Landes-, sondern vor allem auf Bundesebene.

Ist das noch grüne Politik, fragten Parteifreunde in Stuttgart wie in Berlin. Nein, das ist Winfried Kretschmann. Der Realpolitiker, der Wertkonservative. So konservativ, dass ihm Mitglieder der CDU neulich gar vorwarfen, Kretschmann würde die Kanzlerin "stalken", weil er ihre Politik öffentlich immer wieder lobte. "Ich bete jeden Tag für die Kanzlerin", so wird Kretschmann zitiert.

Ein Grüner auf Kuschelkurs mit der CDU? Warum nicht, so der grüne Landesvater. Warum nicht, scheint auch seine Partei zu denken, solange die Umfragewerte stimmen. Solange der Lehrer mit dem Bürstenhaarschnitt als Garant für Wählerstimmen gilt, auch für Wählerstimmen aus dem lange Zeit eher christdemokratisch geprägten Bürgertum.

Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann
tagesthemen 22:15 Uhr, 03.03.2016, Jenni Rieger, SWR

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"Auf dem Teppich bleiben"

So hält Kretschmanns Durchmarsch an. Neueste Umfragen sehen die Grünen in Baden-Württemberg bei 32 Prozent und damit vier Prozentpunkte vor ihrem stärksten politischen Gegner, der CDU. Anlass für Höhenflüge? Fehlanzeige. "Ich bleibe auf dem Teppich, auch wenn der Teppich fliegt", so ein typischer Kretschmann-Satz. Am Boden bleiben, besonnen bleiben. Abwarten, was der Wähler am 13. März will. Und dann? Sondieren.

Grünen-Spitzenkandidat Winfried Kretschmann mit dem CDU-Spitzenkandidaten Guido Wolf | Bildquelle: dpa
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CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf (r.) lehnt eine grün-schwarze Koalition unter einem Ministerpräsidenten Kretschmann ab.

Spätestens da dürfte es kompliziert werden. Denn für die Wunschkoalition Kretschmanns, Grün-Rot, dürfte es knapp werden. Die Alternative? Grün-Schwarz. Doch da sperrt sich die CDU. "Eine große Koalition unter einem grünen Ministerpräsidenten schließen wir aus", so das Mantra des CDU-Spitzenkandidaten Guido Wolf.

Welche Möglichkeiten bleiben also? Einerseits die "Deutschland-Koalition": Schwarz-Gelb-Rot. Dann wären die Grünen draußen und das trotz der Stimmenmehrheit, die sich im Vorfeld der Wahlen abzeichnet. Alternativ die "Ampel": Grüne-Gelb-Rot. Doch wird die FDP ihren Traumpartner CDU für ein solches Bündnis verraten? Fragen, die sich nach der Wahl stellen werden. Dann wird der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt sondieren. Der "Kretsch", der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands.

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