Karl Wilhelm Fricke

Preis für DDR-Aufarbeitung Der Polemik widerstanden

Stand: 15.06.2017 06:52 Uhr

Betäubt, entführt, verurteilt: Vier Jahre lang war der Journalist und Autor Karl Wilhelm Fricke in einem DDR-Gefängnis inhaftiert. Doch das schüchterte ihn nicht ein. Fricke widmete sein Leben der Aufklärung - nun wurde er dafür ausgezeichnet.

von Marie Löwenstein, ARD-Hauptstadtstudio

Auf Karl Wilhelm Frickes Schreibtisch liegt ein Schlüsselbund aus dem Stasi-Sondergefängnis Bautzen II. Dort saß er jahrelang als politisch Verfolgter des SED-Regimes ein. Der Bund - eine Leihgabe der Gedenkstätte - hat für Fricke eine besondere Symbolik: "Er bestätigt mir: Jetzt habt nicht mehr ihr die Schlüssel - ihr, die ihr uns eingesperrt habt! Jetzt haben wir sie", sagt der heute 87-Jährige.

Der Schlüssel zur Versöhnung war für Fricke stets die genaue Aufarbeitung der DDR-Verbrechen. Diesem Thema widmete der Journalist und Autor sein ganzes Leben - und war auf diesem Feld einer der Ersten. "Alles, was das Thema Opposition und Widerstand in der DDR anging, hat er über lange Jahre im Alleingang abgedeckt", sagt Jan Tilman Günther von der Stiftung Aufarbeitung.

Mit Dutzenden Veröffentlichungen, darunter sein viel beachtetes Buch "Akteneinsicht" (1996), hat Fricke gegen das Vergessen angeschrieben. Für dieses Lebenswerk wird er nun einen Preis der
Bundesstiftung Aufarbeitung erhalten, der in der Folge ihm zu Ehren "Karl-Wilhelm-Fricke-Preis" heißen soll.

Karl-Wilhelm-Fricke-Preis

Der Karl-Wilhelm-Fricke-Preis wird 2017 erstmals von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin vergeben und ist mit 20.000 Euro dotiert. Erster Preisträger ist der Namensgeber selbst. Gestiftet wurde der Preis von Burkhart Veigel, Mediziner und langjähriger Fluchthelfer für DDR-Bürger. Ausgezeichnet werden Einzelprojekte, Persönlichkeiten und Initiativen, die mit ihrem Engagement das Bewusstsein für Freiheit, Demokratie und Zivilcourage stärken. Ab 2018 soll zusätzlich ein Jugendpreis ausgelobt werden, der mit 5000 Euro dotiert sein soll.

Betäubt, entführt, verurteilt

Geboren wird Fricke 1929 in Sachsen-Anhalt. Schon früh erlebt er die Härte der kommunistischen Diktatur. Als er 16 Jahre alt ist, wird sein Vater von den sowjetischen Besatzern auf Nimmerwiedersehen abgeholt und stirbt später in der Haft. Durch diese  Unrechtserfahrung regt sich auch bei Fricke Widerstand. In seinem ersten Job wird er von einer Kollegin denunziert, er habe sich parteikritisch geäußert. Es folgt eine Festnahme. Doch er hat Glück, kann ausbrechen und über die grüne Grenze nach Westdeutschland fliehen.

Karl Wilhelm Fricke
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Als 26-Jähriger wird Karl Wilhelm Fricke in die DDR entführt. Es folgen vier Jahre im Stasi-Gefängnis, meist in Einzelhaft.

In der Bundesrepublik beginnt Fricke als freiberuflicher Journalist zu arbeiten, mit einem Fokus auf DDR Themen. Durch seine Kommentare und Artikel wird er den Machthabern jenseits der Mauer bald unbequem. Der 1. April 1955 wird so zum Schicksalstag für den damals 26-Jährigen: Ein befreundetes Ehepaar - inoffizielle Mitarbeiter der Stasi - lädt Fricke in seine Wohnung ein, mit dem Vorwand, ihm ein Buch übergeben zu wollen.

Sie bieten ihm mit Betäubungsmittel versetzten Weinbrand an. Als er wieder zu Bewusstsein kommt, ist Fricke bereits im Osten. Entführt und eingesperrt im Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Dort wird er 15 Monate lang verhört.

Konsequent verweigerte Fricke die Aussage zu seinen angeblichen Ost-Kontakten. Als Spion hat er nie gearbeitet. "Ich habe mich auch nie für so interessant gehalten, dass die mich entführen könnten", sagt er. Aber dann habe er sich nur gesagt, jetzt müsse er anständig durchkommen. Ohne Unterlass habe er die knapp drei Meter seiner Zelle abgeschritten und sich eingebläut: "Hart sein, schweigen, hassen", erzählt er. Schließlich wird er in einem Geheimprozess wegen "Kriegs- und Boykotthetze" zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine Strafe verbüßt er in der berüchtigten Sonderhaftanstalt Bautzen II in Einzelhaft.

Zelle im DDR-Stasi-Gefängnis Bautzen II | Bildquelle: imago stock&people
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Dieses Bild zeigt eine Zelle im DDR-Stasi-Gefängnis Bautzen II.

"Wenn wir fündig werden, kriegen Sie einen Nachschlag"

Über die Jahre des zermürbenden Alleinseins rettet sich Fricke mit dem Auswendiglernen von Gedichten. Und er studiert Werke von Marx, Engels und Lenin. Eine Gefahr, dass man sich ideologisch infiziere, habe es an diesem Ort nun wirklich nicht gegeben, sagt er. Die Theorie habe die tägliche Probe auf die Praxis nicht bestanden.

Am 31. März 1959 wird Fricke nach Ablauf der Strafe nach West-Berlin entlassen. Dieses Vorgehen nach Vorschrift irritiert ihn. Wie konnte das Regime ihn erst gewaltsam entführen und dann ordnungsgemäß gehen lassen? Nur eine der vielen Widersprüchlichkeiten des SED-Regimes. Noch Jahre fürchtet Fricke sich vor einer Wieder-Verurteilung. In vergleichbaren Fällen sei das durchaus geschehen und auch sein Vernehmungsoffizier habe ihm noch zum Abschied nachgerufen: "Wenn wir wieder fündig werden, kriegen Sie einen Nachschlag".

Zurück im Westen kann Fricke endlich seine Verlobte heiraten. Er wählt den Jahrestag seiner Verurteilung: "Ich wollte das unschuldige Datum mit einer glücklichen Erinnerung verbinden." So kleine Sentimentalitäten erlaube er sich manchmal. Auch seine Arbeit als Journalist und Autor nimmt er wieder auf, wird später leitender Redakteur der Ost-West-Redaktion beim Deutschlandfunk und Mitglied der Enquete-Kommissionen des Bundestages zu Geschichte und Folgen der SED-Diktatur.

Nüchtern informieren

Trotz persönlicher Betroffenheit bemüht sich Fricke bei seiner Forschung stets um Sachlichkeit. Er habe sich schon während seiner Haft fest vorgenommen, dass er nach Rückkehr in die Freiheit noch viel sachlicher und nüchternen informieren müsse, "weil das politisch wirksamer ist als Polemik oder Propaganda".

Darin sieht auch die Bundesstiftung Aufarbeitung den besonderen Wert seines Lebenswerkes: "Er ist nicht der Versuchung erlegen, unsachlich gegen seine ehemaligen Peiniger zu schießen", sagt Jan Tilman Günther. Alle seine Werke hätten die Probe auch nach Öffnung der Archive überstanden und seien unter Historikern bis heute als Standardwerke angesehen.

Heute lebt Fricke mit seiner Frau in Köln. Der Schlüsselbund auf seinem Schreibtisch werde zurück an die Gedenkstätte gehen, wenn er "in die ewigen Jagdgründe berufen" werde, erzählt er. Sich vorher als Zeitzeuge zur Ruhe zu setzen, das kommt für ihn aber nicht infrage. Zu sehr wünscht er sich, dass die Menschen durch Aufklärung dazu lernen. Nicht umsonst zitiert er im Gespräch mühelos Schiller. "Beschließt er im Grabe den müden Lauf, noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Juni 2017 um 15:52 Uhr

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