Demo von Rechtspopulisten | Bildquelle: dpa

Wähler von Rechtspopulisten Stabilität durch radikalen Wandel?

Stand: 23.11.2016 14:16 Uhr

In was für einer Welt wollen Bürger leben? Mit Blick auf das Erstarken der Rechtspopulisten könnte man sagen: in einer politisch radikal veränderten Welt. Dem entgegen steht das spürbare Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität. Wie passt das zusammen?

Von Julia Böhling, tagesschau.de

Die Welt zu verstehen ist in diesen Zeiten nicht einfach: Kriege mit so vielen Beteiligten, dass man schnell den Überblick verliert. Banken, die mit schier undurchdringbaren Konstrukten auf Gewinn aus sind. Digitalisierung, die schneller voranschreitet, als manch einer begreifen kann oder will. Politiker und Verwaltung, die in einem Wust aus Verfolgung politischer Ziele, Wahlkampf und Bürokratie agieren. Und auch diese Aufzählung ist schon wieder vereinfacht und unvollständig.

Zudem sind die Themen, mit denen sich Deutschland und die Welt konfrontiert sehen, aktuell oft sehr bedrohlich: Terror, Kriege, Krisen, Armut, Flucht und Vertreibung. Über positive Dinge könnte man sich einfach freuen, negative Dinge will man wenigstens verstehen - Stichwort: Angst und Kontrollverlust. Was tun?

Auf diese Frage scheinen viele Menschen in Europa und den USA in den vergangenen Monaten eine scheinbar widersprüchliche Lösung gefunden zu haben: Der Wunsch auf persönlicher Ebene nach Stabilität, der darin gipfelt, das politische System radikal abzuändern. Das Verhalten trägt aktuell dazu bei, dass sich die politische Ausrichtung in Europa und den USA radikal verändert.

Festhalten an Bekanntem

Es beginnt mit einer ersten - erst einmal nachvollziehbaren - Konsequenz aus der zunehmenden Komplexität und Unverständlichkeit der Welt: Die Menschen wollen an dem festhalten, was sie noch kennen. Insbesondere dann, wenn sie fürchten, dass Veränderungen für sie negative Folgen haben könnten oder bereits hatten. Sie suchen nach Sicherheit, Geborgenheit und Stabilität. Das zeigt unter anderem eine Studie der Stiftung Mercator, deren Ergebnisse im Sommer veröffentlicht wurden. "Die Mehrheit der Deutschen spricht sich für eine Wiederbelebung deutscher Werte und Traditionen aus. Doch es geht um mehr als das. Sie wollen ihre alten Ordnungen, ihre alte Dominanz im Raum zurück", sagte damals die Koordinatorin der Studie, Madlen Preuß.

Zudem gaben in der Studie 44,1 Prozent der Befragten an, dass sie der Meinung sind, dass sich Neuankömmlinge in einer Gesellschaft erst einmal mit Weniger zufrieden geben sollten - unabhängig davon, ob es Deutsche oder Migranten sind. Zwei Jahre zuvor lag der Wert noch bei 32,4 Prozent.

Positiv könnte man sagen, dass sich die Menschen verantwortlich fühlen und sich um ihr Umfeld sorgen. Negativ würde man sagen, die Menschen igeln sich ein, grenzen sich ab. Weltoffenheit und Vielfalt haben es in einem solchen Klima schwer. Dabei wünscht sich ein Großteil der Bevölkerung genau das, wie eine aktuellen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung nahelegt. Darin stimmten 85 Prozent der Befragten folgender Aussage zu: "Verschiedene kulturelle Gruppen bereichern unsere Gesellschaft". Das Ergebnis zeige, so die Forscher, wie ambivalent die Haltung vieler Bürger sei.

Ist Abgrenzung per se schlecht?

Es stellt sich auch die Frage: Ist der Wunsch nach Zugehörigkeit und damit automatisch auch Abgrenzung per se schlecht? Eine psychologische Studie der Universität Hildesheim aus diesem Jahr zeigt: Menschen fühlen sich besser, wenn sie sich zu einer starken Gruppe zugehörig fühlen. Untersucht wurde dafür das Verhalten von 85 jungen Menschen, die sich für ein Sportstudium bewarben. Das Ergebnis: Je größer die Identifizierung der Bewerber mit einer Gruppe war, desto weniger gestresst waren diese. Sicher lässt sich das Ergebnis nicht eins zu eins auf die Weltpolitik übertragen - aber es zeigt, dass die Zugehörigkeit zu einer Gruppe und subjektives Wohlgefühl miteinander zusammenhängen.

Problematisch wird es dann, wenn Menschen sich abgrenzen, indem sie andere Menschen oder Gruppen abwerten oder diskriminieren. Ein solches Verhalten ist - allem Wunsch nach kultureller Vielfalt zum Trotz - in der deutschen Gesellschaft durchaus verbreitet: So stimmten in einer Umfrage der Universität Leipzig 36,2 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren nicht erlaubt sein sollten. Mehr als jeder Zweite hätte nach eigenen Angaben Probleme damit, wenn Sinti und Roma in seiner Nähe wohnen. 41,4 Prozent wollen Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagen. Und die genannten Werte sind in den vergangenen Jahren gestiegen.

Außerdem birgt Abgrenzung eine weitere Gefahr: Die Menschen bewegen sich schnell in einer Art Blase Gleichgesinnter. Das macht einen ausgewogenen Informationsaustausch schwieriger. Ein selbstverstärkender Prozess.

Scheinbar widersprüchliche Konsequenzen

Nun könnte man angesichts des oben genannten Wunsches nach Stabilität und Tradition zu der Ansicht gelangen, dass die Menschen altbekannte, etablierte Parteien wählen. Doch das ist nicht mehr der Fall - im Gegenteil. Statt das altbekannte "Establishment" zu wählen, wenden sich immer mehr Bürger gegen das bestehende, politische System und deren Grundsätze. Für ihren Wunsch nach Stabilität wählen sie einen radikalen politischen Richtungswechsel, der ein hohes Risiko birgt.

Wie das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap für den Mitteldeutschen Rundfunk ermittelte, würden in Sachsen 25 Prozent der Wähler für die AfD stimmen, wenn am kommenden Sonntag Landtagswahlen wären, in Thüringen 21 Prozent. Diese Menschen geben ihre Stimme einer Partei, deren Führung unter anderem das Schießen auf Flüchtlinge an der Grenze befürwortet. Im Grundsatzprogramm der Partei wird unter anderem die uneingeschränkte Inklusion behinderter Schüler infrage stellt, die Religionsfreiheit für Muslime einschränken möchte und das klassische Familienbild – Vater, Mutter, Kinder – propagiert. Experten und Wissenschaftler sehen in der AfD einen Anziehungspunkt für Homophobie, Antisemitismus und Fremdenhass.

#kurzerklärt - Wie rechts ist die AfD?
02.03.2016, Demian von Osten, WDR

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Hang zu einfachen Wahrheiten

Die AfD steht mit ihren Forderungen nicht alleine. Überall in Europa gibt es diese Bestrebungen: Frankreich, Großbritannien, Dänemark, Niederlande, Ungarn. In den USA ist es Donald Trump. Die Welt wird eingeteilt in Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Freund und Feind. Ein solches rechtspopulistisches Weltbild ist leicht zu verstehen. Es ist aber auch rassistisch (Trump über Mexikaner: "Sie bringen Drogen. Sie bringen Verbrechen. Sie sind Vergewaltiger. Und einige, nehme ich an, sind gute Menschen") und widerspricht in vielen Punkten den Menschenrechten - etwa der Religionsfreiheit.

Warum suchen Menschen, die eigentlich Stabilität suchen, auf politischer Ebene den radikalen Wandel? Das hat zum einen länderspezifische Gründe, die sich nicht verallgemeinern lassen. Hinzu kommen persönliche Gründe der Menschen: Angst vor Abstieg, Hoffnung auf Aufstieg.

In Deutschland wird deutlich, dass die Bürger der alteingesessenen Politik immer weniger Vertrauen und Legitimität entgegenbringen. Die Mehrheit der AfD-Wähler bei den vergangenen Landtagswahlen gab bei Umfragen an, die Partei aus Enttäuschung über die anderen Parteien gewählt zu haben. Und nach der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung denkt mehr als jeder vierte Deutsche, dass die "regierenden Parteien das Volk betrügen".

In der gleichen Umfrage findet aber auch die große Mehrheit der Befragten von 84 Prozent, dass "die deutsche Demokratie im Großen und Ganzen ganz gut funktioniert". Auch hier zeigt sich eine große Ambivalenz - aber auch, wie unterschiedlich Demokratie verstanden wird.

Politik in schwierigem Spannungsfeld

Was heißt das alles nun für die Politik? Sie bewegt sich aktuell in einem schwierigen Spannungsfeld. Für Rechtspopulisten wie die AfD und Donald Trump ist das ein guter Nährboden: Sie zeigen klare Kante zum Establishment und versprechen dem Wähler, was er hören will. Weder Trump noch AfD mussten bislang ihren Worten Taten folgen lassen. Trump wird es bald müssen - und noch bevor seine Amtszeit beginnt, wird schon deutlich, dass viele seiner Wahlkampfversprechen heiße Luft gewesen sein könnten.

Für etablierte, regierende Parteien ist die Situation schon schwieriger. Sie müssen Vertrauen wieder aufbauen und den Spagat zwischen Fortschritt und der gewünschten Tradition schaffen. Und das alles möglichst schnell. Auch sie müssen lernen, die Welt von heute zu verstehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. November 2016 um 12:18 Uhr

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