Pflegereport der Barmer GEK: Überraschungen auch für Experten

Eine Bewohnerin und eine Pflegerin in einem Altenheim (Bildquelle: picture alliance / dpa)

Pflegereport der Barmer GEK

Überraschende Zahlen - auch für Experten

Manches, was im neuen Pflegereport der Barmer GEK steht, hat selbst Experten überrascht: Zum Beispiel die Höhe der Kosten, die im Laufe eines Lebens für die Pflege anfallen. Ein Argument für den "Pflege-Bahr" zur Privatvorsorge ist das für Wissenschaftler aber nicht unbedingt - eher im Gegenteil.

Von Peter Mücke, NDR, ARD-Hauptstadtstudio

Manchmal sind sogar Krankenkassen-Chefs überrascht, wenn Wissenschaftler die Daten ihres Unternehmens auswerten. Der Vize-Chef der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker, war es heute sogar gleich dreimal angesichts der Ergebnisse des neuen Pflegereports. Zum Beispiel darüber, wie hoch die Pflegekosten im Laufe eines Lebens sind.

Etwa die Hälfte zahlen die Betroffenen selbst

Rolf-Ulrich Schlenker (Bildquelle: picture alliance / dpa)
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Rolf-Ulrich Schlenker (Archivbild) war von den Ergebnissen überrascht.

"Ich war völlig überrascht über die Ergebnisse, weil ich selber die Vorstellung hatte, dass die Kosten insgesamt geringer sind", erklärt Schlenker. 42.000 Euro fallen im Schnitt für Männer an, für Frauen doppelt so viel, denn Frauen werden älter und sind länger in einem Pflegeheim. Bei der Frage, wer diese Kosten übernehme, sei für ihn "das weitere überraschende Ergebnis" gewesen, dass ungefähr die Hälfte dieser Pflegekosten von den Betroffenen aus eigener Tasche bezahlt werden müsse, sagt Schlenker.

Nach einer Blitz-Umfrage der Kasse ist das auch den meisten Deutschen nicht bewusst. Das klingt wie ein Plädoyer für eine private Vorsorge, wie sie die Bundesregierung mit dem nach dem Gesundheitsminister benannten "Pflege-Bahr" zum Jahreswechsel einführen will. Doch auch hier ist das Urteil überraschend.

Überraschende Zahlen beim Pflegereport
Peter Mücke, ARD Berlin
27.11.2012 15:47 Uhr

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"Ich würde im Moment abraten, den 'Pflege-Bahr' abzuschließen"

Der Bremer Sozialwissenschaftler Heinz Rothgang sagt: "Ich würde im Moment abraten, den 'Pflege-Bahr' abzuschließen, weil viele Fragen ungeklärt sind und weil ich davon ausgehe, dass das Ding nicht funktioniert." Ab Januar sollen bestimmte private Pflegezusatzversicherungen mit fünf Euro im Monat gefördert werden.

"Ein wirklich gefährliches Produkt"

"Unter Verbraucherschutzgesichtspunkten ist das ein wirklich gefährliches Produkt, von dem wir heute, vier Wochen vor seiner Einführung eigentlich noch nichts wissen. Die Durchführungsverordnung enthält auch keinerlei Regeln, das wird alles der privaten Versicherungswirtschaft übertragen, die bisher noch sehr zurückhaltend war mit Informationen", kritisiert Rothgang und prognostiziert, der Pflege-Bahr rechne sich auch für die Versicherungswirtschaft nicht.

Fünf Euro Förderung sei zu gering, die Police nicht obligatorisch. "Die Gefahr, die ich beim Pflege-Bahr dann letztlich sehe, ist nicht nur, dass dieser private Markt nicht funktioniert, sondern, dass es Rückwirkung gibt auf die soziale Pflegeversicherung", warnt Sozialwissenschaftler Rothgang. Konkret bestehe die Gefahr, dass man die gesetzlich Pflegeversicherung nicht genug dynamisiere, "und dann sagt, für die Lücke gibt es ja den 'Pflege-Bahr', der aber nur von einer kleinen Minderheit in Anspruch genommen wird".

Ein ebenso vernichtendes Urteil fällt der Bremer Sozialwissenschaftler auch über die Arbeit an einem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff. Die Legislaturperiode sei verschenkt worden.

Zahl der Pflegebedürftigen steigt langsamer

Eine positive Überraschung erlebte Kassenchef Schlenker heute auch noch. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt langsamer als gedacht. "Das war auch für mich überraschend. Das heißt, wir haben jetzt in etwa den Gipfel erreicht, mit über drei Prozent Zuwachs bei den Pflegebedürftigen. Der Zuwachs nimmt aber ab, so dass man vor dem Hintergrund das Thema Pflegebedürftigkeit und Zuwachs nicht dramatisieren sollte", warnt Schlenker und verweist auch darauf, dass die soziale Pflegeversicherung noch immer mehr als fünf Milliarden Euro auf der hohen Kante hat.

Wissenschaftler Rothgang verweist darauf, dass es nun ein Zeitfenster von 20 Jahren für die Weiterentwicklung der Pflegeversicherung gebe. "Wir dürfen in der Zeit nicht die Hände in den Schoß legen, denn danach geht es wieder hoch. Aber wir kriegen vielleicht etwas Luft, um die Weiterentwicklungen, die notwendig sind, durchzuführen."

Dieser Beitrag lief am 27. November 2012 um 16:08 Uhr auf NDR Info.

Stand: 27.11.2012 15:57 Uhr

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