Pflege | Bildquelle: picture alliance / dpa

Kritik und Reformvorschläge Der Pflege-TÜV - durchgefallen?

Stand: 12.03.2015 11:30 Uhr

Seit sechs Jahren gibt es den Pflege-TÜV - und genauso lange sorgt er für Ärger: Fragwürdige Kriterien bei der Benotung der Heime, Verwirrung statt Transparenz. Was muss sich ändern? Darüber berät nun auch der Deutsche Pflegetag.

Von Jörn Unsöld, tagesschau.de

Es sind Traumnoten, die deutsche Pflegeheime seit Start des Pflege-TÜV 2009 jedes Jahr erhalten: Der Durchschnitt für alle 12.500 Einrichtungen liegt bei 1,3. Also alles gut in deutschen Pflegeheimen? Keineswegs. Der Wert verschleiert die tatsächlichen Zustände, anstatt für Angehörige und Pflegebedürftige Vergleichbarkeit bei der Wahl eines Heims zu schaffen. Bei der Berechnung der Endnote können beispielsweise schlechte Werte bei der Wundversorgung mit einem gut leserlichen Speiseplan gegengerechnet werden.

Klar ist: In seiner jetzigen Form steht der Pflege-TÜV vor dem Aus. Das machte Gesundheitsminister Hermann Gröhe schon im vergangenen Jahr deutlich. Und CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn legte jüngst nach, als er den Pflege-TÜV in der "Süddeutschen Zeitung" als "Desaster" bezeichnete. Bei maximalem Aufwand und Ärger habe das System der Pflegenoten "nichts, aber auch gar nichts gebracht".

   

Nur die Abläufe kontrolliert

In der Tat hat der Pflege-TÜV viele Fehler im System - und das von Anfang an: Die Prüfer des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) müssen bei ihren Besuchen in den Heimen fast ausschließlich Punkte abfragen, bei denen es um Abläufe bei der Pflege geht - und nicht um die Gesundheit der Bewohner.

Festgelegt wurden die einzelnen Kriterien - in der stationären Pflege sind es 59 - gemeinsam von Krankenkassen und Pflegeanbietern. Das führte dazu, "dass gegen das Votum der Trägerverbände aussagekräftige Bewertungen nicht zustande kommen", schreibt der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, in einem Positionspapier. Ziel müsse sein, die Prüfkriterien auf wissenschaftlicher Basis zu ermitteln - und nicht durch Verhandlungen.

Auch Klaus Wingenfeld vom Institut für Pflegewissenschaft der Universität Bielefeld hält das jetzige Bewertungssystem für gescheitert. "Im Grunde wird hier nur die Qualität der Pflegedokumentation festgehalten", sagt er im Gespräch mit tagesschau.de. Zudem sei das jetzige Schulnotensystem für die Pflegeheime grundsätzlich falsch konzipiert: "Eine Gesamtnote für die Bewertung von Pflegequalität ergibt keinen Sinn."

 

Der Pflege-TÜV

Der Pflege-TÜV für Pflegeheime und ambulante Pflegedienste wurde im Sommer 2009 per Gesetz eingeführt. Jede Einrichtung wird jährlich mit Schulnoten bewertet. Die Ergebnisse werden im Internet veröffentlicht und sollen Pflegebedürftigen und deren Angehörigen Vergleiche der Qualität der Pflegeheime ermöglichen. Grundlage zur Ermittlung der Pflegenoten sind eine Vielzahl von Einzelkriterien, die mit Punkten auf einer Skala von Null bis Zehn bewertet werden.
Geprüft werden unter anderem Punkte wie Verpflegung, Hygiene und Umgang mit Demenzkranken. Am Ende wird eine Gesamtnote ermittelt, ähnlich dem System der Schulnoten.

Mobilität der Bewohner als Kriterium

Der Pflege-Experte Wingenfeld hat vor einigen Jahren ein System entwickelt, das bereits mit 20.000 Bewohnern getestet wurde und derzeit an 270 Einrichtungen in Deutschland weiter läuft. Die Grundidee: Weg von der Kontrolle der Pflege-Dokumentation, hin zur Frage, wie sich der Zustand der Heimbewohner entwickelt. Wie hoch ist der Anteil von Senioren, die über einen gewissen Zeitraum hinweg in einem bestimmten Heim gestürzt sind? Hat sich die Mobilität der Bewohner verschlechtert oder ist sie seit ihrem Einzug gleich geblieben? Wie oft werden Menschen in Heim X mit Gurten fixiert? Das sind einige der Kriterien, die in Wingenfelds Konzept zum Tragen kommen.

Seiner Ansicht nach reicht es auch nicht aus, wie bisher in einer Einrichtung nur stichprobenartig die Pflege an einigen Bewohnern zu untersuchen. Für eine valide Erhebung müssten alle Bewohner eines bestimmten Heims befragt werden.

Doch auch bei Wingenfelds Modell bleibt das Problem, die gemessenen Ergebnisse hinterher so umzusetzen, dass sich Angehörige schnell ein Bild von den Einrichtungen machen und diese miteinander vergleichen können. Gelingen soll dies nicht mehr über Noten, sondern über konkrete Aussagen zu einzelnen Bereichen.

Bessere Vergleichbarkeit

Ein ausgedachtes Beispiel: "Im Heim X haben 60 Prozent der Bewohner über einen Zeitraum von einem halben Jahr ihre Selbstständigkeit erhalten. Im Durchschnitt aller untersuchten Heime liegt der Wert bei 75 Prozent." Mit derartigen Ergebnissen - so die Hoffnung Wingenfelds - lasse sich eine bessere Vergleichbarkeit schaffen. Allerdings: "Eine Sofort-Lösung ist das nicht. Umsetzen ließe sich das frühestens in ein bis anderthalb Jahren", sagt Wingenfeld.       

Auch Christian Weiß von der Hochschule Neu-Ulm, Experte für Pflegeökonomie, hat den Pflege-TÜV wissenschaftlich untersucht und Empfehlungen erarbeitet, was sich ändern muss. Die MDK-Prüfer sollten demnach künftig nur das untersuchen, was die Verbraucher bei der Suche nach einem Heim auch tatsächlich wissen wollen. Den Pflegebedürftigen sei es - zugespitzt gesagt - egal, ob die Wundbehandlung nach Standards dokumentiert werde; entscheidend sei, dass sie erfolgreich verlaufe, so Weiß. Es macht nach seinen Worten daher keinen Sinn, wie bislang weiterhin nur Arbeitsprozesse zu untersuchen.

Ampeln statt Noten?

Zudem sollten die Einrichtungen nicht mehr jedes Jahr überprüft werden, sondern seltener, sagt Weiß. Auch das würde die Heime entlasten - und damit letztlich den Pflegebedürftigen zugutekommen. Anstelle von Noten kann er sich auch ein Ampelsystem zur Einordnung vorstellen. Denn anders als beim Notensystem gäbe es bei der Ampel keinen Durchschnitt. Die Zuteilung - ob rot, gelb, oder grün - sei eindeutig.

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) will die Pflegenoten beibehalten und reformieren. Für das bisherige Scheitern des Pflege-TÜV macht er die Anbieter von Pflegeeinrichtungen verantwortlich. "Das ist so, als wenn Schüler in der Schule über ihre Benotung mitentscheiden dürfen", hatte eine GKV-Sprecherin jüngst erklärt.

Vernetzte Dokumentation in der Pflegebranche
ARD-Mittagsmagazin, 12.03.2015, Justus Kliss, RBB

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Ähnlich argumentiert der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK), der die Prüfer in die Heime schickt. Die Kernkriterien bei der Bewertung - also Fragen zum Gesundheitszustand - müssten stärker gewichtet werden, erklärt eine Sprecherin. Dies hätten die Heimbetreiber bislang verhindert. Grundsätzlich will der MDK an den Pflegenoten jedoch nicht rütteln.

Ob Ampel, reformierte Noten oder eine andere Systematik: Noch vor Ostern will der Patientenbeauftragte Laumann seine konkreten Vorschläge auf den Tisch legen. Er fordert, die Pflegenoten nach dem bisherigen Modell auszusetzen. Zudem macht er sich für ein unabhängiges Gremium stark, das neue Kriterien entwickelt und ein aussagekräftiges, transparentes Bewertungssystem festlegt. Sicher ist schon jetzt, dass sämtliche Interessengruppen bei der Reform ein gewichtiges Wort mitreden wollen.

Pflegerat wirft Bundesregierung Untätigkeit vor
F. Wahlig, ARD Berlin
12.03.2015 13:27 Uhr

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