Hackfleisch vom Rind

Fleischskandal weitet sich aus 124 Betriebe in Deutschland betroffen

Stand: 11.04.2013 17:14 Uhr

Nach dem vor einigen Wochen aufgedeckten, europaweiten Betrug mit falsch deklariertem Pferdefleisch gibt es nun einen weiteren Fall: Bereits seit mehr als zwei Jahren soll der niederländische Großhändler Willy Selten Pferdefleisch falsch etikettiert und verkauft haben. Der Name des Unternehmens fiel bereits, als im Februar Pferdefleisch in Lasagne und Hackbällchen gefunden wurde. Bei ihren Nachforschungen stießen niederländische Kontrolleure laut EU-Kommission nun allerdings auf insgesamt 50.000 Tonnen Fleisch, deren Herkunft unklar ist.

Die niederländischen Behörden hätten eine "umfassende betrügerische Kette" rund um ein Unternehmen aufgedeckt, sagte EU-Verbraucherschutzkommissar Tonio Borg. Es sei bestätigt, dass Pferdefleisch mit Rindfleisch vermischt worden sei. Aus diesem Grund hätte die niederländische Lebensmittelaufsicht am Mittwoch 50.000 Tonnen Rindfleisch zurückgerufen.

Fast alle Bundesländer von Skandal betroffen

In Deutschland sind 124 Betriebe mit dem falsch deklarierten Fleisch aus den Niederlanden beliefert worden. Bis auf Bremen und das Saarland hätten Fleischhändler, Metzgereien oder weiterverarbeitende Lebensmittelfirmen in allen Bundesländern Rindfleisch aus dem Nachbarland erhalten, dem Pferdefleisch beigemischt worden sei. Das teilte das Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin mit. Bundesagrarministerin Ilse Aigner stellte fest, es seien praktisch alle Bundesländer betroffen.

Die für die Lebensmittelkontrollen zuständigen Behörden der Bundesländer beginnen nun damit, die Lieferungen aus den Niederlanden zurückzuverfolgen und gegebenenfalls die betroffenen Lebensmittel aus dem Verkauf zu entfernen.

EU-Kommission: Verdächtige Produkte vom Markt nehmen

Insgesamt sind nach Angaben der niederländischen Behörden mehr als 502 Betriebe von den Lieferungen betroffen - 132 im Land selbst und 370 in 16 weiteren EU-Staaten - neben Deutschland überwiegend Spanien, Frankreich und Portugal.

Die EU-Kommission in Brüssel forderte die betroffenen Länder auf zu überprüfen, ob noch Produkte mit dem falsch deklarierten Fleisch im Handel sind. Eine Warnung wurde an alle 27 EU-Staaten herausgegeben.

Aufgefallen ist der Schwindel laut der Kommission im Rahmen der flächendeckenden Tests, die seit fünf Wochen in der gesamten EU bei Fleischprodukten, die laut Etikett Rindfleisch enthalten, gemacht würden.

Großhändler aus Oss seit Monaten unter Betrugsverdacht

Der Großhändler Willy Selten aus dem südniederländischen Oss, der für den Skandal verantwortlich sein soll, steht bereits seit Monaten unter Betrugsverdacht. Das bestätigte die niederländische Kontrollbehörde. Lebensmittelkontrolleure hätten im Februar das Unternehmen durchsucht und in zwei Proben Pferdefleisch entdeckt. Das niederländische Fernsehen berichtete, schon im Dezember hätten Mitarbeiter der Kontrollbehörde gemeldet, dass Selten billiges Pferdefleisch mit Rind vermischte und als reines Rindfleisch verkaufte. Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Betrug, Urkundenfälschung und Geldwäsche gegen den Unternehmer.

Da der Großhändler nicht angeben konnte, welche seiner Lieferungen Pferdefleisch enthalten könnten, wurde die gesamte Produktion vom Januar 2011 bis Februar 2013 für den Handel gesperrt.

Der Unternehmer will nun gerichtliche Schritte gegen die Kontrollbehörde unternehmen. Die Maßnahme sei unbegreiflich, sagte sein Anwalt dem niederländischen Radio. "Das Fleisch kann man normal essen, und es wurde unter Aufsicht der Behörde verkauft."

Falsch deklariertes Fleisch zum Teil schon verzehrt

Wahrscheinlich sei ein Teil des verdächtigen Fleisches bereits konsumiert worden, sagte ein Sprecher der niederländischen Aufsichtsbehörde für Nahrungsmittel. "Aber viel wurde auch in Tiefkühlmahlzeiten verarbeitet, und Frikadellen oder Hamburger sind sehr lange haltbar."

Pferdefleisch an sich ist unbedenklich und - wegen des geringeren Fettgehalts - sogar gesünder als andere Fleischarten. Es besteht allerdings die Befürchtung, dass es belastet sein könnte. Zudem ist es nicht zulässig, Fertiggerichten Pferdefleisch beizumengen, wenn dies auf der Verpackung nicht angegeben ist.

alt Fleisch

So viel sind 50.000 Tonnen Fleisch

Die riesige Menge von 50.000 Tonnen Fleisch ist schwer vorstellbar. Umgerechnet in Lkw-Ladungen wird die Dimension erkennbar.
Bei einer maximalen Ladung von 24 Tonnen Fleisch je Fahrzeug wären dies mehr als 2000 Lastzüge mit je 18 Metern Länge. Dies ergäbe eine Schlange von mehr als 37 Kilometern - ohne Abstand zwischen den Fahrzeugen. Eine Strecke, die per Luftlinie von Köln bis nach Düsseldorf und auf der Straße von Berlin-Mitte bis nach Potsdam reichen würde.

Quelle dpa

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