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Von Jörg Sadrozinski, tagesschau.de
[Bildunterschrift: Eisiges Schweigen im Saal: Gabriele Pauli bei ihrer Bewerbungsrede ]
Als Gabriele Pauli am Freitag den Sitzungssaal vor Beginn des Parteitags betritt und eine kurze Besichtigungsrunde dreht, richten sich alle Kameras auf sie. Jede ihrer Bewegungen wird aufmerksam von den Vertretern der Presse registriert - und das bleibt während des gesamten zweitägigen Parteitags so.
Wo immer "die Pauli", wie sie unisono von Medienvertretern und Delegierten genannt wird, auftritt, bildet sich eine große Traube. Alle wollen wissen, wie sie sich fühlt, was sie plant, ob sie aus der Partei austreten wird, oder ob sie trotz der verbalen "Watsch'n", die sie von den Parteifreunden in der letzten Zeit erhalten hat, bleiben will und kann.
Zweimal meldet sich Pauli am Freitag mit Änderungsanträgen zum Grundsatzprogramm, ihre Vorschläge zum Ehegattensplitting und zum EU-Beitritt der Türkei werden von den Delegierten abgewiesen - mehr als 1000 Stimmen gegen ihre eigene. Auch ihre Gegenstimme zum Grundsatzprogramm wird von der Parteitagsleitung ignoriert: einstimmig sei das Votum erfolgt - Pauli, die bei der Frage nach den Gegenstimmen am Ende des Saales steht und ihre Stimmkarte hochhält, wird nicht wahrgenommen.
Am Samstag wird diese Politik des Ignorierens einer parteiinternen Kritikerin fortgesetzt: Auch der designierte bayerische Ministerpräsident Beckstein spricht nur von Horst Seehofer und Erwin Huber als Kandidaten - seine fränkische Landsfrau Pauli, die ebenfalls für den Parteivorsitz kandidiert, vergisst er bewusst.
Als Pauli sich nach der Rede Becksteins zu Wort meldet und eine Aussprache verlangt, den "lieben Parteifreunden" vorwirft, sie sei in den letzten Monaten und Wochen als "Königsmörderin" bezeichnet, in die Nähe des Rotlichtmilieus gerückt und ihr der Parteiaustritt nahegelegt worden sei, auch da verweigert ihr Parteitagsleiter Ingo Friedrich diese Aussprache mit Hinweis auf die bereits begonnene Abstimmung über die Kandidatur Becksteins.
[Bildunterschrift: Die Fürther Landrätin Gabriele Pauli ]
Pauli sagt, man versuche, eine Verantwortliche für innerparteiliche Auseinandersetzungen zu finden, einen Sündenbock. Und das, obwohl mittlerweile einige der Meinung seien, sie habe "eigentlich keine bedeutende Rolle" beim Führungswechsel der CSU gespielt. An die Adresse Becksteins gewandt, fragt sie: "Lieber Günther, wie kann es sein, dass ich als Person bezeichnet werde, die zum Psychiater muss?" Beckstein schweigt.
Erst in seinen Dankesworten nach der Wahl zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2008 verspricht er, er werde auch ihr ein persönliches Gespräch anbieten. Öffentliche Kritik und Auseinandersetzung ist heute und hier nicht gewünscht, die Partei will Geschlossenheit.
Still wird es auch im Saal, als Pauli ihre Bewerbungsrede für den Parteivorsitz beginnt. Äußerlich ruhig nimmt sie den Faden wieder auf: "Wollen Sie wirklich antreten", sei sie in den vergangenen Tagen gefragt worden. Und auch heute, "habe ich den Reden entnommen, dass es nur zwei Kandidaten für den Parteivorsitz gibt. Die dritte ist nicht wichtig."
Dennoch trete sie an, denn sie habe in den Jahren ihrer Parteizugehörigkeit eine "große Kraft" der CSU gespürt. Aber die Politik werde häufig nur noch inszeniert. Sie wende sich gegen das "politisch-taktische Denken", das nur berücksichtige, "was gut ankommt bei den Leuten". Wenn es ihr nur auf Macht und Posten ankäme hätte sie sich anders verhalten: "Ich möchte aber das Andere haben. Die CSU hat nicht darunter gelitten, dass wir diskutiert haben."
Einige Delegierte, darunter viele Frauen, verlassen kopfschüttelnd den Saal - vor allem als Pauli davon spricht, "dass wir wieder das einbringen müssen, was wir fühlen und wieder die Menschen ansprechen müssen". Nicht materielle Versprechungen, sondern Glaubwürdigkeit und Überzeugungen solle die Partei transportieren. "So einen Schmarrn höre ich mir nicht mehr länger an", sagt eine Delegierte beim Verlassen des Raums. Ansonsten: eisiges Schweigen.
Pauli beklagt die starren Strukturen der Parteiveranstaltungen, fordert sehr allgemein mehr neue Ideen und wird lediglich beim Thema Betreuungsgeld konkret: 150 Euro seien zu wenig, "denn Kinder sind für uns das Wichtigste überhaupt". Sie vermisse Glaubwürdigkeit in der Familienpolitik , "dort werden nur Fassaden aufgebaut".
Ein wenig Applaus erntet sie erst, als sie das Gesprächsangebot Becksteins annimmt: "Öffentlich wäre zwar besser, aber ich nehme das Angebot gerne an." Sie beendet ihre Rede mit den Worten: "Die Menschen ein Stück glücklicher machen, das ist mein Ziel."
Die CSU des 72. Parteitags kann sie damit nicht überzeugen: nur 24 Delegierte, das sind 2,5 Prozent, stimmen für die Frau, die den Wechsel in der CSU mit angestoßen hat und nun fast wie ausgestoßen dasteht.
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