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Im Vatikan wirft man auf das Heimatland des Papstes einen eher kritischen Blick: Die vergleichsweise wenigen deutschen Katholiken übten zu starke und zu laute Kritik an ihrer Kirche - so zumindest sieht es die Kurie. Ohnehin gilt Deutschland bei der päpstlichen Regierung eher als Missionsland.
Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom
[Bildunterschrift: Willkommensgruß für den Papst von der polnischen Gemeinde in Berlin ]
Wenn die katholische Kirche eine große Familie ist, dann ist Deutschland das Problemkind. So zumindest sieht man das Heimatland des Papstes im Vatikan. Und das nicht erst seit Kurzem. Das schwierige Verhältnis des deutschen Katholizismus zur Zentrale in Rom ist ein Jahrhunderte altes Thema. Der Mönch Martin Luther trieb den Konflikt auf die Spitze. Und bis heute steht jeder Reformvorschlag aus den Reihen des deutschen Katholizismus unter dem Reformationsverdacht: "Die wollen uns doch evangelisch machen!"
"Ich sehe hinter dieser Insistenz auch ein deutsches Überlegenheitsgefühl", sagt Kardinal Paul Josef Cordes. "Manchmal vergessen deutsche Katholiken, die der Weltkirche Lehren vermitteln wollen, den geringen Anteil, den die deutschen Katholiken an der Weltbevölkerung darstellen."
Cordes lebt und arbeitet seit mehr als 30 Jahren in Rom in der päpstlichen Regierung, der Kurie. Er war Präsident des Rates "Cor unum" und hat die Hilfsaktionen des Vatikan in aller Welt koordiniert. Aus dieser globalen Perspektive heraus empfiehlt er seinen Landsleuten mehr Demut: "Wenn da so vollmundig irgendwelche Vorschläge gemacht werden, wie es eigentlich in der Kirche weitergehen sollte, dann denke ich mir, vielleicht ist die Vitalität doch nicht so groß, dass man irgendwelche Vorschläge machen sollte."
Die deutsche katholische Kirche hat also im Vatikan den Ruf, nicht allzu vital zu sein. "Deutschland ist Missionsland", heißt es gerne angesichts der Tatsache, dass gut ein Drittel der Deutschen sich zu keiner christlichen Kirche bekennt. Dass Jahr für Jahr Tausende aus der Kirche austreten, wecke in Rom und Italien den Verdacht, die Säkularisierung in Deutschland sei besonders weit fortgeschritten, sagt Abtprimas Notker Wolf, der oberste Vertreter des Benediktinerordens in Rom: "Dass die Leute sich von Rom, vom Heiligen Vater abwenden, das wundert die Italiener. Diese sagen: 'Ich kann doch gar nicht aus der Kirche austreten, ich bin doch getauft.'"
Das deutsche Kirchensteuersystem zwingt zu einer klaren Entscheidung: Entweder man ist Mitglied oder man ist es nicht. Eine weitere deutsche "Eigenart" ist die starke Position der Laien in der Kirche, zum Beispiel in den Pfarrgemeinderäten. "Es gibt auch hier Laienbewegungen, aber das ist keine so verfasste Angelegenheit wie bei uns in Deutschland. In Deutschland ist alles gleich ein Verein", sagt Wolf.
Der deutsche Katholizismus verschafft sich Gehör - über das Zentralkomitee der deutschen Katholiken zum Beispiel oder über prominente Gläubige wie Bundestagspräsident Norbert Lammert, der kürzlich gemeinsam mit anderen CDU-Größen in einem offenen Brief die Zulassung verheirateter Männer zum Priesteramt gefordert hatte. Für Kardinal Cordes eine Grenzüberschreitung: "Mir scheint es zweifelhaft, wenn nicht sogar dubios, wenn sich Politiker jetzt zu Kirchenlehrern aufschwingen."
Im Vatikan verbittet man sich gute Ratschläge und reagiert äußerst empfindlich auf Kritik. Im Fall Williamson oder bei den Missbrauchsfällen wurde vor allem die deutsche Kritik am Papst als überzogen und verletzend wahrgenommen. "Man ist hier einfach nicht gegen den Papst", sagt Wolf.
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