Airbus-Logo | Bildquelle: REUTERS

Airbus lagert Rüstungstechnologie aus Wer übernimmt Orlando?

Stand: 01.10.2015 01:28 Uhr

Weil Airbus-Chef Enders sich wohl aufs Fliegen konzentrieren will, soll der Konzern Radarsysteme und andere Schlüsseltechnologien - den sogenannten Orlando-Bereich - verkaufen. Rüstungsexperten sehen die Pläne skeptisch.

Von Oliver Mayer-Rüth, BR, ARD-Hauptstadtstudio

Orlando - das ruft bei vielen USA-Urlaubern Erinnerungen an Disney World wach. Denn in Orlando, Florida, liegt einer der größten Freizeitparks der Welt. In der deutschen Rüstungsindustrie denkt beim Begriff Orlando jedoch niemand an Micky Maus.

Orlando steht für die Ausgliederung mehrerer Liegenschaften und Geschäftsaktivitäten des Unternehmens Airbus zu einer neuen Gesellschaft. Der größte Standort ist Ulm in Baden-Württemberg. Insgesamt geht es um acht Standorte in Deutschland und weitere Standorte in Frankreich, Südafrika, Algerien und Indien. Betroffen sind nach Airbus-Angaben mehr als 4800 Arbeitnehmer weltweit, davon 3500 in Deutschland. Das Ziel der internen Reorganisation bei Airbus, die heute beginnt, ist die Ausgliederung und der Verkauf zum 1. Januar 2016.

Verkauf von Schlüsseltechnologien?

Und damit ist das Thema ganz oben auf der Liste aktueller sicherheits- und verteidigungspolitischer Fragen der Bundesregierung. Denn Airbus verkauft nicht irgendetwas, sondern aus Sicht des Verteidigungs- und des Wirtschaftsministeriums handelt es sich vor allem um sogenannte Schlüsseltechnologien. Die Standorte produzieren optronische Systeme zur Zielerfassung sowie Radar- oder Grenzsicherungssysteme.

Der Chef der Airbus Group, Tom Enders | Bildquelle: AFP
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Der Chef der Airbus Group, Tom Enders

Doch Airbus-Chef Tom Enders will sich auf das Fliegen konzentrieren, heißt es aus Industriekreisen. Sprich: Airbus will vor allem zivile und militärische Flugzeuge, Hubschrauber oder Drohnen bauen und verkaufen. Dafür gäbe es mehrere Gründe. Zum einen kämen für die Orlando-Bereiche nicht genug Aufträge aus dem Bundesverteidigungsministerium, zum anderen würde der für Rüstungsexporte zuständige Wirtschaftsminister und SPD-Chef Sigmar Gabriel Genehmigungen verweigern, die das Minus an Bundeswehraufträgen kompensieren könnten.

Und last but not least sei Enders immer noch sauer, weil ihm die Bundesregierung eine Fusion mit der britischen Rüstungsschmiede BAE vor drei Jahren untersagt hat. Durch diese Fusion hätte sich für Airbus, damals noch EADS, der US-Militär-Markt geöffnet und ein Verbleib der Orlando-Technologien wäre strategisch sinnvoll gewesen. Rainer Arnold, verteidigungspolitischer Sprecher der SPD im Bundestag, sieht die damalige Entscheidung noch heute als krassen Fehler und eine der Hauptursachen für das Projekt Orlando.

Milliardenumsatz bei Orlando

Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Arnold | Bildquelle: dpa
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Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Arnold

Nun stellt sich die Frage, wer Orlando kauft. Arnold argumentiert, dass die zu Orlando gehörenden Technologien als Kernfähigkeiten der deutschen Sicherheitsinfrastruktur definiert wurden. "Man kann also nicht akzeptieren, dass Orlando beispielsweise an das französische Rüstungsunternehmen Thales geht", so der SPD-Mann. Doch Thales gehört zu den Kaufinteressenten, genauso wie Investoren, sprich: Hedgefonds, aus den USA oder die deutsche Rüstungsschmiede Rheinmetall, heißt es aus Industriekreisen.

Für wen sich Airbus letztendlich entscheidet, ist noch nicht absehbar. Üblicherweise müsste es der Meistbietende sein. Der Umsatz aller Orlando-Bereiche wird auf 1,1 Milliarden Euro summiert. Ähnlich sind offenbar die Preisvorstellungen des Airbus-Managements. Die Gespräche mit Interessenten laufen, hört man aus der Unternehmenszentrale in München. Der Vorteil der Bundesregierung: Als immer noch größter Orlando-Kunde kann Berlin mitreden bei der Frage, an wen das neue Unternehmen verkauft werden soll. Chinesische Investoren kämen beispielsweise auf keinen Fall zum Zug.

"Wir verlieren Fähigkeiten und werden abhängig"

Auch in der Union ist Orlando ein Thema. Joachim Pfeiffer, wirtschaftspolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag und Abgeordneter aus Baden-Württemberg, erklärt: "Die Entscheidung ist nicht mehr zu ändern. Sie ist leider auch eine Folge der unberechenbaren und zu restriktiven Rüstungsexportpolitik. Wir verlieren Fähigkeiten und werden sicherheitstechnisch von anderen abhängig."

Da der größte Standort Ulm ist, kann sich Pfeiffer nur wenig für den Verkauf begeistern. "Jetzt gilt es sicherzustellen, dass es eine Lösung gibt, die das Know-How und die Wertschöpfungskette für Deutschland sichert", so Pfeiffer.

"Verkauf an eine Heuschrecke verbietet sich"

Ähnlich argumentiert sein Parteifreund Henning Otte, verteidigungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag: "Die sensorisch-elektronischen Fähigkeiten von Airbus-Orlando zählen gemäß Definition der Bundesregierung zu den deutschen Schlüsseltechnologien. Wenn wir diese Definition mit Leben füllen wollen, dann verbietet sich ein Verkauf an eine Heuschrecke oder ins Ausland. Der Verlust von Kompetenzen ergibt auch ein eklatantes Sicherheitsrisiko und einen Souveränitätsverlust. Das verlangt aber auch, dass unsere Unternehmen auch durch Rüstungsexporte auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig sein können."

Rheinmetall-Zentrale in Düsseldorf | Bildquelle: dpa
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Übernimmt Rheinmetall Orlando?

Der Wunsch der Bundesregierung und der Abgeordneten ist eine "Rheinmetall-plus-X-Lösung". Plus-X wäre dabei ein Investor, denn offenbar gibt es Zweifel, ob das deutsche Rüstungsunternehmen Rheinmetall die Kosten für Orlando alleine aufbringen kann.

Poker hinter den Kulissen

Die Forderungen aus dem Bundestag dürften Airbus-Chef Enders aber nur noch eingeschränkt interessieren. Diktieren kann ihm Berlin den Käufer letztendlich nicht. Sollten Investoren aus den USA oder Frankreich mehr bieten als Rheinmetall und Co., dann kann sich Berlin nicht allzu lange querstellen, denn irgendwie müssen die Standorte erhalten bleiben. Hinter den Kulissen läuft ein Poker, der erst kurz vor Weihnachten zum Abschluss kommen könnte.

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