Seitenueberschrift

Operation in einer Klinik

Organtransplantation in Deutschland

An der Warteliste vorbei - Regel statt Ausnahme?

Patienten, die ein Spenderorgan benötigen, stehen in Deutschland auf einer Warteliste - je nach Dringlichkeit weiter oben oder unten. Nur in bestimmten Ausnahmefällen dürfen Organe an dieser Liste vorbei vergeben werden. Das ist inzwischen aber wohl eher Regel als Ausnahme.

Von Kerstin Lohse, RBB, ARD-Hauptstadtstudio

Nach den Organspendeskandalen an den Uni-Kliniken Regensburg und Göttingen werden immer neue Details über den Umgang mit Spenderorganen bekannt: Deutsche Ärzte vergeben immer mehr Spenderorgane an der offiziellen Warteliste vorbei. Derzeit wird jedes vierte Herz, jede dritte Leber und sogar jede zweite Bauchspeicheldrüse direkt von den Kliniken an selbst ausgesuchte Patienten verteilt. 2002 habe der Anteil dieser sogenannten beschleunigten Vermittlungsverfahren noch unter zehn Prozent gelegen, schreibt die "Frankfurter Rundschau" und beruft sich dabei auf Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums. Der Grünen-Gesundheitspolitiker Harald Terpe hatte sie angefordert.

Viele Organe an der Warteliste vorbei vergeben
tagesschau 17:00 Uhr, 07.08.2012, Matthias Deiß, ARD Berlin

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Sonderweg eigentlich nur bei älteren Organspendern

Das beschleunigte Verfahren solle eigentlich nur für die Vermittlung von Organen älterer oder kranker Spender angewendet werden, für die es nur wenige geeignete Empfänger gebe. Wenn der Spender zu alt war und/oder an einer Virus- oder Tumorerkrankung litt, findet sich eventuell kein geeigneter Empfänger. Lehnen drei Kliniken das Angebot aus medizinischen Gründen ab, gilt das beschleunigte Vermittlungsverfahren. Die Organe können dann von der Klinik, in der sich der Spender befindet, selbst zugeteilt werden.

Was als Ausnahme gedacht war, sei heute die Regel, schreibt die "Frankfurter Rundschau". Die Bundesregierung erkläre den Anstieg mit der Tatsache, dass das Alter der Spender stark zugenommen habe. Doch Experten hätten immer wieder den Verdacht geäußert, bei diesem Verfahren würden Organe "kränker" dargestellt, um das bestehende System der Organverteilung zu unterlaufen.

Die "Frankfurter Rundschau" zitiert den Vorstand der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, Eugen Brysch, der von einer "Einflugschneise für Manipulationen" spricht. Der extreme Anstieg lasse sich nicht allein damit erklären, dass das Alter der Spender generell gestiegen sei.

"Der enorme Anstieg ist erklärungsbedürftig"

Harald Terpe
galerie

Fordert eine Untersuchung: Grünen-Gesundheitsexperte Terpe

Auch der Grünen-Gesundheitspolitiker Terpe fordert eine Untersuchung. "Der enorme Anstieg dieser Transplantationen ist erklärungsbedürftig". Die Praxis der beschleunigten Vermittlung müsse transparent gemacht und von einer unabhängigen Einrichtung evaluiert werden. "Nach den Ereignissen in Göttingen und Regensburg müssen wir alles tun, um sicherzugehen, dass nicht auch an anderer Stelle manipuliert wird".

In Regensburg und Göttingen, steht ein Oberarzt im Verdacht, an den Uni-Kliniken der beiden Städte Krankenakten gefälscht zu haben. Dabei soll er die Krankheit auf dem Papier verschlimmert haben, damit den Patienten schneller eine neue Leber implantiert wurde - obwohl andere sie vielleicht nötiger gehabt hätten.

Vergabe von Spenderorganen immer häufiger ohne Wartelistenplatz
K. Lohse, ARD Berlin
07.08.2012 10:29 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Stand: 07.08.2012 11:09 Uhr

Darstellung: