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Kommentar

Krisengipfel zur Organspende

Kein Kurzurlaub im Transparenz-Glashaus!

Von Kerstin Steinbrecher, WDR, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Die Organspende - man kann sie sich vorstellen wie ein Haus mit dicken Mauern und winzig kleinen Fenstern: ein System, in das man von außen nur schwer Einblick bekommt. Das heutige Treffen war der Versuch, dieses Haus als Glashaus zu präsentieren - eines, bei dem in allen Räumen selbst bei Dämmerung das Flutlicht jederzeit an ist. Das ist aus Sicht der handelnden Akteure eine verständliche PR-Maßnahme.

Verräterisch waren die dabei üblichen Floskeln: mehr Transparenz, intensivere Kontrollen, Vertrauen stärken, Zusammenarbeit besser verzahnen. So geht Krisenkommunikation - sehr vorhersehbare Krisenkommunikation. Das kann aber nur ein erster Schritt sein.

Kommentar Organspende-Skandal: Kein Kurzurlaub im Glashaus
K. Steinbrecher, ARD Berlin
09.08.2012 17:44 Uhr

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Die Regeln sind für die Patienten nicht zu durchschauen

Wer bekommt wann ein Organ? Dafür gelten feste Regeln. Aber sie sind für Patienten nicht zu durchschauen. Eine niederländische Stiftung weist die Organe zu. Es gibt zwar Kriterien, aber keine feste Liste. Für jedes Spendeorgan wird die Liste neu sortiert. Dieser Prozess mag bedarfsgerecht sein, aber er ist auch in der Anlage intransparent und aus Deutschland schwer zu kontrollieren.

Ja, es gibt Prüf- und Überwachungskommissionen von Ärztekammer, Krankenhausgesellschaft und dem Spitzenverband der Krankenkassen. Deren Tätigkeit war bislang allerdings wirklich sehr diskret. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass von 30.000 Transplantationen in den vergangenen elf Jahren nur rund 20 Mal ein Verstoß gegen die Richtlinien festgestellt wurde.

Ist dieses transeuropäische Wartelistensystem insgesamt wirklich das beste aller denkbaren Systeme? Diese Frage stellen sich die handelnden Akteure bislang nicht.

Warum war das beschleunigte Verfahren bislang kein Thema?

Genauer unter die Lupe nehmen will man jetzt auch das beschleunigte Verfahren. Jedes vierte Herz, jede dritte Leber, jede zweite Bauchspeicheldrüse wird inzwischen abseits der großen Warteliste regional verteilt. Dass das zumindest einlädt zu Manipulation, war bekannt. Man hätte auch wissen können, dass das Eilverfahren bei einigen Organen längst von der Ausnahme zur Regel geworden ist.

Selbst zum Thema gemacht haben es die Experten nicht, die heute am Tisch saßen. Jetzt zeigt man sich irritiert, verspricht Aufklärung und sagt scheinbar entschlossen: Da müssen wir gegensteuern - warum war das vorher kein Thema?

Der Druck darf nicht nachlassen - auch nicht von der Politik

Es ist gut, dass der Druck, das Interesse der Öffentlichkeit gerade hoch ist. Diese Sensibilität muss erhalten bleiben, auch wenn die Scheinwerfer der Fernsehkameras weg sind, wenn das Thema Organspende längst von anderen Themen abgelöst wurde. Deshalb dürfen die Beteiligten keinen Kurzurlaub im Glashaus machen. Sondern sie müssen dafür sorgen, dass das Haus der Organspende dauerhaft möglichst gläsern bleibt.

Die Politik darf nicht darauf vertrauen, dass die Selbstverwaltungen von Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern das schon "irgendwie" tun werden. Den politischen Gestaltungsanspruch darf sie gerade in diesem Bereich nicht aus der Hand geben.

Dass die Organspende ein schwieriges Feld ist, um wirkliche Transparenz zu schaffen, ein Bereich, in dem es um schnelle Entscheidungen, um medizinische Ermessensspielräume, um Leben und Tod geht, das darf kein Argument sein, es nicht zu versuchen.

Stand: 09.08.2012 19:34 Uhr

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