IS-Kämpfer im Irak | Bildquelle: picture alliance / abaca

Islamisten werben um Jugendliche "Sie arbeiten wie Rattenfänger"

Stand: 12.03.2016 04:44 Uhr

Um Jugendliche für den Dschihad zu gewinnen, setzt der IS nicht nur auf Propaganda-Videos, sondern auf gezielte Ansprachen via soziale Medien. Junge Menschen werden so systematisch verführt.

Von Barbara Schmickler, tagesschau.de

Sie enthaupten Geiseln in ihren Videos, in ihren Schriften schreiben sie von "Kreuzzügen" und der "Endschlacht". Der "Islamische Staat" wirbt um seine Sache - und nutzt dabei das Internet für seine Propaganda. Die Dschihadisten sind bei Twitter und Facebook aktiv, veröffentlichen aber auch ihr eigenes Online-Magazin. Die Botschaft lautet immer wieder: "Wir erschaffen uns einen Staat, du kannst Teil davon werden."

Auch die 15-jährige Safia S. aus Hannover, die einem Polizisten mit einem Messer in den Hals stach, könnte Verbindungen zu radikalen Islamisten gehabt haben. In einem Interview mit dem NDR sagte ihr Vater, er vermute, seine Tochter sei einem Aufruf aus dem Internet gefolgt.

Einfacher Zugang in die Szene

Die junge Schülerin aus Hannover wäre kein Einzelfall. Experten zufolge radikalisieren sich immer mehr Jugendliche im Netz. Besonders für den Zugang in die Szene sei das Internet wichtig, sagt Götz Nordbruch von der Berliner Beratungsstelle ufuq.de. Deren Ziel ist es, schon frühzeitig Radikalisierung von Jugendlichen zu verhindern. Im Internet könne man sich selbstständig und im eigenen Tempo mit den radikalen Inhalten vertraut machen, gibt Nordbruch zu bedenken.

Anfällig für radikale Ideologien seien vor allem junge Menschen zwischen 14 und 35 Jahren, erklärt der Bielefelder Extremismusforscher Nils Böckler. "Die Ideologie suggeriert eine einfache Antwort auf komplexe Lebensfragen der Jugendlichen", sagt er im Gespräch mit tagesschau.de. Und die Radikalisierung kann schnell verlaufen: Bei mehr als der Hälfte der Dschihad-Reisenden dauere sie weniger als ein Jahr, so Böckler.

Titelblatt des IS-Propaganda-Magazins "Dabiq" (Screenshot)
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Titelblatt des IS-Propaganda-Magazins "Dabiq" (Screenshot)

Online-Magazin auf Deutsch

Während bei Youtube, Facebook oder Twitter islamistische Inhalte immer häufiger gelöscht werden, betreiben die Dschihadisten des IS eigene Kanäle. Ihr "Medienzentrum" Al-Hayat richtet sich mit Propaganda-Filmen und dem Online-Magazin "Dabiq" an die westliche Welt. Das erscheint mittlerweile nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Deutsch.

Das Magazin ist leicht zu finden und für jeden jederzeit nutzbar: Aufwühlende Fotos, Bilder von Glaubenskriegern, Enthauptungen und Folterungen, religiöse Unterweisungen und politische Grundsatzartikel. Ein professionell gemachtes Online-Magazin, das direkt mit den Propaganda-Videos der Islamisten verlinkt ist.

Der Titel "Dabiq" bezieht sich auf eine Schlacht im syrischen Ort Dabiq bei Aleppo, wo 1516 die Osmanen ein "Heer von Ungläubigen" besiegten. Heute - 500 Jahre später - so die apokalyptische Botschaft des Magazins, findet dort die entscheidende Schlacht gegen die Kreuzzügler von einst statt. Über dem Petersplatz in Rom wird die schwarze Fahne der Islamisten wehen, so ein Motiv in einer Ausgabe des Magazins. "Die Propaganda des IS funktioniert nach den Regeln modernster Werbekommunikation", sagt Experte Böckler.

Pseudoreligiöse Begründungen

Dabei will der "Islamische Staat" sein vermeintlich religiöses Fundament darstellen. "Sie versuchen immer wieder, pseudoreligiöse Begründungen zu finden - zum Beispiel bei der Rechtfertigung der Versklavung der Jesidinnen", erklärt der Politologe Asiem El Difraoui, der sich schon lange mit den Mechanismen moderner islamistischer Propaganda beschäftigt.

Die religiösen Texte in "Dabiq" sind mit Koranzitaten und Hadithen, den Anekdoten aus dem Leben des Propheten Mohammed, gefüttert. Dabei würden etwa die Koranzitate aus dem Zusammenhang gerissen, erklärt der Islamwissenschaftler und Pädagoge Michael Kiefer: "Sie missbrauchen die Religion für ihre Zwecke."

Aufmerksamkeit westlicher Medien entscheidend

Die Medienstrategie des IS, auch Daesh genannt, sei gezielt aufgebaut worden, sagt El Difraoui zu tagesschau.de. "Daesh beobachtet westliche Medien genau. Gibt es eine Nachrichtenflaute, veröffentlichen sie zum Beispiel ein Bekennervideo. Über das, so die Hoffnung, berichten dann die westlichen Medien." Mit der eigenen Zeitschrift soll einerseits maximale Aufmerksamkeit generiert werden.

Andererseits diene "Dabiq" auch der Kontrolle über die eigene Propaganda: "Daesh will, dass man über ihn spricht. Die Verbreitung in sozialen Netzwerken ist erwünscht", sagt der Politologe. Gleichzeitig solle die Hauptkommunikation der zentralen Ideologie immer in der eigenen Hand bleiben. "Das ist eine gefährliche Hybris geworden zwischen gestohlenen Symbolen des Islams und gestohlener Symbolik einer globalen Jugendkultur", ergänzt El Difraoui.

Asiem El Difraoui | Bildquelle: Koerber-Stiftung/David Ausserho
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Der IS beobachte westliche Medien genau, sagt Politologe El Difraoui.

Nils Böckler | Bildquelle: Nils Boeckler
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Extremismusforscher Böckler warnt: Die Radikalisierung von Jugendlichen könne sehr schnell verlaufen...

"Dschihadist von nebenan"

Je größer Provokation und Schockeffekt, desto stärker die Faszination bei potenziellen IS-Kämpfern. Geschickt setzt die Medienstrategie bei den Bildwelten westlicher Jugendlicher an. "Sie erzeugen das Bild vom Dschihadisten von nebenan", sagt Böckler. "Sie holen die Jugendlichen genau da ab, wo sie sind und bieten für die verschiedenen Bedürfnisse Angebote."

Was können Islamisten den Jugendlichen bieten? "Die Islamisten sagen, sie stünden auf der richtigen Seite, da sie im Sinne der göttlichen Offenbarung handeln. Dies bedeute auch, dass man in bestimmten Situationen Herr über Leben und Tod sei. Das kann für einen schwachen Menschen sehr viel Bedeutung haben", sagt Islamwissenschaftler und Pädagoge Kiefer: "Wir als Pädagogen können sagen: Streng dich in der Schule an, steh früh auf. Die Botschaften sind nicht vergleichbar mit denen der Rekrutierer, die im Kern Selbsterhöhung und Selbstermächtigung anbieten. Die arbeiten wie Rattenfänger und kommen mit unlauteren Versprechungen um die Ecke."

Ex-Gangster-Rapper als Vorbild

Der IS wirbt auch mit Vorbildern wie dem ehemaligen Gangster-Rapper Deso Dogg. Als Musiker wurde er mit Kriminalität und Drogen in Verbindung gebracht, dann konvertierte er zum Islam, ging zum IS. Religion habe für dessen Publikum als Rapper keine Rolle gespielt, sagt Nordbruch von der Beratungsstelle ufuq.de. "Dadurch, dass er nach Syrien gegangen ist, erreicht die Propaganda auch dieses Publikum. Weil er mit seinem bisherigen Leben gebrochen hat, hat er in der radikalen Szene eine Vorbildfunktion. Er steht für die Möglichkeit eines Neuanfangs und eines wahrhaft islamischen Lebens."

Das nutzt die Propaganda. In Videos mit martialischen Bildern singt Deso Dogg nun über den IS. Ein Liedtext: "Wir wollen euer Blut, es schmeckt so wunderbar."

Deso Dogg spreche Jugendliche an - und das werde mit Botschaften des IS verbunden, erklärt Nordbruch: "Das ist eine sehr moderne und zugleich sehr religiöse Form von Propaganda. Das ist eine Propaganda, die direkt auf Jugendliche, die in Deutschland leben, zugeschnitten ist."

Kalifat als Vorzeigegesellschaft

Neben der Gewaltdarstellung werde das Kalifat aber auch als Vorzeigegesellschaft präsentiert. Kinder schlecken Eis, Familien picknicken am Euphrat. "Die Bilder sollen zeigen, wie gut der Staat funktioniert", sagt Nordbruch. Für die Rekrutierung sei dies ebenfalls ein wichtiges Element: "Hier wird Jugendlichen suggeriert: Es gibt dort eine bessere Welt, es gibt dort Perspektiven."

Ein weiterer Schritt der Radikalisierung sei die persönliche Ansprache, sagt Islamwissenschaftler Kiefer: "Die gezielte Ansprache ist das wichtigste Rekrutierungsformat, das auch in den sozialen Netzwerken läuft. Das ist nicht gleichzusetzen mit Propagandamaterial, das jeder googeln kann."

"Hallo Aisha, ich bin in Rakka"

Ein einheitliches Muster gebe es dabei nicht, die Ansprache von Frauen und Männern ist zu unterscheiden: "Bei Frauen läuft die Rekrutierung über Whats-App-Gruppen. Ausgereiste Frauen nutzen ihre bisherigen Kontakte nach Deutschland, berichten dort vom Leben beim IS. So schließen sich weitere Frauen dem IS an", erklärt Kiefer. Eine Ansprache könnte zum Beispiel so beginnen, sagt er: "Hallo Aisha, ich bin's, ich bin in Rakka. Das ist eine Stadt im Herzen unseres IS-Staates. Hier ist alles ganz anders als Du in den Nachrichten hörst. Wir leben hier, wie es der Prophet gewollt hätte."

Bei Männern hingegen funktioniere die Mobilisierung oft über männliche Rekrutierer, die teils aus Syrien zurückgekommen sind: "Sie sprechen gezielt Jugendliche an, von denen sie vermuten, dass sie rekrutierbar sind", sagt Islamwissenschaftler Kiefer. Bestimmte Kämpfer haben zum Beispiel bei Facebook Accounts, die öffentlich zugänglich sind. "Da lächelt einen der Rekrutierer an, bietet an, Fragen zu stellen", erklärt Extremismusforscher Böckler.

Er sei für das Image-Mangement am deutschen Markt zuständig, schreibt den Jugendlichen auf Deutsch. Dies gebe es für jedes europäische Land. "Da steckt ein System dahinter", sagt Böckler.

Damit haben die Dschihadisten offenbar Erfolg. Laut Angaben der Sicherheitsbehörden reisten inzwischen mehr als 800 Islamisten aus Deutschland in Richtung Syrien und den Irak, um sich dort dem IS und anderen terroristischen Gruppierungen anzuschließen. Die meisten sind jünger als 30 Jahre.

Kontakt zu Kindern nicht abreißen lassen

Experten raten Eltern, mit ihren Kindern immer im Gespräch zu bleiben. Islamwissenschaftler Kiefer berichtet aus der Forschung: "Familien, in denen Radikalisierung vorgekommen ist, waren oft geprägt von Sprachlosigkeit. Kommunikation mit den Kindern ist das Wichtigste."

Alarmismus und Vorwürfe bewirkten schnell das Gegenteil, sagt Experte Nordbruch: Komme man nicht mehr an das eigene Kind heran, sollte man sich Hilfe bei Beratungsstellen holen, rät er: "Dort sind Mitarbeiter, die einschätzen, ob tatsächlich eine Gefahr besteht oder ob es sich nur um Provokationen und eine Suche handelt, die vielleicht in zwei Monaten wieder vorbei ist."

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